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Motorsport : Die moderne Formel 1 soll vernünftiger werden

Rennverkehr: 55 Liter auf 100 Kilometern Bild: dpa

Co2-Ausstoß runter, Bremsenergie auf- und Hitzeverlust einfangen: Die Formel 1 soll in Zukunft zum Vorreiter der industriellen Herausforderung mit ökologischem Touch werden. Zugleich soll der Rennsport auf höchstem Niveau weiterhin Spaß machen.

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          Was nach Michael Schumacher kommt? Eine neue Formel 1! Das haben Max Mosley, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), und Burkhard Göschel, der Vorsitzende der Konzerngemeinschaft in der Formel 1 (GPMA), am Dienstag in der Münchner BMW-Zentrale verkündet: Eine Formel 1, in der es mit Blick auf Effizienz und Sparsamkeit nach Jahren verpulverter Millionenbudgets allen Geldverschwendern an den Kragen gehen soll. Und zwar auf dem Wege einer technischen Revolution.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die hochgeschätzte, am Stand der modernen Autotechnik rückständige Formel 1 soll sich von 2009 an zum Vorreiter der industriellen Herausforderung mitsamt einem ökologischen Touch etablieren: Co2-Ausstoß runter, Bremsenergie auf- und Hitzeverlust einfangen. „Wenn man von 320 auf 80 herunterbremst“, sagte Göschel, bis Ende Oktober Vorstandsmitglied von BMW, „dann gehen 2500 Kilowatt verloren.“ „Mehr als 3000 PS“, fügte Mosley, der Jurist, lachend hinzu, „in wenigen Sekunden.“

          Transfereffekt für Straßenautos gefordert

          Eintracht unter Feinden? Vor Monaten noch warf der scharfzüngige Mosley den Herstellern vor, kopflos Abermillionen in „nichts zu investieren“, während die GPMA laut über eine längst überfällige Ablösung des cleveren wie machtbewußten Regelherren aus England nachdachte. Mosley hatte einen fünfjährigen Kampf gewonnen, weil die Hersteller sich doch nicht zu einem Alleingang durchringen konnten. Und er siegte ein zweites Mal, als er sich mit dem Einfrieren der Motorentechnik für die nächsten zwei Jahre durchsetzte.

          Formel 1-Fahrzeug: „Rennsport muß Fun bleiben”

          Ihr Gesicht haben die größten Automobilkonzerne der Welt nun doch nicht verloren. Denn der Weg zur neuen Ära ist von der GPMA entscheidend geprägt worden: „Es ist schön, wenn man einen Motor baut, der 20.000 Umdrehungen schafft“, sagte Göschel, „aber es hilft uns nicht weiter. Es muß einen Transfereffekt geben für die Straßenautos.“ Da nickte Mosley. Und so soll die neue, „vernünftige“ Formel 1 nach den Vorstellungen der beiden Vordenker kombinieren, was eigentlich als Quadratur des Kreises betrachtet wird: Emotion und Vernunft.

          55 Liter auf 100 Kilometern

          In den Vorstandsetagen wird es ein Formel-1-Chef nach diesen Plänen leichter haben, Entwicklungsgelder für einen „Turbomotor mit kleinerem Hubraum“ (Göschel) ab 2011 oder die Energierecycling-Systeme (ab 2009) zu erhalten. „Reden Sie mir aber nicht von der Öko-Formel“, sagte Göschel leicht erschrocken. Der Umbau wird ohnehin die konservativen Geister der Formel 1 dazu bewegen, das hohe Klagelied vom Ende der guten alten Knatterei anzustimmen.

          Ökologen werden sich andererseits fragen, ob denn ein Spritspareffekt von 15 bis 20 Prozent im Vergleich zu den Boliden anno 2006 wirklich ein Beitrag zur Umweltschonung ist. Schließlich schluckte der moderne Renner immer noch rund 55 Liter auf 100 Kilometer. „Nein, es muß natürlich Rennsport auf höchstem Niveau, Fun bleiben“, sagte Göschel, während sich Mosley bemühte, die Außenwirkung der Umgestaltung zu skizzieren: „Sie werden bei den modernen Autos keinen Unterschied zu denen von diesem Jahr sehen.“

          Rotwein am Strand von Nizza

          Da sich neben dem Formel-1-Manager Bernie Ecclestone die beiden stärksten Interessenvertreter in der Formel 1 nun einig sind, in welche Richtung gefahren wird, bleibt der Opposition kein Spielraum mehr für Überholmanöver. Den Zuruf an Göschel, ob er denn nach all den Vorfällen und Attacken, den merkwürdigen Regeländerungen des Regelchefs Mosley im Verlauf der vergangenen Jahre „Vertrauen“ empfinde, beantwortete der BMW-Mann ohne Zögern mit „Ja“.

          Mosley beeilte sich, die jüngsten Entscheidungen der Schiedsrichter (Streckenstewarts) im Endspurt der WM vom Geruch der Manipulation zu befreien: „Wenn ich zum Hörer hätte greifen können, um etwas zu ändern, dann hätte ich es gemacht.“ Mosley hält einige Entscheidungen für falsch: Weltmeister Alonso hätte er in Ungarn (Bremstest vor einem Kollegen) etwa „nach Hause“ geschickt und in Monza (angebliche Blockade) freigesprochen. Michael Schumacher hätte er wegen des Parkmanövers in Monaco, nach dem „professionellen, aber dummen Foul“, um zehn, nicht um zwanzig Plätze nach hinten versetzt: „Das Gute daran ist, daß die Stewarts nicht berücksichtigen“, behauptete Mosley, „was ich denke.“

          Zukunft durch vernünftigen Fortschritt

          Gleiches Recht für alle garantiert Mosleys Schiedsrichterschelte von München nicht. Aber die neue Nähe des FIA-Chefs zur Werksgemeinschaft verrät einen gewissen Sinneswandel. Hat Mosley, der nie Politiker werden konnte, weil sein Vater in England einst die Faschisten führte, eine neue Faszination entdeckt? So, wie er vor zwölf Jahren nach den tödlichen Unfällen in der Formel 1 die Sicherheitspolitik energisch und erfolgreich vorantrieb, so scheint er nun ein neues Gebiet für sich zu nutzen: Zukunft durch vernünftigen Fortschritt.

          Daß er die Politik mit den Konzernzentralen der Automobilhersteller abstimmt, statt gegen mehr oder weniger ungehobelte Teamchefs zu kämpfen, beflügelt Mosley sichtlich. Mit 66 scheint er das Fahrerlager der Formel 1 mehr und mehr hinter sich zu lassen, ohne gleich in einer Konzernzentrale Platz zu nehmen. Göschel und Mosley sind sich bei einem Glas Rotwein nähergekommen. Am Strand von Nizza.

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