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Motorrad-WM : "Ihr habt sie nicht mehr alle, ist manchmal die Reaktion"

  • Aktualisiert am

Ritt auf der Kanonenkugel: Alexander Hofmann Bild: dpa

Alexander Hofmann fährt seit 1999 in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Der 24 Jahre alte gebürtige Mindelheimer galt seinerzeit als größtes deutsches Talent, konnte in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter die Hoffnungen aber nur selten erfüllen. Seit dieser Saison startet Hofmann, der außer Deutsch vier Sprachen spricht, als Werksfahrer von Kawasaki in der GP1-Klasse.

          Sie sind der erste deutsche Motorrad-Rennpilot, der als Werksfahrer in der Königsklasse startet. Erklären Sie uns doch mal, wie das ist, wenn man bei Ihrer Kawasaki am Gashahn dreht.

          Wir Fahrer sind natürlich daran gewöhnt, aber die Leistung ist gewaltig. Wenn wir Gäste haben, die das zum ersten Mal als Zuschauer an der Piste erleben, ist die Reaktion manchmal: Ihr habt sie nicht mehr alle. Es ist wirklich ziemlich verrückt. Die Maschinen haben 250 PS, man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Selbst wenn du zum Beispiel mit 160 Kilometern pro Stunde in die Kurve gehst und gibst Gas, dreht das Hinterrad durch. Es ist tatsächlich der berühmte Ritt auf der Kanonenkugel.

          Wie schwierig war die Umstellung auf die Königsklasse?

          Ich war ja schon in der letzten Saison als Testfahrer bei Kawasaki angestellt und hatte auch ein paar Grand-Prix-Starts als Wild-card-Fahrer, daher kannte ich schon alles ziemlich gut. Aber als Werksfahrer ist es doch etwas ganz anderes. Davon habe ich jahrelang geträumt. Man hat ein ganzes Team hinter sich, es wird sich um alles gekümmert, und man bekommt ein Gehalt.

          Eine ganz neue Erfahrung für Sie . . .

          . . . das kann man sagen. Es ist überhaupt das erste Mal, daß ich richtig Geld verdiene. Als ich 1999 in die 250er Klasse der WM eingestiegen bin, mußten wir uns als Privatteam durchkämpfen, das war mehr ein Abenteuer. Das mit dem Geld ging immer so Null auf Null aus. Ein Urlaub mit der Freundin, das war der einzige Luxus.

          Und jetzt wohnen Sie plötzlich, wie Michael Schumacher, in der Schweiz (Richterswil bei Zürich). Vermutlich nicht nur wegen des guten Klimas.

          Die Schweiz ist ein furchtbar schönes Land. Man hat seine Ruhe. Und man hat sonst noch ein paar Vorteile, die man in Deutschland nicht hat.

          Deutschland ist ein Land mit großer Tradition im Motorrad-Rennsport. Warum ist es für deutsche Fahrer in der WM so schwierig, über die Runden zu kommen?

          Ich bin überzeugt, daß das Potential da ist. Aber es fehlen einfach die Local Heros. Man bräuchte eine deutsche Ausgabe von Valentino Rossi, dann sähe das ganz anders aus. Aber ich habe das Gefühl, bei uns tut sich was, wir sind auf dem richtigen Weg. Die Zuschauerzahlen steigen, die Einschaltquoten auch. Daß RTL seit diesem Jahr die Rennen zeigt, ist gut für uns und den Sport.

          Aber insgesamt sind die Einschaltquoten doch eher bescheiden, kein Vergleich zur Formel 1.

          Man darf nicht vergessen, daß die Formel 1, am Anfang von Schumachers Karriere, auch kein Schlager war. Da gab es auch nur Einschaltquoten von 800 000. Das muß sich entwickeln. Ich habe die Hoffnung, daß immer mehr Rennsportfans entdecken, was die Motorrad-WM zu bieten hat. Erst recht jetzt, da aus der Formel 1 die Formel Langeweile geworden ist.

          Nur, wo ist der Held, nach dem sich die deutschen Motorradsport-Anhänger sehnen?

          Den gibt es nicht, noch nicht. Aber es tut sich einiges. Die Nachwuchsarbeit hat sich deutlich verbessert. Irgendwann ist mal einer dabei, der ein Großer werden kann.

          Was ist mit Ihnen?

          Ich muß jetzt erst mal sehen, daß ich in der GP1-Klasse vorankomme. Am Anfang der Saison hatten wir große Probleme mit der Technik, mit den Reifen. Aber in den letzten vier, fünf Rennen hat sich das sehr gut entwickelt. Ich war Elfter, Zwölfter, Dreizehnter, bin also konstant in die Punkteränge gefahren. Man darf nicht vergessen, daß uns die anderen Teams technisch noch einiges voraushaben. Ducati hat eine Topspeed von knapp 350 Kilometern in der Stunde, wir kommen auf knapp über 330.

          Die Frage ist, ob Sie das Zeug haben, um ganz vorne mitzufahren. Ein Blick auf Ihre bisherige Karriere macht es nicht einfach, daran zu glauben.

          Natürlich bin ich kein Rossi, der ist absolut der beste Fahrer. Aber der große Unterschied zu den Spitzenfahrern aus Italien oder Spanien ist ein Standortfaktor. Man hat dort einfach ganz andere Möglichkeiten, auch als Nachwuchsfahrer. Vielleicht hört sich das so an, als ob man jammert. Aber das ist die Realität. Ich bin mit 24 Jahren einer der jüngsten Fahrer in der GP1-Klasse, ich glaube schon, daß ich das Potential habe, eines Tages um Spitzenplätze fahren zu können. Aber da braucht man das richtige Team, das richtige Motorrad, da muß alles zusammenpassen.

          Haben Sie nach dem Einstieg in die Königsklasse das Gefühl, daß Sie angekommen sind?

          Eindeutig. Es ist wirklich ein Traum, in der GP1-Klasse zu fahren und dazuzugehören. Ich war für die Klasse bis 250 Kubikzentimeter mit 1,80 Metern einfach zu groß und zu schwer. Selbst in der größten Klasse haben es die Hüpfer leichter. Nakano, mein japanischer Kollege bei Kawasaki, ist fünfzehn Zentimeter kleiner und 18 Kilogramm leichter als ich.

          Sie haben in ihrer Laufbahn schon ein paar schwere Stürze erlebt. Ist da etwas zurückgeblieben?

          Nein, gar nicht, Gott sei Dank. Mich hat es auch noch gar nicht so oft erwischt. Manche Fahrer sind so oft gestürzt, daß sie gar nicht mehr wissen, wie oft sie sich die Knochen gebrochen haben. Bei mir ist einmal das Schienbein gebrochen, das Schlüsselbein, die Mittelhand. Das ist alles.

          Sie erleben zum ersten Mal als Werksfahrer der Königsklasse den Großen Preis von Deutschland am Sachsenring. Sind Sie aufgeregter als sonst?

          Eigentlich nicht. Die Strecke mit den vielen Kurven sollte uns entgegenkommen, da kommt es nicht sosehr auf die Topleistung an wie auf anderen Pisten. Und für einen deutschen Fahrer ist es dort sowieso ein Traum. Da kommen schon am ersten Trainingstag, also zwei Tage vor dem Rennen, 30 000 Leute. Das gibt es nirgendwo.

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