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Motorrad-WM : Die Zähmung der Widerspenstigen

  • -Aktualisiert am

Querlage in blau: Valentino Rossi Bild: REUTERS

Er scheint unbesiegbar, sein Motorrad war das beste, und doch ist er vom Goliath zum David gewechselt: Der Italiener Valentino Rossi sucht in der neuen Grand-Prix-Saison bei Yamaha sein Glück.

          Startnummer 46 hat zu spät gebremst. Als die blaue Yamaha mit Tempo 200 in die Kurve einbiegt, kommt sie ins Schlingern und bricht nach hinten aus, die Zuschauer schreien auf. Doch der Pilot ruckt nur kurz mit dem Unterleib, stabilisiert so das Motorrad und gibt Augenblicke später schon wieder Gas. Wie ein wildes Pferd bäumt sich die Yamaha auf, beschleunigt innerhalb von Sekunden auf Tempo 330 und donnert die Zielgerade des Circuit de Catalunya bei Barcelona herunter, umjubelt von den Fans auf der Tribüne: Nummer 46 hat die schnellste Runde gefahren.

          Als er das Visier öffnet, strahlt Genugtuung aus Valentino Rossis Augen. "Das war ein Denkzettel für meine Gegner", triumphiert der Italiener, "ich möchte wissen, wie sie sich jetzt fühlen." Spricht's und schenkt seinen Mechanikern den BMW Z4, den er gerade mit seinem riskanten Manöver gewonnen hat. 35000 Euro ist das Auto wert, Peanuts für den am höchsten bezahlten Motorradpiloten aller Zeiten: 15 Millionen soll Valentino Rossi pro Jahr verdienen, seit er im Winter von Honda zu Yamaha wechselte. Doch das Geld, so versichert der fünfmalige Weltmeister treuherzig, sei für ihn Nebensache.

          Man mag es ihm glauben - obwohl der Transfer auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn macht. Im vergangenen Jahr hat die Honda RC211V, 15 von 16 Grands Prix in der MotoGP-Klasse gewonnen; die Yamaha M1, Rossis neuer fahrbarer Untersatz, nicht einen einzigen. "Ich werde jedem den Hintern küssen, der auf diesem Motorrad siegt", gelobte einst Rossis neuer Teamkollege Carlos Checa, als der Spanier an den Tücken der M1 mal wieder verzweifelte. Keine Maschine gilt als so schwer abzustimmen wie die Yamaha - und dazu fehlt es ihr auch noch an Leistung. Bis zu zehn Kilometer pro Stunde an Höchstgeschwindigkeit verlor Rossi bei den Barcelona-Tests auf die Konkurrenz von Honda und Ducati. "Vielleicht wendet sich jetzt alles gegen mich", sagt der 58malige Grand-Prix-Sieger. "Es gibt genug Leute, die nur darauf warten, daß ich jetzt scheitere."

          Nummer 46 setzt Ausrufezeichen

          Valentino gegen einen ganzen Konzern

          Seiner guten Laune tut dies keinen Abbruch. "Ich sehe wieder den lachenden Valentino", vertraute Papa Graziano der "Gazzetta dello Sport" an. Kein Vergleich zum Rossi der vergangenen Saison: Da machten Rücktrittsgerüchte die Runde, als das früher so freundliche Wunderkind mißmutig durchs Fahrerlager stapfte, PR-Termine schwänzte, Interviews verweigerte, sogar auf seine obligatorischen Scherze bei den Ehrenrunden verzichtete. Nachdem er sich in den Jahren zuvor mit seinem Landsmann Max Biaggi auf dem Podium geprügelt, Gummipuppen auf dem Sozius mitgenommen und das weibliche Geschlechtsteil mit einem Aufnäher auf seiner Kombi gewürdigt hatte, waren Rossi die Provokationen ausgegangen.

          Vor allem aber fehlte es ihm an ernsthaften Gegnern auf der Rennstrecke: Als der Champion in Australien eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe aufgebrummt bekam und trotzdem gewann, bekannte er: "Das ist das erste Mal, daß ich wirklich von Anfang bis Ende voll gefahren bin."

          Nun sucht Herr Rossi das Glück bei Yamaha: Weil - und nicht obwohl - dieses Motorrad unterlegen ist, weil Yamaha mit 4,3 Milliarden Euro Jahresumsatz ein David im Vergleich zum Industriegiganten Honda (56,1 Milliarden Euro) ist. Jetzt kämpfe sein Valentino gegen einen ganzen Konzern, sagt Graziano Rossi stolz, "und das macht ihm Spaß." Obwohl Honda vor Saisonbeginn mehrere Millionen Dollar in die Verbesserung der RC211V investierte, lag Rossi, unterstützt von seinem Cheftechniker Jeremy Burgess, beim letzten Test vor zwei Wochen in Jerez schon wieder vorne. Der Widerspenstigen Zähmung scheint ihm zu gelingen; dennoch weist er Titelambitionen weit von sich. "Seriensiege darf niemand von mir erwarten", sagt der Italiener. "Die Weltmeisterschaft ist in diesem Jahr kein Thema."

          Sieger auf dem Rasenmäher

          Der Erzfeind des besten Motorradpiloten der Gegenwart verfolgt indes die Vogel-Strauß-Taktik. "Rossis Rundenzeiten interessieren mich nicht", sagt Max Biaggi - und schaute sich die ersten Testfahrten seines Landsmanns gar nicht erst an. Im Juni wird der Römer 33. Sein Haar ist schütter geworden, das einstige Markenzeichen, das Grunge-Bärtchen, ganz verschwunden. Für den viermaligen Weltmeister der Kategorie bis 250 Kubikzentimeter Hubraum ist es vielleicht die letzte Chance, seine Karriere endlich mit dem Titel der "Königsklasse" zu krönen. Oft hat sich Biaggi in den letzten Jahren mit Platz zwei begnügen müssen, immer wähnte er sich auf der Yamaha oder einer Kunden-Honda dem Werksfahrer Rossi technisch unterlegen. "Wenn ich ihn jetzt besiege, werden manche Leute meinen, ich sei der bessere Fahrer", hofft Biaggi.

          Und wenn nicht? Daß Rossi das Duell Mensch gegen Maschine bereits beim Saisonauftaktrennen in Südafrika, für sich entscheidet, mag niemand mehr ausschließen. "Valentino wäre auch auf einem Rasenmäher schnell", sagt sein einstiger, längst pensionierter Konkurrent Ralf Waldmann. Und so wird Carlos Checa wohl in Kürze vor seinem Teamkollegen niederknien müssen. Denn für einen guten Gag riskiert Valentino Rossi gerne Kopf und Kragen.

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