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Motorrad-Weltmeisterschaft : „Vielleicht ist Marcos Tod ein Aufwachen für uns“

  • Aktualisiert am

Stefan Bradl kann am kommenden Wochenende Weltmeister werden Bild: dapd

Stefan Bradl steht kurz vor dem Gewinn der Motorrad-Weltmeisterschaft. Im F.A.Z.-Interview spricht er über unaufhaltsame Beschleunigung und die unvergesslichen Bilder vom Tod Simoncellis.

          4 Min.

          Es gab in den vergangenen Tagen einige Irritationen um Marc Marquez, Ihren einzig verbliebenen Gegner im Titelkampf. Möglicherweise kann der Spanier wegen einer Verletzung an diesem Wochenende in Valencia überhaupt nicht an den Start gehen. Sie wären kampflos Weltmeister in der Moto2-Klasse. Wie fühlt man sich so kurz davor?

          Ich will mich damit noch überhaupt nicht beschäftigen, ich konzentriere mich nur auf mich und meine Arbeit. Vor dem Grand Prix in Valencia habe ich deshalb versucht, ein bisschen Abstand vom Sport zu gewinnen. Ich war zu Hause in Bayern, um mich mal wieder auf andere Gedanken zu bringen. Das war schwer nötig nach allem, was passiert ist in Malaysia. Trotzdem bekomme ich den Tod von Marco Simoncelli einfach nicht aus dem Kopf.

          Was hat dieser Unfall in Ihnen verändert?

          Auf der Strecke sind wir alle Gegner, wir kämpfen gegeneinander, aber irgendwie sind wir auch so etwas wie eine Familie. Wir kennen uns zum Teil sehr lange, deshalb ist so etwas unglaublich brutal. Der Unfall und der Tod von Marco beschäftigen mich sehr, er geht mir unglaublich nah. Es ist die Frage, wie man als Sportler damit fertig wird. Und diese Frage kann ich noch nicht beantworten. Ich versuche es schon zu verdrängen, aber vergessen kann man es nicht.

          In Aktion: Stefan Bradl beim Grand Prix in Malaysia

          Reichen die derzeitigen Sicherheitsvorkehrungen im Motorradsport aus?

          Verletzungen liegen bei uns in der Natur der Sache. Wir haben keine Karosserie und kein Karbonmonocoque um uns herum, wir sind nicht angeschnallt. Wenn wir stürzen, dann ist die Knautschzone nur unser Leder und unser Helm. Natürlich werden die Sicherheitsvorkehrungen immer wieder neu diskutiert, sie werden permanent verbessert - aber wir haben es einfach nicht so leicht wie die Fahrer in der Formel 1. Viele Menschen haben das Bestmögliche getan, um Marco zu helfen. Im Nachhinein sehe ich es allerdings so, dass vieles hätte besser laufen können - speziell der Abtransport (Simoncelli fiel auf dem Weg zum Krankenwagen von der Trage). Wenn wir aber ganz ehrlich sind, hätte das dem Marco vermutlich auch nicht mehr geholfen. Meiner Meinung nach waren seine Verletzungen zu stark. Ich hoffe, dass sich die Jungs Gedanken darüber machen, wie sie das verbessern können. Vielleicht ist sein Tod wieder einmal ein Aufwachen für alle, dass es noch Reserven in Bezug auf die Sicherheit gibt. Wir dürfen nichts unversucht lassen.

          Haben Sie eine Idee?

          Ich habe mich das schon sehr oft gefragt. Vielleicht kann man Sturzbügel bauen, die ab einer gewissen Schräglage ausklappen und das Motorrad nach außen wegrutschen lassen. Marco hätte dann vermutlich nicht einmal einen blauen Fleck gehabt.

          Die Kurvengeschwindigkeiten nahmen zuletzt immer mehr zu, in der MotoGP-Klasse steigt der Hubraum in der kommenden Saison von 800 auf 1000 Kubikzentimeter - ist all das überhaupt noch zu beherrschen?

          Der Mensch will immer mehr - immer schneller, immer größer, immer weiter. Das ist in allen Sportarten so. Die Formel 1 wird ja auch nicht langsamer. Die Reifen werden immer besser, die Motoren immer leistungsfähiger - wir müssen das beherrschen können, das ist unser Job. Anders geht es nicht, denn die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

          Beerdingung des verunglückten Marco Simoncelli: Ein Weckruf?

          Ihr Vater Helmut ist auch in der Motorrad-WM gestartet, Ihre Mutter ist manchmal an der Rennstrecke dabei - wie gehen Sie in der Familie mit dem Risiko um?

          Wir waren alle geschockt, als wir den Unfall von Marco gesehen haben - das ist doch klar. Aber was soll man großartig darüber sagen? Man kann nur hoffen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Jeder von uns ist sich des Risikos bewusst. Aber trotzdem: Wenn ich auf der Maschine sitze, versuche ich weiterhin so schnell wie möglich zu fahren. Darauf konzentriere ich mich auf der Strecke, Angst oder solche Dinge sind für mich überhaupt kein Thema. Ich kann mir darüber nicht permanent Gedanken machen, was alles passieren könnte. Wenn ich mich jetzt schwer mit dem beschäftigen würde, dann würde nur meine Leistung darunter leiden.

          Sie haben in dieser Saison unter anderem Ihre Hand verletzt, Ihr WM-Gegner Marc Marquez erlitt in Malaysia unter anderem eine Schulterprellung und eine Gehirnerschütterung - bedeutet der Motorradsport unweigerlich Schmerzen?

          Wenn man stürzt, steht man in 75 Prozent der Fälle einfach so wieder auf, und es passiert gar nichts. Manchmal bricht man sich einen Fuß oder einen Arm - das bleibt nicht aus. Es gibt keinen Fahrer, der noch nie eine Verletzung hatte. Das ist ein verdammt harter Sport, aber wird sind auch hart im Nehmen. Wir lieben alle ungemein, was wir dort draußen auf der Rennstrecke machen. Es gibt sehr viele schöne Seiten des Motorradsports. Dass die WM nun aber vielleicht durch eine Verletzung entschieden wird, ist sehr schade. Ich weiß nicht, wie schwer Marc wirklich verletzt ist. Offenbar hat er sich auch noch die Schulter ausgekugelt - das hatte sein Team in Malaysia zunächst noch verheimlicht.

          Was würde Ihnen der Titel bedeuten?

          Es wäre die Krönung meiner bisherigen Karriere, der absolute Höhepunkt. Damit wäre mein Traum in Erfüllung gegangen, ich wollte immer einen Platz besser sein als mein Vater in der Weltmeisterschaft. Das hätte ich dann geschafft - genau zwanzig Jahre nach seiner Vizeweltmeisterschaft. Das wäre wahrscheinlich der schönste Tag in meinem Leben. 

          Und was kommt danach?

          Mein Ziel bleibt die MotoGP. Aber als Deutscher ist es nicht so einfach, die nötigen Geldgeber für so ein Projekt zu finden. Ich habe mich jetzt erst einmal damit abgefunden, noch eine weitere Saison für Kiefer in der Moto2-Klasse an den Start zu gehen. Ich glaube, dass mir eine weitere Saison in dieser Kategorie guttun wird. Aber im nächsten Jahr müssen wir eher anfangen mit den Verhandlungen, das haben wir gelernt in den vergangenen Monaten. Meine Familie und ich wurden mit der MotoGP zum ersten Mal konfrontiert - und das ist noch mal eine ganz andere Liga. Es geht um mehr als doppelt so viel Geld, als Team brauchst du ungefähr sechs Millionen Euro. Das war schwer aufzutreiben.

          Als Weltmeister würde sich sicher vieles verbessern, oder?

          Ich merke schon jetzt deutlich, dass sich etwas bewegt. Ich bekomme mehr und mehr Aufmerksamkeit - aber natürlich bin ich weit von dem entfernt, was Sebastian Vettel (Formel-1-Weltmeister) auslöst. Das ist noch mal eine andere Dimension. Wir hatten im Motorradsport seit 1993 (Dirk Raudies) keinen deutschen Weltmeister mehr, wir haben es nötig, dass etwas passiert. Dabei haben wir etwas zu bieten, wir zeigen spektakuläre Rennen, wir haben außergewöhnliche Sportler - der Motorradsport sollte für viele interessant sein. Vielleicht können wir den Stellenwert durch den Titelgewinn noch mal steigern.

          Die Fragen stellte Michael Wittershagen

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