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Motorrad : Hirn bleibt eingeschaltet - aber den Ritter Jenkner gibt's nicht mehr

Ehrenformation: Jenkner als Sieger Bild: AP

Im siebten Jahr ist der Sachse ganz vorne, aber die Karriere als Motorradprofi verschafft kein sorgenfreies Leben..

          3 Min.

          Fußball? Steve Jenkner winkt ab. Er deutet auf sein lädiertes Sprunggelenk. "Da geht nichts mehr", sagt er und verläßt - leicht humpelnd - das Fahrerlager. Es ist schon erstaunlich, daß zum traditionellen Wohltätigkeitskick am Donnerstag vor dem Großen Preis von Deutschland auf dem Sachsenring eine Rennfahrer-Elf aufläuft, geschundene Burschen, die ihre Knochenbrüche und Bänderrisse längst nicht mehr zählen. Jenkner weiß von zehnen "oder so" in seinem Leib. Es könnten noch mehr werden. Denn im siebten Jahr als Grand-Prix-Pilot fährt der 27jährige Sachse endlich dort, wo ihn Experten des Motorradrennsports schon 1997 sahen: ganz vorne, "wo es eng wird, wo die Ellbogen ausgefahren werden", wie Jenkner nüchtern schildert. Zum Rennen in der Heimat, einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt, tritt der Aprilia-Pilot als Zweiter der Fahrerwertung mit 26 Punkten Rückstand hinter dem Spanier Daniel Pedrosa (Honda) an. Zehn Jahre nach dem Triumph von Dirk Raudies bietet sich dem Deutschen die Chance, Weltmeister in der Achtelliterklasse zu werden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Und warum erst jetzt? Jenkner holt tief Luft. Dann schildert er die Reise eines Talents, das wahrscheinlich mehr gefordert als einfühlsam gefördert wurde. "Man muß doch erst Erfahrungen sammeln. Und dann hatte ich nicht die richtige Maschine, aber meine Teamchefs erwarteten trotzdem Siege." Ihre Fahrer auch. Jenkner übernahm den Druck, ohne zu rebellieren. Nicht einmal, als es weh tat. "Ich stürzte, fuhr dann gleich wieder und stürzte wieder. Ich wollte einfach zu viel." Die anderen bald darauf gar nicht mehr. Erst stoppte Sponsor Marlboro den Geldfluß, dann der ADAC Sachsen seine Unterstützung. Zur Saison 2001 stand Jenkner mit leeren Händen da, ein Klempner ohne Berufserfahrung und der Aussicht, statt auf dem Motorrad nun mit dem Kinderwagen seine Runden zu drehen. Der designierte Hausmann, hieß es in der Branche, sei nicht "hart" genug für seinen Sport. "Wehleidigkeit, nicht genügend Biß" warfen ihm ehemalige Teamchefs hinterher. "Dabei habe ich mir gerade in dieser Zeit viele Verletzungen zugezogen und bin trotzdem gefahren", sagt Jenkner heute. Einst sogar mit einer tags zuvor angenähten Fingerkuppe.

          Die Odyssee scheint beendet, seit Jenkner in Italien als gestrandeter Rennfahrer landete. In Diensten von Exalt Cycle Aprilia wirke er nicht mehr so verkrampft, sagen die ständigen Beobachter der Grand-Prix-Szene. Jenkner spricht lieber von der "optimalen Ergänzung": "Wenn ich im Training nicht ganz vorne bin, ist das für alle in Ordnung, solange ich 100 Prozent gegeben habe. Das war früher leider nicht so. Ich bin jetzt so locker wie möglich, und die Jungs arbeiten so hart wie nötig." Das Ergebnis ließ sich auch am Freitag sehen. Jenkner belegte Rang zwei im ersten Zeittraining: "Es ist jetzt alles viel professioneller als früher." Dazu gehört auch die schmerzhafte Erkenntnis, daß Spitzenleute härter um ihre Position kämpfen als Mittelständler. "Ich bin kein Draufgänger wie Stefano Perugini, der mal für fünf Minuten sein Hirn ausschaltet und die Leute vom Motorrad fährt", erklärt Jenkner, "aber ich halte mich auch nicht zurück, wenn es um Punkte geht." Er glaubt nicht (mehr), daß man mit einer ritterlichen Fahrweise Grand Prix gewinnt. Im vergangenen Jahr, als Jenkner den Weltmeister auf dem Sachsenring um eine Tausendstelsekunde von Platz drei verdrängte, drückte ihn der Kollege auf den Grünstreifen, bei Tempo 150. "Absicht kann man nie beweisen, aber es ist härter geworden, wir sind manchmal 15 Fahrer innerhalb von einer Sekunde", sagt Jenkner und listet die üblichen Tricks auf: Die optimale Linie schneiden, gleich in der ersten Kurve drücken und drängen, den Ellbogen ausfahren, daß man eigentlich von Schiebung reden müßte. "Vieles wird doch gar nicht von den Kameras eingefangen." Und manches nicht geahndet. So erkundete Jenkner neulich die Größe des rechtsfreien Raumes. Nach dem Qualifikationstraining zum Großen Preis von England in Donington vor zwei Wochen fühlte er sich benachteiligt. Jenkner hatte - wie vom Reglement verlangt - das Gas zurückgenommen, als mit einer gelben Flagge vor Gefahr gewarnt wurde, war aber trotzdem von Rang drei auf sieben zurückgefallen. Die Streckenkommissare bestätigten ihm zwar, daß niemand "unter Gelb" seine Sektorzeit hätte verbessern dürfen. Aber sie schickten Jenkner - wie er sagt - mit dem lapidaren Hinweis weg, man wolle nun nicht jede Kleinigkeit bestrafen. Jetzt ist der Rebell im Sachsen geweckt: "Wenn ich für so was in Zukunft bestraft werden sollte, dann weigere ich mich." Vermutlich bringt ihn die Anpassung weiter. Zumal selbst ein WM-Titel keinesfalls ein (finanziell) sorgenfreies Leben in Aussicht stellte. Die Angaben über Jenkners Verdienst in dieser Saison schwanken zwischen 50 000 und 120 000 Euro im Jahr: "Ich sage nichts dazu, nur daß 120 000 leider ziemlich weit weg sind von der Realität." Im wahren Leben steuert Jenkner sein Wohnmobil über Nacht zu den europäischen Rennen. Weil es billiger ist, sein Bett mitzubringen. Noch schielt er nicht auf die betuchteren Kollegen in der Königsklasse MotoGP, wo "der Sprit wohl soviel kostet wie bei uns ein Motorrad". Jenkner zuckt mit den Schultern. "Ich habe doch Spaß, mit den Besten zu fahren. Ich will meinen Fahrstil verbessern, immer wieder. Das ist es, was uns antreibt."

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