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Motorrad-Grand -Prix : Jockeys der Straße suchen ihr Zugpferd

Zu früh abgestiegen: Steven Jenkner Bild: AP

Wo sind die schnellen Deutschen? Den Motorradrennfahrer Steve Jenkner fand man nach dem Großen Preis von Deutschland verärgert und verknittert hinter der Box, gestürzt. Nun sollte man nicht immer nach vorne schauen. Da fahren andere.

          Wo sind die schnellen Deutschen? Den Motorradrennfahrer Steve Jenkner fand man nach dem Großen Preis von Deutschland verärgert und verknittert hinter der Box, während Stefano Perugini auf dem Sachsenring als Sieger der Achtelliterklasse gefeiert wurde. Erst in der 18. Runde - auf Platz zehn liegend - über das Vorderrad gerutscht, dann in den Kies geflogen und schließlich von Platz zwei auf Rang fünf der Fahrerwertung zurückgefallen: Jenkner dachte lieber ans nächste Rennen. Wie die Fans auch. Schließlich bieten sich an einem Rennsonntag drei Chancen, die Landsleute kreisen zu sehen. Nur sollte man nicht immer nach vorne schauen. Da fahren andere. Etwa Profis vom Schlage des Italieners Roberto Rolfo (Honda), dem Sieger der Viertelliterklasse, weit vor dem besten Deutschen Dirk Heidolf (11./Aprilia). Oder, in der MotoGP, die Stars der Szene.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Valentino Rossi jagt vor der letzten Kurve an Sete Gibernau vorbei, dann tauchen die beiden mit einem plötzlichen Kniefall in den Linksknick ein, als neigten sie extremer als andere dazu, den örtlichen Asphalt bei Hochgeschwindigkeit unter die Lupe zu nehmen. Mit Vollgas geht es die Zielgerade hinauf, ihre Hondas brüllen markerschütternd, versuchen sich aufzubäumen. Die Vorderräder heben vom Boden ab, bis die Jockeys der Landstraße etwa 230 Pferdestärken unter ihrem Hintern dressiert haben. Gibernau hilft ein Fehler Rossis, er dreht früher am Gas, schiebt sich vorbei, erreicht 0,06 Sekunden vor dem Italiener das Ziel. Das Publikum jubelt. Hier hat die Creme de la Creme auf den stärksten Rennmaschinen der Welt die Kurve bekommen. Alexander Hofmann kriegt sie auch. Als 17. allerdings eine gute Minute später. Zu spät, sagen die Protagonisten der Szene. Längst haben sie die Ärmel hochgekrempelt: Deutschland braucht den Superstar.

          Vielleicht nicht unbedingt Deutschland, aber der deutsche Motorradsport, der Rechtehändler Dorna, die beteiligten Motorradhersteller, der deutsche Veranstalter und nicht zuletzt der deutsche Privatsender RTL als Vermarktungsbeschleuniger. Nun ist es etwas kniffliger, einen Kurvenkünstler zu kreieren, der mit seinem Drive im Kampf gegen brillante Gegner "bei der Musik" sein muß, als einen, der, wie jüngst vor dem Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring, als nomineller "Superstar" konkurrenzlos die deutsche Hymne schmettert, daß die Hunde heulen.

          Vorerst bleibt nur der Motorrad-Alexander. Ein Superstar ist Hofmann nicht. Ob er einer wird, ist fraglich. "Aber er hat Potential", sagt Harald Eckl. Der ehemalige Zweiradpilot machte Hofmann im vergangenen Jahr zum Testfahrer seines Kawasaki-Teams und ließ ihn am Sachsenring nun schon zum vierten Mal mitsausen. Die Ergebnisse sind so ansprechend, daß der 23jährige Westdeutsche innerhalb von neun Monaten vom Bittsteller zu einem interessanten Spekulationsobjekt avancierte. Denn ein Deutscher, sollte er in der Top-Klasse des Grand-Prix-Sports mit den zehn Besten mithalten, gilt branchenweit als förderungswürdig.

          "Natürlich haben wir ein großes Interesse, daß es in ihrem Land einen guten MotoGP-Fahrer gibt", erklärt Dorna-Sprecher Paco Latorre: "Wir tun, was in unserer Macht steht." Das soll nicht wenig sein. Schließlich würde ein deutscher Zweirad-Held der Dorna helfen, auch hierzulande im Bild zu bleiben. Denn RTL wird nach der Testphase mit drei Liveübertragungen erst in den nächsten Wochen nachrechnen, ob sich ein kompletter Einstieg lohnt. Immerhin steigen die Zuschauerzahlen. 91800 pilgerten zum Sachsenring, etwa 13000 mehr als 2002. Der Grund liegt auf der Hand. Für vergleichsweise moderate Eintrittspreise bietet der Zirkus den Zaungästen, was man in der Formel 1 oft vermißt: nervenzehrende Überholmanöver, Verfolgungsfahrten im Meterabstand, packende Rennen bis zum Zielstrich wie am Sonntag in allen Klassen: Erst in der vorletzten Runde zog Perugini an die Spitze einer Vierergruppe mit Casey Stoner, Alex de Angelis (alle Aprilia) und dem WM-Führenden Daniel Pedrosa (Honda). Nur Jenkner fehlte: "Das kann ich nicht akzeptieren. Ich bin doch sonst konstanter."

          Vermutlich steht der Sachse bald mal wieder vorne in der Einstiegsklasse des Grand-Prix-Sports. Die Macher aber schauen woanders hin. "Die Priorität", sagt Aprilias Rennleiter Jan Witteveen, "gilt der MotoGP." Deshalb stricken die Strategen der Szene auch an einem deutschen Modell. Hofmann, behaupten Experten, soll mit dem Neueinsteiger Kawasaki nach dem Stand der Dinge keine große Chance haben, schnell zu einem von RTL gewünschten Quotenrenner aufzusteigen. Aber mit einer gebrauchten Ducati, vielleicht mit jener Maschine, die Troy Bayliss am Sonntag zu Rang drei trug? Präsident Federico Minoli bestätigte auf Anfrage, für 2004 ein "Satellitenteam" aufbauen und künftig Jahresmaschinen vermieten zu wollen. Unter anderem machte Ducati dem Rennstallbesitzer Luis D'Antin eine Offerte. Prompt fährt der Spanier auf eine italienisch-deutsche Kombination ab. Weil Deutschland der zweitgrößte Markt für Ducati nach den Vereinigten Staaten ist? Und eventuell auch das Geld eines deutschen Hauptsponsors winkt? "Es ist noch nichts unterschrieben", sagt D'Antin und zwinkert: "Aber das wäre doch für alle Seiten gut." Nur, wenn Hofmann wirklich ins Bild rückte.

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