https://www.faz.net/-gtl-oakz

Motorrad : Eine Wechsel gegen die Langeweile

  • -Aktualisiert am

Schräger Vogel: Valentino Rossi feiert wieder einmal einen Titel. Bild: dpa/dpaweb

Valentino Rossi gilt als der größte Rennfahrer in der Geschichte des Motorradsport. Er ist seit seinem Debüt 1997 fünfmal Weltmeister geworden. Dennoch ist er der schräge Vogel geblieben ist, der 1997 wie ein Geschenk des Himmels über die WM-Serie kam.

          henendes in Brünn, tauchte im Presseraum plötzlich dieser verrückte Kerl aus Italien auf. Sein schulterlanges, bunt gefärbtes Haar hatte er auf der einen Hälfte seines Schädels abrasiert, und als er anfing, über sich und seine Zukunft in der Motorrad-WM zu erzählen, klang das so scheppernd, als spreche er in eine leere Blechdose. Der Teenager hieß Valentino Rossi, er war damals 17 Jahre alt und gehörte zu den jungen Abenteurern, wie sie jedes Jahr in der kleinsten WM-Klasse (bis 125 Kubikzentimeter) auftauchen. Rossi sprach ohne Punkte und Komma, er hörte gar nicht mehr auf zu reden. Die Geschichte endete so, daß die genervten Journalisten ihn irgendwann aus dem Pressezentrum warfen.

          Heute, sechs Jahre später, gilt Rossi als der größte Rennfahrer in der Geschichte des Motorradsport. Er ist seit seinem Debüt 1997 fünfmal Weltmeister geworden, zuletzt dreimal nacheinander in der "Königsklasse", die seit zwei Jahren "MotoGP"-Klasse heißt. Doch genauso erstaunlich wie seine Fahrkunst ist die Tatsache, daß er im Grunde genommen der schräge Vogel geblieben ist, der 1997 wie ein Geschenk des Himmels über die WM-Serie kam: ein Spaß-Junkie, der meistens genau das Gegenteil von dem tut, was von ihm erwartet wird. Insofern war seine jüngste Verrücktheit nun gar keine große Überraschung mehr. Schließlich hatten es die Spatzen von Dächern gepfiffen, daß es Rossi nach drei Titeln mit Honda wirklich wagen würde, die bestens funktionierende Beziehung zu beenden und bei Yamaha zu unterschreiben. "Rossis Wechsel ist perfekt", schrieb die Gazzetta dello Sport am Montag in ungewohnter Schlichtheit.

          Dabei hat der spektakuläre Wechsel in der Szene eine Wirkung, die einem Erdbeben gleichkommt. Die seriöse Times fand für das Unfaßbare nur einen Vergleich: "Wie wenn David Beckham von Real Madrid zum FC Barcelona wechseln würde."

          Tatsächlich rätselt der ganze Rennzirkus seit Wochen darüber, was in Rossi gefahren sein könnte. Die Fünfzylinder-Honda, auf der Rossi in der hochgezüchteten "MotoGP"-Klasse die Konkurrenz deklassierte, gilt als das Maß aller Dinge. Ob es am Geld lag? "Spielt keine Rolle für mich", sagt Rossi. Mit einer Jahresgage von 15 Millionen Euro ist der Weltmeister aus der mittelitalienischen Provinz künftig der höchstbezahlte Sportstar in Italien, aber auch mit seinem bisherigen Lohn von sieben Millionen Euro war er nicht gerade von der Armut bedroht.

          So haben viele nur eine Erklärung für Rossis Schritt: Er will beweisen, daß er auch auf einem unterlegenen Motorrad Weltmeister in der "Königsklasse" werden kann - sozusagen der letzte Kick für einen, der alles erreicht hat, was er in dieser Branche erreichen kann. Der "Dottore", wie sie ihn Italien nennen, hat beinahe alle Rekorde gebrochen, zuletzt mit 22 Podiumsplätzen nacheinander auch die Bestmarke des legendären fünfzehnmaligen Weltmeisters Giacomo Agostini. Sollte der Vierundzwanzigjährige tatsächlich auch auf der schwächeren Yamaha den WM-Titel erringen, wäre das ungefähr so, als würde einer mit gewöhnlichen Halbschuhen den Mount Everest besteigen. Dennoch sagt sein Chefmechaniker Jeremy Burgess, der ihn zu Yamaha begleitet: "Das ist kein unbezwingbarer Berg. Sein Leben war immer voller Abenteuer, das Entscheidende ist, daß er Spaß dabei hat." Und der soll ihm gerade in der vergangenen Saison bei Honda vergangen sein. Insofern ist es Rossi tatsächlich zuzutrauen, daß er weiter siegt, auch wenn die Luft dünner wird. "Der Spaß", schrieb die Times, "ist Rossis Sauerstoff." GERD SCHNEIDER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD-Regionalkonferenz Hamburg : Moin, Moin

          Die Kandidatentour der SPD ist in Hamburg angekommen – der Heimat des Favoriten Olaf Scholz. Aber ist es deshalb auch ein leichtes Heimspiel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.