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Michael Schumacher : Zentralfigur im Schachspiel

Michael Schumacher: „Monaco ist etwas Besonderes“ Bild: dpa

Nicht nur das Formel-1-Team Mercedes wartet auf eine Entscheidung von Michael Schumacher über seine Zukunft. Das Silberpfeil-Cockpit ist begehrt.

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          Er sieht nicht aus wie ein Verlierer oder wie ein Sportler mitten in einer Krise. Das T-Shirt spannt über dem muskulösen Oberkörper, sein Teint ist braungebrannt, und er lächelt das milde Lächeln eines erfahrenen Mannes. 43 Jahre ist Michael Schumacher inzwischen alt, aber nur die Falten um seine Augen und der hohe Haaransatz deuten darauf hin.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie lange der Rheinländer im Geschäft ist, lässt sich an den Stickereien seiner Kappe erkennen, an den Symbolen seiner Erfolgsgeschichte: Sieben Sterne stehen für sieben Weltmeisterschaften - kein anderer Fahrer in der Geschichte der Formel 1 hat bisher mehr gewonnen. Aber wie lange will sich Schumacher noch im Kreis drehen?

          „Es hat sich nichts geändert“, sagt er in Monte Carlo, und die Fotografen drücken immer wieder auf die Auslöser. Sie wollen etwas in seinem Gesicht entdecken, irgendeine Emotion. Aber da ist nichts. Schumacher schaut in diesem Moment vollkommen neutral: „Wir sind nicht darauf fokussiert, was im nächsten Jahr passiert, sondern auf das, was heute ist.“

          Beinahe zweieinhalb Jahre sind vergangen, seit sich Schumacher nach 37 Monaten im Unruhestand dafür entschied, ein neues Abenteuer in der Formel 1 zu beginnen.

          Am Ende dieser Saison endet sein Vertrag bei Mercedes, und doch gibt es bisher keine Gespräche über eine mögliche Verlängerung des Kontraktes. „Wir haben keine Eile“, behauptet Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug und räumt trotzdem ein: „Du brauchst für jede Schlüsselposition im Team eine Alternative.“

          Einige Experten im Fahrerlager fragen sich derzeit, ob Schumacher womöglich wieder die Lust an der Raserei verlieren könnte. Zwei Punkte nach den ersten fünf Grands Prix dieses Jahres, drei Ausfälle wegen eines technisches Defekts, eines Fehlers seiner Boxencrew und eines selbstverschuldeten Unfalls - schlechter hat ein Rennjahr für Schumacher in seiner langen Karriere noch nie begonnen.

          Unbeeindruckt: Von Krise ist bei Schumacher nichts zu spüren Bilderstrecke

          Dabei sind die äußeren Umstände so gut wie nie zuvor bei Mercedes. Für die Teamzentrale in Brackley wurde zum Jahresbeginn ein ganzer Stab von Ingenieuren und Mechanikern verpflichtet, auch ein neuer Simulator wurde installiert. Der Silberpfeil mit der Kennzeichnung W03 wurde beschleunigt, der bisher einzige Sieg aber gelang Teamkollege Nico Rosberg in China.

          „Ich bin mir sicher, dass wir Michael in diesem Jahr noch auf dem Podium sehen werden“, sagt Teamchef Ross Brawn. Der Engländer macht kein Geheimnis daraus, dass er gern weiter mit Schumacher zusammenarbeiten würde. Sein Einfluss auf die Entwicklung des Boliden soll noch immer weitaus höher sein als jener des jungen Kollegen.

          Mercedes braucht Schumacher - mehr sogar, als es umgekehrt der Fall wäre. Ist das Team mit ihm am Steuer erfolgreich, potenziert der Rekordweltmeister den öffentlichen Rummel noch einmal um ein Vielfaches. Reiht sich der Rennstall jedoch wieder ein im Mittelfeld der Branche, dann wissen die Stuttgarter zumindest noch um die Strahlkraft des Kerpeners.

          Zuletzt erlebten die Verantwortlichen diesen Marketingwert in Schanghai, als Schumacher einen Sportwagen von Mercedes vorstellte. 800 Gäste waren gekommen, und sie hingen ihm an den Lippen wie aufgeregte Kinder am Heiligen Abend. Er mag nicht mehr der schnellste Fahrer der Welt sein, aber Schumacher ist noch immer der berühmteste.

          Seit er 2010 zurückgekehrt ist in die Königsklasse des Motorsports, haben sich die Fahrerpaarungen in den Top Teams nicht mehr verändert. In diesem Sommer könnte der Markt allerdings wieder Tempo aufnehmen - und Schumacher ist dabei einer der entscheidenden Faktoren. Das Cockpit im Silberpfeil ist ein begehrter Arbeitsplatz, vielleicht sogar für Lewis Hamilton, dessen Kontrakt bei McLaren ausläuft.

          Ferrari wird sich wohl spätestens nach dem Saisonfinale von Felipe Massa trennen, bei Red Bull deutet sich das Ende der Zusammenarbeit mit Mark Webber an. „Es ist wie ein Schachspiel“, sagt Haug: „Wenn Bewegung da ist, musst du nachziehen.“

          Mercedes-Geschäftsführer Nick Fry hat die Spekulationen in dieser Woche nochmals befeuert, als er ohne Not sagte, dass sich das Team zum Beispiel mit Paul di Resta (Force India) als möglichen Nachfolger beschäftige.

          Zumindest öffentlich will sich Schumacher mit alledem derzeit noch nicht beschäftigen. Erst sucht er den Erfolg - an diesem Sonntag beim Großen Preis von Monaco, wo er in der Startaufstellung wegen seines Unfalls mit Bruno Senna (Williams) in Barcelona vor zwei Wochen jedoch um fünf Plätze zurückversetzt wird. Die Strafe sieht er als Anreiz: „Ich kam hier schon von ganz hinten und wurde Fünfter - wenn ich mich nicht täusche“, sagt er. 2006 gelang ihm dieses Kunststück, im Jahr seines ersten Rücktritts.

          Jetzt spricht Schumacher über die verrückte Hatz mitten in der Stadt wieder mit der Begeisterung eines Teenagers. „Monaco ist etwas Besonderes“, sagt er. „Es geht um dich und dein Auto - alles muss perfekt zueinander passen. Du brauchst den Rhythmus, den Flow, das Momentum.“ Er klingt nicht so, als habe er irgendetwas davon verloren.

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