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50. Geburtstag : Wie geht es eigentlich Michael Schumacher?

Seit fünf Jahren ist Michael Schumacher wegen eines Skifunfalls aus der Öffentlichkeit verschwunden (Bild von 2012). Bild: EPA

An diesem Donnerstag wird Michael Schumacher 50 Jahre alt. Auf eine Frage, die sich viele stellen, aber gibt es keine Antwort. Keine offizielle. So hätte es auch ohne das Unglück auf dem Skihang kommen können.

          Die Menschen fragen in diesen Tagen wieder vermehrt: Wie geht es eigentlich dem Schumacher? Es gibt keine Antwort darauf. Keine offizielle. Das ist schon eine, fünf Jahre nach seinem schweren Unfall. Seitdem ist er nicht mehr in Erscheinung getreten. Und so wird es auch an diesem Donnerstag sein, wenn er 50 Jahre alt wird. Kein Grußwort, kein Auftritt. So hätte es auch ohne das Unglück auf dem Skihang kommen können.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Schumacher hat schon während seiner Karriere lieber andere und anderes für sich sprechen lassen. Zahlen, Daten, Fakten, Greifbares: 91/7. Das sind seine Ziffern. 91 gewonnene Formel-1-Rennen, sieben WM-Titel als Fahrer. Er ist der Rekordmann. Mit Resultaten für die Ewigkeit. So dachten viele selbst aus dem innersten Zirkel des Motorsports. Seine Fans mögen die Resultate als Insignien für eine Art Unsterblichkeit halten. Aber Lewis Hamilton kommt immer näher, der fünfmalige Champion könnte Schumacher in drei Jahren überholt haben. Und dann? Was bliebe? Der Kern seiner Geschichte. Sie ist so lebendig wie unendlich.

          Die Schumacher-Story setzt sich zusammen aus vielen wundersamen Details. Jedes einzelne bietet Stoff für erstaunliche Erzählungen, für alle Formen des Dramas. Da saust ein Junge von der Kartbahn in der Kiesgrube hinaus in die große Welt? Das ist unvorstellbar in der kleinen Rennfamilie am Rande des Braunkohletagebaus. „Dä Mischael in Schina?“ Sommerferien verbringt der Schüler nicht am Meer, sondern als Gehilfe des Vaters beim Kartverleih. Später säumen Porträts des verhinderten Fußballspielers („Immer Ersatzbank wollte ich auch nicht“) die Autobahn von Schanghai zur Rennstrecke vor den Toren der Metropole.

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          Deutschland ist die Leidenschaft für die Formel 1 wieder erwacht. Rennstrecken werden überrannt, Kartvereine schießen wie Pilze aus dem Boden, Kanzler Kohl lässt die Grünen beschwichtigen und verhilft dem Nürburgring zum Comeback als Grand-Prix-Kurs, Ferrari will „Michele“ nicht mehr loslassen. Die Formel 1 versucht, den Seriensieger mit der Änderung der Punktevergabe einzubremsen. Es gibt kaum ein größeres Kompliment. Aus der Kiesgrube in die Umlaufbahn: Wie hat er das geschafft?

          Schumacher sagte einmal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er sei kein guter Schüler gewesen. Selten hat sich der Rheinländer so täuschen lassen von Zahlen, die man Noten nennt. Im Leben da draußen in der Kiesgrube, da unten auf dem Asphaltstreifen, war er der beste Schüler seiner (Motorsport-)Klasse. Talent hatten sie alle, die Frentzens dieser Welt, die Weltmeister Hill oder Villeneuve, der zweimalige Champion Häkkinen, alle sauschnell unterwegs, auch Bruder Ralf. Aber keiner von ihnen verstand es, seine Gabe, das Fahrgefühl, die Reaktionsschnelligkeit, das Gedächtnis, die Konzentration so intensiv und so lange mit den ständig wechselnden Anforderungen der Formel 1 zu verknüpfen. Wie ein roter Faden zieht sich eine Fähigkeit, die alles verbindet, durch das Leben Schumachers: konsequent zu sein.

          Das nimmt sich jeder vor für das neue Jahr. Jeden Morgen das gleiche Müsli, immer an der Fitness arbeiten, nie darauf vertrauen, der jüngste Erfolg sei die Garantie für den nächsten. Am Neujahrsmorgen beginnt das Scheitern. Schumachers Arbeitsdisziplin über Jahrzehnte ist sprichwörtlich. Im Vorgespräch zu einem Interview über das Thema Talent im Oktober 2013 auf der Kartbahn von Genk erzählt er von einem Novum. Am Abend vorher war er angereist und wollte die Abstimmung der Karts prüfen. Alles sei schon erledigt, habe ihm ein Mechaniker zugerufen. „Da habe ich auf dem Absatz umgedreht“, sagte Schumacher lachend, „zum ersten Mal in meinem Leben.“

          Damals ist er fast 45. Im Fahrerlager erzählen frühere Ingenieure zu diesem Zeitpunkt gerne von seiner Hartnäckigkeit, mit präzisen Fragen das Innerste eines maladen Boliden aufbohren und den Grund des Problems freilegen zu können: Mensch oder Material? Das bleibt ein Betriebsgeheimnis. Zur Konsequenz gehört eine Verschwiegenheit, die weh tun kann, wenn ein Misserfolg dem Fahrer angelastet wird, obwohl die Wahrheit tiefer sitzt. Schumacher verbietet sich Kritik am Team in der Öffentlichkeit. Und er verbittet sich Kritik an ihm, als seine Härte auf der Piste gelegentlich eine heftige Empörung auslöst.

          Das Leben auf den ersten Runden des professionellen Motorsports, über das er schweigt, hat ihn gelehrt, hart zu sein, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Eine bisweilen schmerzhafte Konsequenz, der seine Freunde eine große Loyalität gegenüberstellen. Allein die Stationen der Welttournee zeugen davon: Kreisen in Kerpen-Manheim, aufsteigen in Spa, regieren in Monaco, dirigieren in Monza, dominieren in Schanghai... kreisen in Kerpen-Manheim. Immer wieder kehrt er zu seinen Wurzeln zurück. „Das ist doch seine Welt hier“, sagt ein Kumpel aus ersten Karttagen, als Schumacher beim „Winterpokal“ des Klubs vor einigen Jahren den Weihnachtsmann spielt – bevor er den Helm überzieht.

          Das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen zu können, heißt es, sei die große Kunst im Leben eines Sportlers an der Weltspitze. Ruhe gehört dazu. Die Tür zum Privaten lässt Schumacher fast von Anfang an nur für Freunde öffnen. Das Innerste ist ihm heilig. Vor ein paar Tagen erst musste seine Managerin Sabine Kehm ein Foto von einer Website des Automobil-Weltverbandes entfernen lassen. Statt wie angegeben den Rekordchampion mit Sohn Mick zu zeigen, war ein anderes Kind abgebildet. Kaum jemand erkannte Tochter Gina-Maria oder Mick, wenn sie denn mal im Fahrerlager auftauchten. Die Verwechslung ist eine Konsequenz von Schumachers besonderer Stärke, eines Willens, der über alle Siege hinausreicht.

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