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Mercedes in Silverstone : Kleiner Preis und großer Schaden

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Zuletzt stoppte Valtteri Bottas ein Hydraulikleck – beim Grand Prix in Großbritannien wollen die Silberpfeile wieder unbeschadet durchs Rennen kommen. Bild: EPA

Das Rennen um die Weltmeisterschaft ist in der Formel 1 so eng wie lange nicht mehr. Umso schmerzlicher war für Mercedes der Doppel-Ausfall im letzten Rennen. Finden die Silberpfeile in Silverstone wieder in die Spur?

          Kleinigkeiten werden diese Formel-1-Weltmeisterschaft entscheiden. Ein Defekt, ein Unfall, eine Startplatzstrafe, ein Strategiefehler, der Fahrer mal außer Form, der Verzicht auf eine Stallregie: Im November wird der Verlierer zetern, weil ihm eine Nuance um den Sieg brachte. Der Kampf ist so ausgeglichen wie seit 2012 nicht mehr. Deshalb hat der Ausfall von beiden Silberpfeilen am vergangenen Sonntag beim Großen Preis von Österreich Mercedes so weh getan. Wie konnte es dazu kommen?

          Ratlose Gesichter im Team. Das Hydraulikleck, das Valtteri Bottas zum Verhängnis wurde, hatte sich in der Lenkung eingenistet. Nie zuvor gab es so einen Defekt. Der fallende Benzindruck im Rennwagen von Lewis Hamilton entstand wegen einer defekten Pumpe. „Die Defekte haben nichts miteinander zu tun“, sagt Teamchef Toto Wolff: „Und sie sind auch keine Folge unseres Technik-Upgrades.“ Damit widersprach der Teamchef der Theorie, das verschärfte Wettrüsten hätte die Werksmannschaft in Fehler getrieben.

          Zuverlässigkeit bei Mercedes ist eigentlich sprichwörtlich

          Die Zuverlässigkeit bei Mercedes ist eigentlich sprichwörtlich. Seit Beginn der Hybridära stand das Team 88 Mal mit zwei Autos am Start. Das sind 176 Möglichkeiten auszufallen. Zehnmal blieb ein Silberpfeil mit einem Defekt liegen. Das ist selbst in der modernen Zeit, in der Arbeitsprozesse der Serienentwicklung die Prototypen der Formel 1 immer zuverlässiger werden lassen, ein unfassbar guter Wert. Und deshalb rieben sich die Ingenieure die Augen: Zwei Silberpfeile in einem Rennen gestrandet? Das geschah zuletzt in Monza 1955. Doch damals konnte der Stuttgarter Autobauer die Pannen (Stirling Moss und Karl Kling rollten aus) verschmerzen. Für Mercedes kreisten noch Juan-Manuel Fangio und Piero Taruffi. Ihnen gelang ein Doppelerfolg. Damals gewann Mercedes so überlegen die Weltmeisterschaft wie in den vergangenen drei Jahren. In dieser Saison liefern sich Ferrari-Pilot Sebastian Vettel und Hamilton ein Pingpongspiel um die WM-Führung. Die Red-Bull-Piloten sind in Lauerstellung.

          Nach dem Doppelausfall der Silberpfeile in Spielberg hat Vettel um einen Punkt wieder die Nase vorn. Und Ferrari zog mit einem zweiten (Kimi Räikkönen) und einem dritten Platz (Vettel) auch in der Konstrukteurs-Wertung an Mercedes vorbei. Nach neun Rennen teilen sich Mercedes, Ferrari und Red Bull die neun Siege untereinander auf. Von Grand Prix zu Grand Prix wechselt die Favoritenrolle, abhängig vom Streckenprofil. Die „langsamen“ Pisten mit geringem Vollgas-Anteil sind gut für Red Bull. „Stop and Go“-Kurse mit viel Bremsen und Beschleunigen liegen Ferrari. Der Mercedes mag flüssige Kurvenfolgen wie in Barcelona oder – am kommenden Sonntag – in Silverstone (15.10 Uhr/RTL). Dieses Muster gerät immer dann aus dem Gleichgewicht, wenn einer der drei sein Auto aufrüstet. Red Bull präsentierte in Spanien eine B-Version seines RB14. Ein Rennen später gewann Daniel Ricciardo in Monaco. Ferrari reiste mit einem neuen Motor und einer modifizierten Aerodynamik nach Montreal. „Sie waren dort in allen Belangen schneller als wir“, gab Mercedes-Teamchef Toto Wolff zu.

          Die Niederlage von Kanada schmerzte, denn Wolff wähnte den Mercedes auf den langen Geraden wenigstens ebenbürtig mit Ferrari. Beim Rennen in Frankreich vor gut zwei Wochen entschied sich Mercedes, erst in letzter Minute für den Einsatz des überarbeiteten Antriebs. Obwohl das Hybrid-Modell noch nicht die interne Hürde von 7500 Kilometern geschafft hatte. Das Risiko zahlte sich aus. Lewis Hamilton siegte souverän. Für den folgenden Grand Prix in Österreich legte Mercedes nach und präsentierte – früher als geplant – ein halb neues Auto. Es lief wie am Schnürchen. Der Trainingsvorsprung von 0,334 Sekunden auf Ferrari und 0,710 Sekunden auf Red Bull erschien bei nur 63 Sekunden Fahrtzeit pro Runde fast wie ein Klassenunterschied. Im Rennen aber gab es dann eine Kettenreaktion: Ohne den Ausfall von Bottas’ Boliden hätte es keine virtuelle Safety-Car-Phase gegeben und damit auch nicht den fatalen Strategiefehler. Ohne die falsche Entscheidung am Kommandostand wäre Hamilton nicht von der Spitze auf den vierten Platz zurückgefallen, sondern hätte in „sauberer“ Luft sein Tempo bestimmen und die Reifen schonen können. Der zweite Technikkollaps raubte dann auch der gesamten Vorgeschichte ihre Bedeutung und schürte die These von Fehlern unter dem gewaltigen Druck der Konkurrenz.

          Für den taktischen Faux pas mag die Atemlosigkeit ein Grund sein, obwohl die Strategen eine halbe Runde Zeit hatten. Der Umbau der Silberpfeile stützt die These aber nicht. Die Autos wurden zwar äußerlich zugunsten einer besseren Aerodynamik verändert, blieben unter der Verkleidung aber halbwegs unangetastet. Weder Hydraulikkreislauf noch Benzinpumpe wurden von den aerodynamischen Retuschen tangiert. Trotzdem kann der Schaden noch wachsen. Die Ingenieure prüfen, ob der Motor von Bottas’ Auto beschädigt wurde. Er überhitzte auf den letzten Kilometern vor dem Ausfall. Der Einbau eines neuen Antriebes führte zwar nicht direkt zu einer Zurückversetzung in der Startaufstellung. Aber irgendwann im Verlauf der Saison ist damit zu rechnen, wenn das vierte Triebwerk im Boliden des Finnen (drei sind ohne Strafe erlaubt) eingebaut werden muss. Wie teuer Hamiltons Ausfall wird, ist auch noch nicht abzusehen. Im Inneren der Benzinpumpe hatte sich ein Metallclip vom Pumpenhubkolben gelöst. Falls dem Briten zum WM-Titel ein Punkt fehlen sollte, wird er wissen, welchen wahren Wert das Teilchen hat. Die Anschaffung kostet nur ein paar Cent.

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