https://www.faz.net/-gtl-7o5rf

Mercedes führend in Formel 1 : Die Spannung der Dominanz

Spannungsmoment: Wenn zwei im identischen Auto unterwegs sind, nimmt die Formel 1 Tempo auf Bild: AP

Drei Rennen, drei Siege: Die Piloten von Mercedes beherrschen die Formel 1 und beleben sie. Das Duell von Rosberg und Hamilton bietet großes Show-Potential.

          3 Min.

          Rennfahrer sind Egoisten. Wer jemals daran gezweifelt hat, der weiß es nun besser. „Zweiter zu werden ist nicht mein Ding. Der Zweite ist der erste Verlierer, da habe ich keine Lust drauf“, sagte Nico Rosberg am Sonntagabend nach dem Großen Preis von Bahrein. Der Achtundzwanzigjährige lächelte, dabei hätte dem Mercedes-Piloten die gute Laune eigentlich vergehen müssen. Denn ein paar Meter weiter, vor einer anderen Fernsehkamera, stand sein Teamkollege Lewis Hamilton. Rosenwasser von der Siegerehrung im muslimischen Emirat tropfte aus seinem Rennanzug, bei der Siegerehrung hatte er den größten Pokal bekommen. Prompt schickte der Brite noch einen Gruß an seinen härtesten Gegner: „Nico war schneller am Wochenende. Ich muss herausfinden, warum es so war.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zusammen hatten sie der Formel-1-Welt ein Spektakel geboten, das mehr als ein Jahr nicht zu sehen gewesen war. Einen Kampf mit offenem Visier: Attacke, Verteidigung, Gegenangriff. Das freie Spiel der Kräfte auf der Piste, ohne irgendeine Regieanweisung von Seiten des Kommandostandes. „Man stelle sich vor, wir hätten ab der zweiten Runde eine Teamorder ausgegeben. Welch eine schreckliche Geschichte wäre das für die Formel 1 gewesen“, sagte Paddy Lowe, der neue Technik-Chef von Mercedes. Nur einmal meldete er sich via Funk bei seinen Fahrern und bat darum, so vorsichtig zu sein, dass auch beide Autos ins Ziel kommen. Bei einem McLaren-Duell vor Jahren in Monaco sauste ein Auto zum Schrecken der Teamführung rückwärts aus dem Tunnel heraus. „Manchmal war das wirklich auf des Messers Schneide“, sagte Hamilton zum Zweikampf in Bahrein: „Aber es kann sein, dass das Risiko noch größer wird.“

          Gerührte Piloten: bei der Siegerehrung haben beide was im Auge

          Schon nach dem dritten Rennen deutet sich an, dass das interne Duell Hamilton gegen Rosberg zugleich der Hauptkampf um den Fahrer-Titel in dieser Saison wird. Die Silberpfeil-Piloten haben jede der drei Pole-Positionen seit Saisonbeginn besetzt, Rosberg gewann ein, Hamilton nun zwei Grands Prix. Der Deutsche (61 Punkte) führt dennoch in der WM-Wertung vor dem Briten (50), Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull), am Sonntag Sechster, liegt mit 23 Punkten auf Platz sechs. Auf dem Kurs in der Steinwüste waren die beiden Silberpfeile zum Teil knapp zwei Sekunden pro Runde schneller als der Rest der Formel-1-Welt. Rosberg hatte schon beim Start seine Führung verloren, danach probierte er es mit Härte, dann mit einer anderen Strategie und schließlich nochmals mit Gewalt, an Hamilton wieder vorbeizukommen. Doch der Neunundzwanzigjährige wehrte sich geschickt. „Man wusste nie genau, wo das andere Auto lag. Bremst er später oder früher? Das hat sich nach richtigem Racing angefühlt, bei dem man alle Fähigkeiten anwenden muss, die man schon als Junior im Kart gelernt hat“, sagte der Brite.

          Ende der neunziger Jahre zählten Rosberg und Hamilton zu den größten Talenten im Rennsport. Zusammen mit ihren Vätern reisten sie quer durch Europa und siegten reihenweise. Schon 1998 wurde der Engländer aufgenommen ins Nachwuchsprogramm von McLaren, 2007 stieg er in die Formel 1 ein, ein Jahr später wurde er der erste dunkelhäutige Weltmeister in der Geschichte dieses Sports. Der Grand-Prix-Sieg in Bahrein war sein 24. Rosberg fährt sogar ein Jahr länger in der Formel 1, stand allerdings erst viermal ganz oben auf dem Podium. Trotzdem traute man ihm früh zu, Champion zu werden. Nun kämpfen sie um die gleiche Chance: Erstmals seit 1955 kann ein Silberpfeil wieder den Titel gewinnen in der Königsklasse des Motorsports. Dabei könnten die Steuermänner unterschiedlicher kaum sein. Dort der Instinkt-Fahrer Hamilton, der so kompromisslos agiert wie kaum ein anderer; da der Technik-Tüftler Rosberg, der weit mehr kopfgesteuert ist und in manchen Situationen die nötige Härte vermissen lässt. Vielleicht weiß das Hamilton. Einen Überholversuch Rosbergs konterte er mit einer Attacke, die zu einem Vollkontakt geführt hätte, wenn Rosberg nicht ausgewichen wäre. Er beklagte sich via Funk, ließ sich nach dem Rennen aber seinen Ärger nicht mehr anmerken.

          Lob vom Sieger Hamilton (l.) an den Konkurrenten Rosberg (r.) : „Nico war schneller am Wochenende. Ich muss herausfinden, warum?“

          Trotz oder gerade wegen der Überlegenheit des Mercedes mit der Typennummer W05 belebt die Rivalität die Szene. Die Dominanz könnte sich zur großen Show entwickeln. Seit dem teaminternen Duell von Hamilton und Fernando Alonso bei McLaren gab es keine Fahrerpaarung mehr, die so viel Zündstoff verspricht. Vettel und sein damaliger Teamkollege Mark Webber kollidierten zwar 2010 beim Rennen in der Türkei sogar miteinander, die Leistungsunterschiede der beiden aber waren zu groß, und deshalb entzog sich der Deutsche schnell mit seiner Auffahrt in die Umlaufbahn. Dazu wird es diesmal nicht kommen. Hamilton und Rosberg haben einen ähnlichen Speed. „Dafür bin ich hier, für Rennen wie dieses“, sagte Rosberg. „Es war ein guter Tag für den Sport nach all der Kritik. Ich denke, dass es morgen ruhig sein wird - und das ist eine gute Sache.“

          Noch am Sonntagmorgen hatten Chefvermarkter Bernie Ecclestone und Ferrari-Chef Luca di Montezemolo das neue Rennformat der Formel 1 scharf kritisiert. Der eine sprach davon, dass zu viel vom Benzinsparen die Rede sei, der andere verglich die Piloten mit „Taxifahrern“. Sie verließen noch vor dem Ende des Rennens gemeinsam die Strecke. „Was soll ich hier schon noch sehen?“, fragte di Montezemolo noch rhetorisch, bevor er ging. Die Antwort hätte ihm ohnehin nicht gefallen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.