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Mercedes-Teamchef Toto Wolff : „Die Formel 1 wird mit der Technik immer an der Spitze sein“

  • -Aktualisiert am

„Wir stellen gerade die Weichen für die nächsten zehn Jahre“: Mercedes-Teamchef Toto Wolff Bild: dpa

Eine Rennserie bastelt an ihrer Zukunft. Mercedes-Teamchef Toto Wolff spricht im Interview über die Formel 1 als Gladiatorentum mit Hightech-Equipment, die Deckelung der Budgets – und die Gefahren des Brexits.

          Die Formel 1 ist in die neue Saison gestartet. Und wieder standen die Silberpfeile ganz vorne – zur Freude von Mercedes-Teamchef Toto Wolff. In Melbourne gewann aber überraschenderweise nicht Weltmeister Lewis Hamilton, sondern sein Teamkollege Valtteri Bottas. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das vor dem Rennen geführt wurde, spricht Wolff über die Zukunft der Formel 1.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In den nächsten Wochen wird über das Reglement der Saison 2021 verhandelt, über die Verteilung der Einnahmen unter den Teams, über eine verpflichtende Reduzierung der Kosten und die Antriebsformel. Steht die Formel 1 vor dem größten Umbruch seit ihrem ersten Rennen 1950?

          Ja. Gemeinsam mit der Formel 1 und mit dem Internationalen Automobil-Verband (Fia/d. Red.) stellen wir gerade die Weichen für die nächsten zehn Jahre. Hinzu kommen die Wandlungen in der Automobilbranche, die uns alle vor positive, aufregende, gewaltige Herausforderungen stellen.

          Ross Brawn, der Technische Direktor des Formel-1-Managements, sprach davon, dass die Parteien kurz vor einer Einigung stünden, stimmt das?

          Es gibt Vorschläge, die Liberty im vergangenen Jahr gemacht hat. Seitdem ist der Prozess im Gange. Die größeren Teams mit den großen Motorenherstellern im Rücken und die kleineren Rennställe haben unterschiedliche Vorstellungen, wie die Kosten einzudämmen sind. Es geht auch um die Aufteilung des Preisgeldes. Das hängt alles miteinander zusammen, muss aber getrennt verhandelt werden. Wir haben vier Parteien, die Fia, den Rechtebesitzer Liberty und dann die großen Teams, die nichts verlieren wollen, sowie die kleinen, die gern mehr hätten.

          Formel 1

          Aber an einer Deckelung der Budgets wird die Formel 1 erstmals in ihrer Geschichte nicht vorbeigehen?

          Es ist noch ‘Work in Progress’, aber es wird zu einem Budget-Cap kommen. Den wollen wir. Die Schwierigkeit ist die Kontrollierbarkeit der Ausgaben, weil die Teams sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Es muss zum Beispiel ein Strafenkatalog aufgestellt werden für den Fall eines absichtlichen Regelverstoßes. Das alles zu formulieren ist sehr komplex. Da sehen wir die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

          Manche Teamchefs fordern eine drastische Abrüstung der Autos auf dem Gebiet der Aerodynamik. Wird es dazu kommen?

          Das ist der Plan für die Saison 2021. Je geringer der aerodynamisch erzeugte Abtrieb eines Autos ist, zum Beispiel durch die Frontflügel, desto leichter fällt es einem Fahrer, seinem Vordermann sehr dicht zu folgen. Das lässt sich in der Formel E (batteriebetriebene Rennserie/d. Red.) beobachten. Diese Autos haben wenig aerodynamisch erzeugten Abtrieb. Da steckt der Verfolger im Rennen fast im Getriebe des vorausfahrenden Rennwagens. Er muss nicht fürchten, beim Anbremsen vor der nächsten Kurve wegen des Abtriebsverlustes im Windschatten seines Vordermanns in diesen hineinzurutschen. Wir haben die Regeln der Formel 1 in diesem Jahr entsprechend angepasst. Wenn sich herausstellt, dass das Hinterherfahren dadurch erleichtert wird, dann wird das die Marschrichtung für das Reglement von 2021 an sein.

          Weil Sie mit dieser Änderung das Überholen erleichtern wollen?

          Genau. Es geht uns darum, die Rennen noch interessanter zu machen. Wir haben 2018 trotz der Einführung einer Paywall in einigen Ländern eine Zunahme der Fernsehzuschauer um rund zehn Prozent. Auch zu den Strecken sind mehr Besucher gekommen. Das hing damit zusammen, dass drei Teams um Siege kämpfen konnten, dass wir einen heißen Kampf im Mittelfeld erlebt haben. Die Menschen kommen zu uns, wenn der sportliche Wettbewerb spannend ist. Das muss unser Hauptaugenmerk sein.

          In westeuropäischen Ländern, vor allem in Deutschland mit Sitz vieler bedeutender Automobilhersteller, entwickelt sich eine Stimmung gegen Verbrennermotoren. Was antworten Sie einem Kritiker, der die Formel 1 für eine Umweltsünde hält?

          Dass wir nicht nur den effizientesten Motor der Welt fahren, sondern auch eine Rückgewinnung von Energie aus Abgasen und während des Bremsprozesses zu bieten haben. Der Benzinverbrauch ist mit der Einführung des Hybrid-Antriebes 2014 um ein Drittel gesenkt worden, dieser Trend hat sich über die letzten fünf Jahre kontinuierlich weiterentwickelt. Das ist für den Motorsport ein Schritt wie in den sechziger Jahren für die Weltraumindustrie der Flug zum Mond. Wir werden immer an der Spitze sein: Den möglichen Wandel vom Verbrenner zum Hybrid und dann zum vollelektrischen Auto wird die Formel 1 nicht nur mitmachen, sondern mitgestalten als Versuchsträger von Spitzentechnologie.

          Sind Sie sicher, dass diese in der Welt außerhalb des Rennsports bekannt ist?

          Wenn das Spektakel auf der Rennstrecke interessant ist und die Formel 1 glaubwürdig steht für ein Gladiatorentum mit Hightech-Equipment, werden die Menschen unser Alleinstellungsmerkmal erkennen. Allerdings ist es Aufgabe des Rechtebesitzers Liberty, unsere Inhalte zu verkaufen. Ich höre aber, dass dieses Thema in dieser Saison zu einem Schwerpunkt gemacht werden soll.

          Früher oder später wird es zu einem Brexit kommen, ob nun zu einem harten oder weichen. Wird Ihr Team davon berührt sein?

          Für eine gewisse Zeit fand ich die Entwicklung tragisch. Aber inzwischen hat sich diese Diskussion in eine wirklich gute Unterhaltung verwandelt. Wenn ich abends in die BBC schaue, weiß ich manchmal nicht, ob ich Monty Python sehe oder ob das wirklich passiert. Ich werde wohl Ärger bekommen und sollte nicht über Politik reden: Wir haben Mitarbeiter aus 26 Ländern in unserem Team. Natürlich betrachten wir den Brexit mit Sorge. Wir leben davon, dass wir schnell Waren ein- und ausführen, dass unsere Leute hin- und herfliegen können. Wenn das gestört würde, hätten wir ein Problem. Ich weiß nicht, was ein Brexit ohne Deal bedeutet. Ich hoffe, dass sich der gesunde Menschenverstand durchsetzt.

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