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McLaren-Mercedes : Verliert Supervisor Ron Dennis den Überblick?

Formel Farbe: Montoya im BMW-Williams in Sepang Bild: dpa/dpaweb

Nie zuvor hat sich McLaren-Mercedes so viel Zeit genommen, sein Auto zu einem Formel-1-Renner zu machen. Doch nach der Premiere stellte Fahrer Coulthard fest: Überall mangelhaft.

          3 Min.

          Und freitags weder Fisch noch Fleisch. So ist das neuerdings in der Formel 1. Kein Einzelzeitfahren mehr, nur noch Trainingsrunden, auf denen sich jedes Team für das Rennen am Sonntag vorbereitet, ohne die Karten aufdecken zu müssen. Allerdings kann man doch etwas erkennen: Wer auffallend wenig Kilometer fährt, scheint seinen Motor schonen zu müssen. Schließlich ist es bei Strafe verboten, das Aggregat über das Wochenende auszutauschen: Ein Motorschaden kostet zehn Plätze in der Startaufstellung. So verraten die Sparsamen ungewollt ihre Furcht vor einem schmerzhaften Knalleffekt. Sie trauen ihrem Triebwerk auf Dauer nicht über den Weg.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Zwei Tage vor dem Großen Preis von Malaysia stand der Mercedes im McLaren länger als die Konkurrenz in der schattigen Box. 39 Runden spulten die Piloten ab (BMW: 66). Das war gut gemeint bei bis zu 37 Grad Celsius. Nur nichts riskieren. Insofern scheint der Quell allen Übels nach dem angeblichen Motorschaden in Kimi Räikkönens McLaren beim Saisonauftakt in Melbourne und dem achten Rang von David Coulthard entdeckt: Mercedes ist schuld! Gegen diese These spricht aber nicht nur die nachträglich eingereichte Pannenbegründung (Kühlerschaden), sondern auch die Vorstellung von Renault.

          Warum gewannen die Franzosen im vergangenen Jahr in Ungarn, wenn der Motor mit 126 Kilogramm Gewicht gut 30 Kilo mehr wog als der Mercedes und gleichzeitig etwa 60 PS weniger leistete? Warum wurde Fernando Alonso in Melbourne Dritter hinter den Ferrari, wenn doch das nagelneue Aggregat immer noch als vergleichsweise schwachbrüstig gilt, während der Mercedes mehr Power als 2003 zu bieten hat? Am Reifen lag und liegt es nicht. Beide Teams fahren Michelin. So blieb Coulthard nichts anderes übrig, als dem MP4-19 nach der Rennpremiere ein schlechtes Zeugnis auszustellen: Überall mangelhaft. Insofern kann die Bestzeit von Kimi Räikkönen im Training nur ganz vorsichtig als Silberstreif am Horizont bewertet werten. Räikkönen selbst jedenfalls befand: "Es ist noch zu früh, um zu sagen, welche Fortschritte wir seit Melbourne gemacht haben."

          Zu früh gekreist

          Nie zuvor hatte sich McLaren-Mercedes so viel Zeit genommen, sein Auto zu einem Renner zu machen. Der mit großen Erwartungen angekündigte Vorjahreswagen schaffte es vor lauter Gebrechlichkeit 2003 nicht zur Grand-Prix-Reife, sollte aber als erstklassiges Studienobjekt dem neuen Modell vom vergangenen November an Flügel verleihen. Schon Monate bevor Ferrari und Williams ihre Neuwagen laufen ließen, kreiste der McLaren. Dieser Vorteil scheint sich als Nachteil herauszustellen. Während in Maranello bis zur letzten Minute an Mechanik und Aerodynamik des Ferrari 2004 gefeilt wurde, verkürzte McLarens demonstrativ früher Auftritt die kreative Phase der Konstrukteure.

          Angeblich schadete der hausgemachte Zeitdruck der Konstruktion des Hecks. Bei niedrigen Temperaturen wie in Melbourne erreichen die Hinterreifen nicht die nötige Betriebstemperatur (70-95 Grad), um beim Einzelzeitfahren über eine Runde ausreichend haften zu können. In Malaysia kaschiert offenbar der heiße Asphalt (50 Grad am Freitag) das Problem beim Sprint.

          Angesichts eines Jahresbudgets von schätzungsweise 240 Millionen Euro ist die fortgesetzte Konstruktionsschwäche erstaunlich. Zumal am Stammsitz von McLaren in Woking Formel-1-Experten von Rang und Namen arbeiten. Etwa der Designerstar Adrian Newey oder geschätzte Koryphäen wie Mike Coughlan. Sonst eher loyale britische Journalisten berichten seit Beginn dieser Woche aber von bremsenden Zweikämpfen beim Chassis-Hersteller. Es wäre der zweite Krisenherd.

          Seit fast zwei Jahren schwelt der Streit zwischen dem Motorenkonstrukteur Mario Illien und Teamchef Ron Dennis über die Ursachen von Pleiten oder Pannen. Wesentlich zu den atmosphärischen Turbulenzen hat die Personalpolitik beigetragen. Newey schien 2001 schon zu Jaguar gewechselt, bevor er (auch) dank einer gewaltigen Gehaltssteigerung umgestimmt werden konnte. Illien rückte man zu Leibe, indem ohne Wissen des integren Schweizers zunächst Toyotas damaliger Motoren-Chef Norbert Kreyer umworben, nach dessen Absage dann drei BMW-Ingenieure verpflichtet wurden. Der Versuch, Illien zu verdrängen, scheiterte.

          Verschollen auf dem Mars

          Grabenkämpfe im Team sind Norbert Haug ein Graus. Tapfer kämpft Mercedes' Sportchef selbst nach den bittersten Niederlagen um Harmonie in der "Familie". Damit es auch beim Auto schnell wieder rund läuft. Eigentlich wäre das die Aufgabe von Ron Dennis. Die Geschäfte des Rennteams führt zwar sein Adlatus Martin Whitmarsh. Aber Mister McLaren ist der ständig präsente Supervisor. Nun schrieb der "Mirror" unter Berufung auf ein Teammitglied, der Chef der McLaren-Gruppe habe sich verzettelt. Angesichts der Last im täglichen Geschäft kann man gut verstehen, daß sich Dennis bei der Formel 1 von seinem eigentlichen Job "erholt", wie er vor nicht langer Zeit sagte.

          Denn der gemeinsam mit Mercedes in Woking produzierte Sportwagen SLR kommt erst nach langen, ärgerlichen Verzögerungen in Fahrt. McLaren bekam das Kohlefaserchassis nicht gebacken. Dann ist auch noch auf dem Mars mit dem "Beagle"-Projekt die Raumfahrt-Beteiligung des Unternehmens verschollen. Schließlich wird die Rechnung für die nagelneue Rennwagenfabrik nach Plänen des Star-Architekten Sir Norman Foster astronomisch hoch. Auf 380 Millionen Euro hatte ein britischer Journalist vor zwei Jahren getippt. Laut Dennis lag er damit am nächsten. Nun behauptet der Schätzexperte, die Bausumme für den Bolidentempel "Paragon" sei auf 450 Millionen gestiegen.

          McLaren dürfte die Steigerung wohl kaum alleine zahlen können. Falls DaimlerChrysler einspränge, übernähmen die Deutschen im Gegenzug wohl die Mehrheit am Team. 40 Prozent gehören ihnen bereits. McLaren unter deutscher Führung? "Eines ist klar", sagte ein Formel-1-Teambesitzer in Malaysia: "Die Engländer sind nach wie vor felsenfest davon überzeugt, daß gute Rennwagen nur von Engländern gebaut werden können." Geld aber ist immer willkommmen.

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