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Max Verstappen : Begegnung mit der Zukunft der Formel 1

  • -Aktualisiert am

Ihm gehört die Zukunft: Max Verstappen Bild: dpa

Max Verstappen soll die Dominanz von Mercedes brechen – das ist die Hoffnung, die in den 18-Jährigen gesetzt wird. Schon jetzt ist er eine strategische Figur in der Formel 1.

          3 Min.

          Es gibt keine Bilder von den traurigen Gestalten. Weder von Daniil Kwjat noch von Daniel Ricciardo, von den Verlierern der jüngsten Formel-1-Geschichte. Die zwei, der Russe und der Australier, standen vor zwei Wochen im Schatten des strahlenden Max Verstappen: jüngster Grand-Prix-Sieger in der Geschichte der bedeutendsten Motorsport-Serie. Und das mit einem Rennwagen, den er erst zwei Tage vor dem Grand Prix in Barcelona erstmals gefahren war. Eigentlich brauchen die Piloten viele Test-Kilometer, ehe sie sich an einen neuen Dienstwagen und die Abläufe in einem neuen Team gewöhnt haben. Aber Verstappen stieg freitags als hoffnungsvoller Youngster des Fahrerausbildungsteams Toro Rosso beim Mutterteam Red Bull ein und sonntags als potentieller Retter der Formel 1 wieder aus: jung, schnell, kaltschnäuzig, reif. Der 18 Jahre alte Niederländer ist die attraktivste und zugleich klügste Antwort der Formel 1 auf ihre Krise.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In Monte Carlo sieht die Welt von Daniil Kwjat schon wieder anders aus. Er hat bei Red Bull Platz machen müssen für Verstappen und ist zurück in seiner Lehrwerkstatt Toro Rosso: „Wir werden ihn wieder aufrichten“, sagt Teamchef Franz Tost, „es ist nur eine Kopfsache. Er kann, wenn er alles zusammenbringt, Rennen gewinnen.“ Ricciardo zeigte bei seinem ersten Auftritt vor dem Großen Preis von Monaco wieder sein Zahnpasta-Lächeln. Er weiß längst, dass die Verschwörungstheorien nach dem Coup in Barcelona Phantasien entspringen. Beim Sieg vor den Ferrari-Rivalen Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel profitierte Verstappen von einer Zwei-Stopp-Strategie, während sich die Taktik für Ricciardo (drei Reifenwechsel) als zu risikoreich erwies: Vierter.

          Neben Verstappen wirken sie wie alte Hasen: Nico Rosberg und Sebastian Vettel
          Neben Verstappen wirken sie wie alte Hasen: Nico Rosberg und Sebastian Vettel : Bild: AFP

          „Obwohl ich sehr frustriert war, dachte ich nie, dass da irgendwas gelaufen ist“, sagt Ricciardo: „Ich wusste, dass alles mit den richtigen Absichten passiert ist, die Rechnung aber einfach nicht aufging.“ Offenbar ist es Red Bull unter Führung von Sportdirektor Helmut Marko gelungen, in einer heiklen Situation die Balance zu behalten. Während alle Welt den Auftritt Verstappens als Garantie für eine Entwicklung zum Champion betrachtet, hält sich der Rennstall an die Hackordnung: Ricciardo erhält beim Auftritt im Fürstentum die um (geschätzt) zwei, drei Zehntelsekunden pro Runde verbesserte Antriebseinheit aus dem Hause Renault.

          Das Recht gebührt dem Piloten des Teams, der in der Fahrerwertung vorne liegt. Auch auf der Strecke kam Ricciardo beim ultimativen Speed-Test in Barcelona schneller über die Runden. Er stand vor Verstappen in der Startaufstellung von Barcelona auf Rang drei. Aber trotzdem bewegt die Formel 1 in den Tagen vor der großen Sause im Fürstentum vorwiegend die Frage, ob Verstappen wieder die scheinbar betonierte Rangordnung der Formel 1 aufbricht. Nach monatelangen Streitereien um technische Lösungen für mehr Spannung im WM-Kampf eröffnet ein einziger Cockpit-Wechsel ganz neue Perspektiven.

          Verstappen verzieht keine Miene. Mit geradem Rücken und gefalteten Händen sitzt er in Monaco vor der Weltpresse. 14 seiner 18 Jahre hat er im Motorsport verbracht, gut drei Viertel seines Lebens eine intensive wie harte Schulung genossen. „Wir werden sehen“, sagt er ruhig: „Derzeit sieht Mercedes sehr stark aus, aber wir werden uns um ein gutes Set-up bemühen und versuchen, uns hier wohl zu fühlen, denn das ist wichtig, um hier schnell zu sein.“

          Verstappen sitzt in der ersten Reihe neben dem WM-Führenden Nico Rosberg und dem viermaligen Weltmeister Vettel. Die beiden galten eben noch als die jungen Erben der Generation Schumacher. Rosberg, stolzer Vater, ist zehn Jahre dabei; Vettels Vollbart und sein ernster Blick lassen den Ferrari-Star neben dem freundlichen Youngster aus der Zahnspangen-Liga für einen Moment wie einen alten Haudegen erscheinen. Die beiden Deutschen machen gerade Bekanntschaft mit der Zukunft.

          Grand Prix-Sieger in der Lernphase: Max Verstappen
          Grand Prix-Sieger in der Lernphase: Max Verstappen : Bild: AFP

          Das Rennen wird nicht leichter. Red Bull hat mit der ungewöhnlichen Entscheidung, einen Fahrer nach einem Viertel der Saison auszutauschen, zumindest Ferrari alt aussehen lassen. Beim Crash von Mercedes, Hamilton hatte Rosberg in der ersten Runde von Barcelona von der Piste geschoben, hätte die Scuderia zur Stelle sein müssen. Aber Verstappen nahm die Chance wahr, ließ sich vom ehemaligen Weltmeister Kimi Räikkönen nicht in einen Fehler jagen, schonte seine Reifen und führte gleich beim ersten Versuch vor Augen, was Red Bull im Schilde führt: nichts weniger als einen Generalangriff auf Mercedes. „Natürlich, das ist das Ziel“, sagt Franz Tost, Ausbildungsleiter von Vettel, Ricciardo und Verstappen: „Man hat den Max jetzt rübergeholt, damit er sich möglichst früh an das Team gewöhnen kann, an die Arbeitsmethode, an die Leute.

          Red Bull wird im nächsten Jahr ein richtig starkes Team werden. Ich gehe davon aus, dass die Power Unit (Antriebseinheit, d. Red.) dann nahe an der Leistungsfähigkeit des Mercedes sein wird. Und dann erleben wir eine spannende Sache.“ Verstappen ist zu einer strategischen Figur geworden. Red Bull nutzt ihn nicht nur für eine Beschleunigung, sondern auch für Bremsmanöver. Mit der Beförderung in den RB12 ist der Pilot langfristig an den Rennstall gebunden, also vom Markt genommen worden. Ferrari verlor deshalb einen wertvollen Ersatzkandidaten für den 36 Jahre alten Kimi Räikkönen. Mercedes wird bei den Vertragsverhandlungen mit Rosberg nicht die niederländische Variante ins Pokerspiel bringen können. Die Konkurrenz soll machtlos zusehen, wie sich Red Bull mit Maschine und Mensch wieder aufschwingt. In Monaco erzählte Verstappen von seiner Gewöhnung an den neuen Boliden bei den Testfahrten in Barcelona - nach dem Rennen: „Da kommt sicher noch mehr“, sagt Tost. „Er wird sich von Rennen zu Rennen weiterentwickeln. Er ist noch mittendrin in der Lernphase.“ Als Grand-Prix-Sieger.

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