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Formel 1 : Der Provokateur Verstappen

Max Verstappen zeigt den Mittelfinger Bild: Imago

Lange hat niemand das Fahrerlager so gespalten wie Max Verstappen. Das Formel-1-Establishment fürchtet den Teenager, der kompromisslos und erfolgreich ist. Der Machtkampf läuft - auch an diesem Wochenende in Monza.

          6 Min.

          Man sieht es ihm nicht an. Diese Härte, gegen sich und andere, diese Furchtlosigkeit, der mangelnde Respekt gegenüber den ungeschriebenen Gesetzen einer gewachsenen Männerbranche. Max Verstappen trägt Rucksack, Schirmmütze und eine kurze Jeanshose, als er durch das Drehkreuz zum Fahrerlager des Autodromo Nazionale di Monza geht, wo er sich für den am Sonntag (14 Uhr/ live in RTL, Sky und F.A.Z.-Liveticker) anstehenden Großen Preis von Italien vorbereitet. Seit mehr als einer Stunde haben manche Fotografen auf diesen Moment gewartet. Auf das Bild des Teenagers, der die Formel 1 gerade spaltet wie nur wenige Fahrer vor ihm.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Donnerstagnachmittag sitzt der Niederländer im Motorhome seines Arbeitgebers Red Bull vor den internationalen Medien, sein Team hat ihn vorbereitet auf diesen Termin. Es könne weitere Anschuldigungen geben, vielleicht sogar Provokationen, vor allem von den italienischen Journalisten. Sie haben ihm geraten niemandem zu erzählen, in welchem Hotel er wohnt – aus Angst vor aufgebrachten Tifosi. Nach dem vergangenen Rennen in Spa-Francorchamps hatte die „Corriere della Sera“ über ihn geschrieben: „Verstappen, ein Hooligan der Rennstrecken“. Kurz nach dem Start war Verstappen da mit Ferrari-Fahrer Kimi Räikkönen kollidiert, der Finne konnte nicht mehr ausweichen und stieß in der Folge mit seinem Teamkollegen Sebastian Vettel zusammen. Später, als das Rennen für alle Beteiligten längst gelaufen war, wehrte Verstappen den Angriff von Räikkönen ab, indem er jenseits von Tempo 350 im letzten Moment noch einmal die Spur wechselte und dann auch noch das Gaspedal lupfte.

          „Da wussten wir, dass Ayrton ein Champion werden würde“

          War dieses Manöver zu hart? Bringt Verstappen sich und andere in Gefahr? „Spa ist für mich erledigt“, sagt Verstappen nun. Und: „Andere können mir nicht sagen, wie ich fahren soll.“ Dann lächelte er milde und schaute so in die Runde, dass eines sofort deutlich wurde: Weitere Nachfragen sind zwecklos.

          Die Geschichte wiederholt sich, sie hat sich nur einen neuen Hauptdarsteller gesucht. Denn immer dann, wenn ein neues Riesentalent in der Formel 1 auftaucht und die Hierarchien in der Szene durcheinander wirbelt, schlägt ihm zunächst der Widerstand des Establishments entgegen. Das war bei Ayrton Senna so, bei Michael Schumacher, bei Lewis Hamilton und auch bei Sebastian Vettel. Jeder von ihnen hat dem Druck standgehalten, hat sich nicht einschüchtern lassen, ist Weltmeister geworden und hat die Formel 1 zumindest phasenweise zu seiner Rennserie gemacht.

          Monaco im Mai 2016: Verstappens Fahrt endet in der Mauer.
          Monaco im Mai 2016: Verstappens Fahrt endet in der Mauer. : Bild: Melzer/face to face

          Steht nun also die Formel Verstappen bevor? Einer, der die Frage beantworten kann wie kaum ein anderer, ist Niki Lauda. Er hat all die großen Champions der Neuzeit aus der Nähe beobachten können, gegen Senna hat er sogar noch auf der Strecke gekämpft. „Für mich ist er nach wie vor einer der Größten. Er hat Leistungen in einem Rennwagen gebracht, die man nicht vergisst, die man damals nicht einmal für möglich gehalten hat“, sagt Lauda, heute 67 Jahre alt und Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Rennstalls. 1984, beim Grand-Prix-Wochenende in Monte Carlo, ist er mit Senna erstmals aneinander geraten. Im Training kurvte Senna da stets mit geringer Geschwindigkeit um den Kurs, wenn er seine gezeitete Runde beendet hatte. „Er stand mir mehrmals im Weg, hat mir meine Runden kaputt gemacht, und am Nachmittag habe ich ihn darauf angesprochen. Er sagte mir, dass er so eben Rennen fahre. Am nächsten Tag habe ich das gleiche mit ihm gemacht – da war das Thema erledigt.“ Lauda war da mit Ferrari gerade zum dritten Mal Weltmeister geworden, Senna fuhr seine Debütsaison im unterlegenen Toleman, Monaco war erst sein sechster Grand-Prix-Einsatz. „Der Mann hat vor nichts und niemandem Angst gehabt, das hat er uns schnell gezeigt“, sagt Lauda. Im Rennen wurde Senna Zweiter, nachdem viele der etablierten Piloten im Regen von der Strecke abgekommen waren. „Da wussten wir, dass Ayrton ein Champion werden würde“, sagt Lauda.

          Und Verstappen?

          „Max ist ein Jahrhunderttalent. Der liebe Gott oder seine Eltern haben ihm alles mitgegeben, was man braucht, um in diesem Sport erfolgreich zu sein, richtig erfolgreich zu sein“, sagt Lauda.

          Im August 2014 nahm Red Bull den Niederländer unter Vertrag und sicherte ihm ein Cockpit in der Formel 1 für die Saison 2015 zu, da war Verstappen gerade einmal 16 Jahre alt – und so sah er auch aus: groß, schlaksig, mit Pickeln im Gesicht. Helmut Marko, der Motorsportdirigent von Red Bull, machte erst gar kein Geheimnis daraus, wen er da glaubte verpflichtet zu haben. „In Max sehe ich den nächsten Senna“, sagte der Österreicher, der selbst einmal Rennfahrer war. Vor dem Großen Preis von Italien an diesem Wochenende sagt Marko außerdem, dass ihn der selbstbewusste Fahrstil Verstappens an „den jungen Schumacher“ denken lasse. Schumacher und Senna also, der erfolgreichste Fahrer in der Geschichte der Formel 1 und der charismatischste. Größer kann der Druck für einen jungen Fahrer kaum sein.

          Barcelona im Mai 2016: Verstappen feiert mit Lächeln und Pokal.
          Barcelona im Mai 2016: Verstappen feiert mit Lächeln und Pokal. : Bild: AFP

          Aber Verstappen wirkt, als sei das für ihn ganz normal. Rennen für Rennen offenbart er immer neue Facetten seines Talents. Verstappen hat der Formel-1-Welt in seinen bisher 32 Grand-Prix-Einsätzen schon beeindruckende Überholmanöver vor Augen geführt, er hat Linien gewählt, die selbst Experten so bisher nicht kannten – und ganz nebenbei hat er so allerhand Blechschäden verursacht. Es sind Facetten, die Verstappen schon jetzt trotz seines geringen Alters zu einer der Persönlichkeiten der modernen Formel 1 werden lassen, zu einem, den die Zuschauer sehen wollen.

          Im Mai gewann er in Barcelona seinen ersten Grand Prix, da war Verstappen gerade einmal 18 Jahre und 228 Tage alt. Jubel im Fahrerlager – selbst bei der Konkurrenz. Jubel für einen, der helfen soll, eine junge Fangeneration an die Formel 1 heranzuführen. Dabei bewegt Verstappen längst ein ganzes Land. Etwa 75.000 Zuschauer kamen zum Rennen nach Spa-Francorchamps, der Großteil von ihnen: Niederländer. Verstappen, der Holland-Schumi? Schumacher machte aus Deutschland eine Motorsportnation, löste hierzulande zu Beginn der neunziger Jahren einen regelrechten Formel1-Boom aus.

          23 Jahre und 134 Tage alt

          Vater Jos Verstappen war 1994 der Teamkollege von Schumacher bei Benetton. Er aber glänzte nicht durch Podien oder Siege, er stand nur im Mittelpunkt, als sein Rennwagen in Hockenheim beim Nachtanken einmal in Flammen aufging. Von Benetton ging es für ihn weiter zu mittelmäßigen Rennställen: Simtek, Arrows, Tyrrell, Stewart, noch einmal Arrows und schließlich Minardi – nach 107 Starts war Schluss. Und für Verstappen Senior stand eines fest: Sollte sein Sohn auch Rennfahrer werden wollen, er sollte um Siege und Weltmeisterschaften kämpfen.

          Spa im August 2016: Verstappen gerät mit Raikkönen aneinander.
          Spa im August 2016: Verstappen gerät mit Raikkönen aneinander. : Bild: WITTERS

          Die Karriere von Max Verstappen begann im Kart, da war er vier Jahre alt. Bis zum Jahr 2013 gewann er alles, was es zu gewinnen gab. „Die richtige Schule war mir immer ziemlich egal. Ich habe höchstens irgendwelche Rennstrecken in meine Schulhefte gemalt. Ich wusste ja von Anfang an, dass ich Rennfahrer werden will“, sagt er. Dass da ein Riesentalent unterwegs war, hat bei den Experten schnell die Runde gemacht. Auch Mercedes wollte den Jugendlichen Verstappen später in sein Junior-Team aufnehmen, doch der Vater hatte andere Pläne. Bei den Silberpfeilen standen Lewis Hamilton und Nico Rosberg unter Vertrag, es war absehbar, dass Jahre vergehen würden, ehe wieder ein Cockpit frei würde. Aber diese Zeit hatten die Verstappens in ihrem Masterplan nicht vorgesehen. Knapp fünf Jahre bleiben ihnen nun noch, um einen weiteren Rekord zu brechen. 23 Jahre und 134 Tage war Vettel alt, als er 2010 bislang jüngster Formel-1-Weltmeister wurde. Verstappen braucht dafür nur noch das passende Auto.

          Neues Leben in Monte Carlo

          Das wissen auch seine Gegner – und deshalb reagieren sie so gereizt auf ihn. Weder über Daniil Kwjat, seinen Vorgänger bei Red Bull, noch Daniel Ricciardo, seinen jetzigen Teamkollegen, wurde öffentlich so viel diskutiert und analysiert wie über Verstappen. „Ich mag Max wirklich sehr, er ist absolut erfrischend, aggressiv, er fährt die Ellbogen aus, zeigt keinen Respekt“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: „Aber ich befürchte, dass das irgendwann in einem großen Crash endet.“ Viele der Aussagen von Team-Verantwortlichen und Fahrern appellieren direkt oder indirekt an Rennleiter Charlie Whiting, sich den Fahrstil von Verstappen genau anzusehen, um dann womöglich Strafen auszusprechen.

          Ein Monaco-Einstand mit Knalleffekt: Im vergangenen Jahr kollidiert Max Verstappen im Fürstentum mit Romain Grosjean.
          Ein Monaco-Einstand mit Knalleffekt: Im vergangenen Jahr kollidiert Max Verstappen im Fürstentum mit Romain Grosjean. : Bild: action press

          Lauda verfolgt einen anderen Ansatz: „Als Fahrer musst du dir den Burschen schnappen und deutlich machen, wo die Grenze liegt. Dann erübrigt sich das Problem von selbst.“ In den Fahrer-Besprechungen vor einem Grand-Prix-Wochenende wurde Verstappen schon mehrmals ermahnt. Er soll darüber verärgert gewesen sein, verließ den Raum aber meistens mit einem Lächeln. Manch einer sieht darin eine Form von Arroganz. Nach dem Rennen von Spa, geleitet von seinen Emotionen, behauptete Lauda noch, dass Verstappen in die Psychiatrie gehöre. Für diese Aussage hat er sich inzwischen bei Red-Bull-Mann Marko entschuldigt. Auch Lauda weiß, dass der Aufstieg von Verstappen – sollte er nicht irgendwann vollkommen von Sinnen sein – kaum aufzuhalten sein wird.

          Sein Privatleben hat der junge Mann schon mal entsprechend neu geordnet. Anfang des Jahres ist er nach Monte Carlo umgezogen, er hat sich einen Porsche GT3 RS für mehr als 200.000 Euro gekauft und sich von seiner Freundin getrennt, dem belgischen Model Joyce Godefridi. „Es hat nicht funktioniert“, sagte der Achtzehnjährige danach über die Beziehung mit der Zwanzigjährigen. Schon soll es eine Neue in seinem Universum geben. Was war, ist vergangen, die Zukunft hält genug bereit – so ist das bei Max Verstappen. Das haben sie inzwischen auch in der Formel 1 verstanden. Denn trotz aller Attacken, auf der Strecke oder verbal, verunsichert ist er deshalb nicht. Verstappen kennt nur eines: Vollgas.

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