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Machtkampf in der Formel 1 : Schluss mit lustig

„Wir müssen uns auf uns konzentrieren“, sagt Sebastian Vettel Bild: dpa

Die Formel 1 steuert auf einen neuen Machtkampf zu - Mercedes gegen Red Bull: „Dauerhaft ist es nicht akzeptabel, wenn ein Brausehersteller uns vor der Nase herum fährt.“

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          Er kommt ein paar Minuten zu spät an diesem Vormittag. Stau auf der Landstraße zum Silverstone International Circuit, und Toto Wolff steht mittendrin. Als er ankommt im Motorhome von Mercedes, wünscht er sich ein Toastbrot mit ganz viel Schokocreme und dazu einen Kaffee. Draußen schieben sich graue Wolken über die Rennstrecke, Regen prasselt auf den Asphalt, doch der Sportchef der Silberpfeile lächelt. Nicht einmal ein halbes Jahr hat der Österreicher benötigt, um der Marke mit dem Stern wieder ein wenig Glanz zu verleihen in der Formel 1 - und er hat noch nicht genug: „Dauerhaft ist es nicht akzeptabel, dass ein Brausehersteller 100.000 Mercedes-Benz-Mitarbeitern vor der Nase herum fährt“, sagt er. Das ist die Botschaft der vergangenen Wochen: Mercedes greift an. Und das provoziert sogar den Riesen der Branche.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vielleicht 100 Meter - mehr sind es nicht, die im Fahrerlager von Silverstone zwischen Mercedes und Red Bull liegen. Doch zwischen den Verantwortlichen der beiden Teams baut sich derzeit eine Spannung auf, die in einem Machtkampf enden könnte. „Red Bull wurde dreimal Weltmeister, in diesem Jahr gewinnen sie den vierten Titel. Diese Leistung ist vorbildhaft, sie ist inspirierend“, sagt Wolff. Aber er spricht auch diesen Satz: „Es gibt für mich eine Grenze, und die wurde von Red Bull überschritten. Ich habe es im Sport und in meinen zwanzig Jahren in der Wirtschaft noch nie erlebt, dass jemand so auftritt.“

          Paris vor einer Woche: Vor dem Tribunal des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) treffen die Protagonisten aufeinander. Es geht um die gemeinsamen Testfahrten von Mercedes und dem Reifenhersteller Pirelli. Teamchef Christian Horner kommt als Vertreter von Red Bull, zuvor hatte er der Fia eine 18-seitige Expertise übergeben, in der Spezialisten des Teams analysiert haben, was ein Formel-1-Team bei einem dreitägigen Test lernen könne. Eine Strafe fordert Red Bull auch: den Abzug von mehr als 100 Punkten in der Gesamtwertung. Es kommt anders. Mercedes darf lediglich nicht bei den Testfahrten für Nachwuchsfahrer Mitte Juli dabei sein. Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko braucht nur ein Wort, um das Urteil aus einer Sicht zu beschreiben: „Frechheit“.

          Red Bull wollte auf keinen Fall angepasst wirken

          Die Verantwortlichen des Brauseherstellers schäumen. Und sie werden dafür sogar von ihren Landsleuten kritisiert. Die „Sportwoche“ aus Österreich schreibt: „Wenn Red Bull so tut, als ob man nun der Sheriff der Formel 1 sei, dann muss man sich in Fuschl fragen, ob man sich nicht lieber auf Air Race und Cliff Diving konzentriert - Serien, in denen man der Veranstalter ist. Sonst sollte man im Erfolg lieber etwas Demut zeigen.“ Marko gefällt diese Art der Kritik nicht, und deshalb hat er sich dafür entschieden, künftig am liebsten überhaupt nicht mehr mit den Journalisten aus seiner Heimat zu sprechen.

          Als Red Bull 2005 in die Formel 1 einstieg, war dieser Rennstall anders als alle anderen: cool, lässig, angesagt. Das Team feierte ausgelassene Partys, veranstaltete eigene Miss-Wahlen und lud Stars wie die Popsängerin Pink zur Unterhaltung seiner Gäste ein. Angepasst wollte Red Bull auf keinen Fall wirken, die kleine Aluminiumdose sollte immer auch für ein kleines bisschen Freiheit stehen. Und die anderen Teams? Schraubten lieber still und leise an ihren Autos herum und suchten den Erfolg auf der Strecke. Die Dinge haben sich verändert. Laute Musik wummert noch immer aus den Lautsprechern in der Garage von Red Bull, aber die Verantwortlichen wirken dünnhäutig und gereizt.

          Die Sticheleien könnten erst der Anfang sein

          Am Donnerstag sitzt Weltmeister Sebastian Vettel auf dem Podium. „Wir müssen uns auf uns konzentrieren, wir dürfen uns nicht ablenken lassen“, sagt der Fünfundzwanzigjährige. Worte, die wie eine Mahnung an das eigene Team klingen. Nach den ersten sieben Saisonrennen liegt der Deutsche schon wieder vorne in der Gesamtwertung, 36 Punkte trennen ihn von seinem ersten Verfolger Fernando Alonso (Ferrari). Für die meisten Experten im Fahrerlager ist es nur eine Frage der Zeit, bis Vettel seinen nächsten Titel gewinnt. Wollen die Gegner ihn stoppen, dann müssen sie angreifen an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr MESZ / im Liveticker bei FAZ.NET) beim Großen Preis von Großbritannien.

          Ein anderes Team spielt vermutlich keine Rolle mehr im Kampf um den Titel in diesem Jahr: Mercedes. Trotzdem fürchten sie bei Red Bull schon die neue Stärke der Silberpfeile. Die Formel 1 rüstet ab, Sechs-Zylinder-Motoren inklusive Turbo werden im kommenden Jahr die Acht-Zylinder-Aggregate ersetzen. Mercedes entwickelt das neue Triebwerk seit knapp zwei Jahren in Brixworth, vierzig Kilometer entfernt in der Rennwagenfabrik in Brackley konstruieren die Experten den dazu passenden Boliden - ein ungemeiner Vorteil. Red Bull dagegen wird darauf angewiesen sein, was der Motorenpartner Renault zur Verfügung stellt. Die Hierarchie in der Branche könnte also gehörig durcheinander gewirbelt werden. Und all die Unruhe und die Sticheleien in diesen Tagen könnten erst der Anfang sein.

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