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Lotus und die Formel 1 : Kampf um einen Mythos

  • -Aktualisiert am

Flagge zeigen für Malaysia: Jarno Trulli auf Werbefahrt in Putrajaya Bild: dapd

Es ist die größte Namens-Verwirrung in der Geschichte der Formel 1: Gleich zwei Rennställe schmücken sich mit dem historischen Schriftzug Lotus. Es geht dabei um Prestige und jede Menge Geld.

          3 Min.

          Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt. Deshalb mögen die meisten Formel-1-Rennfahrer Malaysia. Zumindest die Rennstrecke in Sepang. „Schnelle Kurven“, zwei lange Geraden, anspruchsvolle Passagen. „Ein tolle Piste“, sagt Mercedes-Pilot Nico Rosberg. Ein Schmuckstück, der Stolz des Landes, sagt die Regierung. Der Premierminister hat Michael Schumacher zum Abendessen gebeten. Der staatliche Ölkonzern Petronas ist seit Jahren einer der potentesten Sponsoren im Feld. Einen Fahrer haben die Malaysier zwar nicht zu bieten, aber dafür halten sich gleich zwei Rennställe für die nationale Vertretung im Zirkus und zeigen Flagge für Malaysia: Renault und Lotus.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Tony Fernandes schwitzt. 30 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent treiben jeden Tropfen aus den Poren. Aber der Geschäftsmann lacht erfrischend. Er hat Anfang des Jahrzehnts, als der Verkehrsflug nach den Attentaten auf die World-Trade-Center am Boden lag, die Fluggesellschaft Air Asia gegründet. Deren Geld beflügelt nun seinen jungen Rennstall. Fernandes, 1964 in Kuala Lumpur geboren, startete mit der altbekannten Marke Lotus 2010 ins Renngeschäft. Malaysia sollte der Stammsitz werden.

          Denn die heimische Autoindustrie, Proton, ist Besitzer der Lotus-Gruppe, die der Engländer Colin Chapman gründete. Der zauberhafte Name aus den alten Tagen, eine Regierung, die hinter dem Rennsport steht und Industriegelder: Fernandes sah schon die Blüte seines Traumes. Bis der Schweizer Dany Bahar auf die Bühne trat und als Geschäftsführer der Lotus-Gruppe den Besitzer Proton für ein neues Motorsport-Programm gewann. Die Strategie des ehemaligen Mitarbeiters von Red Bull und Ferrari: Einstieg in die Formel 1 beim Renault-Team. Bis 2012 hat die Lotus-Gruppe, Ende des vergangenen Jahres mit negativer Bilanz, das Recht, Anteile am Rennstall zu erwerben. Vorerst tritt man als Hauptsponsor in Erscheinung. Weil der frühere Ministerpräsident Mahathir Mohamad als Berater der Lotus-Gruppe tätig ist, gilt das Rennen um die Töpfe in Malaysia als entschieden. Zumal Renault 2011 um Punkte und Podien fährt, Lotus aber um das Überleben ringt.

          Zauberhafter Name, harter Alltag: Lotus-Teamchef Tony Fernandes (m.) mit seinen Fahrern Jarno Trulli und Heikki Kovalainen

          Noch heute elektrisiert der Name

          Fernandes wischt sich den Schweiß von der Stirn und kämpft: Lotus ist seine Versicherung. Denn der Name ist nach Ferrari, den Silberpfeilen und McLaren die letzte historische Größe der Formel 1. Um einen Lotus rissen sich Rennfahrer der sechziger und siebziger Jahre. Obwohl der Ruhm teuer erkauft wurde. „Wenn ich von meinem eigenen Hinterrad überholt werde, weiß ich, dass ich in einem Lotus sitze“, soll der zweimalige Weltmeister Graham Hill einst gesagt haben. Der Scherz hatte einen traurigen Hintergrund. Chapman konstruierte Höllenmaschinen: höllisch schnell, aber wegen ihrer Gebrechlichkeit teuflisch gefährlich. Jochen Rindt prophezeite sich Tod oder unsterblichen Ruhm. Er bekam beides. Beim Training zum Großen Preis von Italien in Monza 1970 verunglückte er wegen einer gebrochen Bremswelle tödlich. Wenige Wochen später wurde er posthum Weltmeister.

          Noch heute elektrisiert der Name Lotus selbst Nachgeborene. Als Emerson Fittipaldi sein WM-Auto in der berühmten gold-schwarzen Lackierung der Zigarettenmarke John Player vor dem Großen Preis von Brasilien 2010 in São Paulo drei Runden präsentierte, kämpften Klein und Groß um die besten Plätze am Zaun. Deshalb kreisen zwei Renner auch in Malaysia in den einstigen Sponsor-Farben, während die beiden anderen im typischen Lotus-Grün ihre Bahnen ziehen. „Lotus ist eben ein Mythos“, sagt Fernandes.

          Entsprechend erbittert wird der Kampf um den Namen geführt. Die Bezeichnung „Lotus Racing“ musste der Malaysier im Herbst vergangenen Jahres wieder an die Lotus-Gruppe zurückgeben. Es war der Beginn eines handfesten Streits um das geldwerte Erbe Colin Chapmans. Fernandes blieb mit dem „Lotus“-Logo auf seinem Boliden im Rennen, weil er David Hunt, dem letzten Besitzer des 1994 wegen Insolvenz abgemeldeten Teams, den Namen „Team Lotus“ abkaufte. Der Schachzug führte zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der Lotus-Gruppe, die nach ersten Verhandlungen in das nächste Jahr verschoben wurde. Das Ergebnis ist die größte Namens-Verwirrung in der Geschichte der Formel 1: Lotus-Renault Grand Prix, so der offizielle Name, fährt gegen das Team Lotus mit einem Renault-Motor. Verstanden?

          Heimat ist da, wo das Geld herkommt

          Selbst Reporter haben ihre liebe Mühe. Seit Tagen werden malaysischen Zeitungslesern allerlei Geschichten über die Formel 1 serviert. In einem Absatz auch die Story von dem im Februar bei einer Rallye verunglückten Formel-1-Piloten Robert Kubica. Der Pole sei bei Lotus kaum zu ersetzen. Wie auch? Er ist nie für Fernandes gefahren. Kubica gehört seit 2010 zu Renault. Für ihn sitzt Nick Heidfeld im Cockpit.

          Ob der bizarre Streit die eher kleine Fan-Gemeinde in Malaysia erreicht hat, ist ohnehin fraglich. Die Kundigen wissen längst, dass die Hausadressen von Lotus Renault und dem Lotus mit dem Renault im Heck ins mittlere England führen. Dort, wo beide Boliden gebaut werden, wo die Teams fest verwurzelt sind. Die Fähnchen in den Händen der Tribünenbesucher, die Sponsorenlogos auf den Kappen deuten auf den ersten Sieger des Kampfes um die Gunst Malaysias hin: Mercedes genießt das Vertrauen des Staatskonzerns Petronas. Dessen Name prangt auf dem Heckflügel. Und so erinnerten die Stuttgarter pünktlich zum Großen Preis von Malaysia an einen „Heim-Grand-Prix“. Heimat ist also da, wo das Geld herkommt.

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