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Diversität im Motorsport : Kleiner Start, großes Ziel

Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton kämpft um mehr Diversität im Motorsport. Bild: dpa

Auch den Motorsport begleiten Fragen nach systemischem Rassismus und inhärenter Benachteiligung. Ein Anfang ist gemacht. Aber echte Veränderung muss an den Schulen beginnen, im Herzen der Gesellschaft.

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          Bleiben wir in Britannien. Das EM-Finale ist abgepfiffen, der Müll beiseitegekehrt, der Regen hat den Rausch davongespült. Die BBC rekonstruiert den Sturm auf Wembley, im Unterhaus attackiert die Opposition die Regierung Ihrer Majestät für die Haltung des Premiers und seiner Minister gegenüber den knienden englischen Nationalspielern, und in den sozialen Netzwerken machen ebendiese deutlich, dass sie jedenfalls nicht im und wohl auch nicht für das Kabinett Johnson spielen.

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          Doch das Wetter bessert sich, und schon blicken die Briten nicht nur in die Midlands, sie reisen an. 140.000 Zuschauer werden in Northamptonshire erwartet, mit Ticket, zum Großen Preis von Großbritannien. Auf den Fußball folgt die Formel 1. Nirgends ist die Serie so sehr bei sich wie auf dem Silverstone Circuit, dem Home of British Motor Racing.

          Aber nie war so deutlich wie in diesem Jahr, dass die Rennserie, die Teams, ja die gesamte britische Motorsportindustrie, deren Zentrum nahe dem Traditionskurs liegt, dieselben Fragen nach systemischem Rassismus und inhärenter Benachteiligung begleiten, auf die auch die protestierenden Fußballspieler aufmerksam machen.

          Motorsportbranche dominant weiß

          Am Dienstag veröffentlichte die Hamilton-Kommission die Ergebnisse ihrer Untersuchung, auf über 180 Seiten. Auf Anregung von Weltmeister Lewis Hamilton, von der Queen zu Sir Lewis ernannt, hatte die Königliche Akademie des Ingenieurwesens die Unterrepräsentanz schwarzer Briten in der Motorsportbranche untersucht.

          Neben einigen dokumentierten Fällen mehr oder minder offen rassistischer Sprüche gegenüber einzelnen nicht-weißen Formel-1-Teammitgliedern zeigt vor allem die Analyse der Universitäts- und Schulabschlüsse, warum die Branche, die sich selbst als Bastion der Ingenieurselite sieht, so dominant weiß ist.

          Ein Beispiel: Im ganzen Königreich haben ganze zwei Schüler karibischer Herkunft im Jahr 2019 die höchste Note in Physik erhalten und nur 23 schwarze Schüler insgesamt. Das sind zwei Prozent der teilnehmenden Schüler, während unter weißen Jugendlichen acht Prozent die Bestnote erhielten. In Mathematik sind die Zahlen in toto höher, aber ebenso erschütternd disparat: 17 Prozent der weißen Schüler erhielten die Bestnote, sieben Prozent der schwarzen.

          Zwei Prozent der fast 60.000 Ausbildungsplätze in Ingenieurberufen zum Berufsstart 2019/20 wurden mit schwarzen Bewerbern besetzt. Schwarze Studenten machten 2019 fünf Prozent aller Studierenden im Ingenieurwesen aus, an den 24 Eliteuniversitäten der Russell-Gruppe, Rekrutierungsfeld der Formel 1, studierte nicht einmal ein Viertel der insgesamt 820 angehenden Ingenieure mit schwarzer Hautfarbe.

          Formel 1

          Am Mittwoch verschickte die Formel 1 eine Pressemitteilung: Zehn Stipendien an Universitäten in Großbritannien und Italien, zwei Ausbildungsplätze und sechs Praktikumsstellen wolle man Bewerbern aus unterprivilegierten Gruppen noch in diesem Jahr vermitteln. Ein Anfang, mehr nicht. Echte Veränderung muss an den Schulen beginnen, im Herzen der Gesellschaft.

          Und doch: Der BBC sagte Hamilton am Dienstag, es wäre seine wertvollste Leistung, gelänge es ihm, mehr Diversität in den Motorsport zu bringen. Der ganz große Preis. Und es profitierte längst nicht nur die Formel 1.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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