https://www.faz.net/-gtl-1102p

Lewis Hamilton : Krönung oder Kiesbett

  • -Aktualisiert am

Hamilton ist der erste Superstar ohne Titel Bild: REUTERS

Lewis Hamilton ist der erste Superstar ohne Titel. Nun kann er der jüngste Weltmeister in der Formel 1 werden. Sein außergewöhnliches Selbstbewusstsein irritiert Freunde und Feinde. Es ist die Quelle für überraschende Fehler - und für Leistungen, die Grenzen sprengen.

          4 Min.

          Alles unter Kontrolle? Mit dem Mikroskop hat McLaren-Mercedes den Rennwagen von Lewis Hamilton vor dem Finale der Formel-1-Saison in São Paulo untersucht. Vom Motor wurde eine Kopie angefertigt. Mit Teilen aus derselben Baugruppe, derselben Produktionsrunde und möglichst derselben Herstellungsminute. „1500 Kilometer Fahrleistung haben wir damit simuliert, um jedes Risiko auszuschalten“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug und holt Luft: „Trotzdem bleibt ein Restrisiko. Es ist wie vor einer Operation.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Manchmal vermitteln Formel-1-Ingenieure und Teamchefs den Eindruck, sie würden neben dem Eingriff in die Maschine auch gerne mal beim Menschen ein paar Teile austauschen. Ein bisschen die Spur justieren. „Halte Disziplin“, rief Ron Dennis seinem Piloten Hamilton in China kurz vor dem Sieg über den Bordfunk zu. „Halte Disziplin.“

          Hamilton ist der erste Superstar ohne Titel

          Der Sieger des vergangenen Grand Prix konnte sich später an den Rat nicht mehr erinnern. „Vielleicht hat er gesprochen, als andere in der Leitung waren.“ Schulterzucken. Hamilton hört eher auf seine innere Stimme. Sie flüstert ihm ein Selbstbewusstsein ein, das Freund und Feind irritiert. Wann hat ein Formel-1-Pilot so schnell von null auf 100 beschleunigt? In 17 Rennen 2007 vom Debütanten zum WM-Zweiten mit einem Punkt Rückstand, in 17 weiteren Grand Prix zur nächsten Titelchance (siehe: Hamilton gegen Massa: Strafen, Unfälle, Manöver - und ein Tankrüssel).

          Nach dem Sieg in Schanghai vor zwei Wochen: „Ich habe das Gefühl, einen Schritt voraus zu sein”

          Noch bevor Hamilton an diesem Sonntag (siehe: Qualifying in Sao Paulo: Massa auf der Pole - Hamilton muss kämpfen) seinen Vorsprung von sieben Punkten in der Fahrerwertung vor Ferrari-Pilot Felipe Massa (siehe: Felipe Massa: „Papa, ich kann nicht langsam fahren“) zum ersten Gesamtsieg ausbauen, mit 23 Jahren zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte aufsteigen kann, ist er allen Konkurrenten enteilt. Selbst ewigen Champions wie Niki Lauda, Alain Prost, Ayrton Senna oder Michael Schumacher. Denn Hamilton ist der erste Superstar ohne Titel.

          Hamilton hat die Mechanismen verinnerlicht

          Groupies zieren seine Wege auf der Welttournee zwischen Melbourne und Brasilien. Vor Interviewanfragen kann er sich kaum retten. Werbespots in aller Herren Länder führen einen jungen Mann vor, der alles zu vereinen scheint: Mut, Erfolg, Jugend, blendendes Aussehen, Reichtum. Gleich im ersten Formel-1-Jahr beeilte sich McLaren-Mercedes, das Honorar für Fahrdienste anzupassen. Von 750.000 auf – geschätzt – elfeinhalb Millionen, vom Kutscher zum Chefpiloten. Ein Sprung um 1400 Prozent.

          Nächstes Jahr gibt es noch mehr. Denn Hamilton fährt nicht nur schnell, er hat auch die Mechanismen verinnerlicht. Als ihm der Fernsehsender RTL in Monaco eine Kamera in die Hand drückte, filmte er die feinen Kleider der Teamführung und ließ sich die Marke zeigen. Dann schwenkte er von einer Yacht auf die See und fing – rein zufällig – das Logo des Team-Ausrüsters auf einem anderen Schiff ein. „So einer ist Gold wert“, sagte ein Marketing-Experte.

          Hamilton macht die Kollegen nervös

          Der Vorschuss für Hamilton scheint gut investiert. Denn die Nervosität an der Fahrerbörse signalisiert sein Verdrängungspotential. Hamiltons aggressiver Fahrstil, seine Leidenschaft, in jeder Lücke einen Weg zur Spitze zu sehen, seine atemraubenden Überholmanöver ohne besondere Rücksicht auf Hintermänner haben manche Konkurrenten zuletzt heftig beklagt (siehe: Lewis Hamilton: Er ist sich selbst der größte Gegner). Hier und da zu Recht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.