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Ein Bild – eine Geschichte : Einmal zurück ins Jahr 1955

  • -Aktualisiert am

Das Bild ist aus dem Jahr 2015, aber es erinnert an eine Zeit, die lange vorbei ist. Bild: Mercedes AMG F1 / Wolfgang Wilhelm

Die berühmten Steilkurven der Rennstrecke in Monza erzählen Geschichten von Angst und Tod. Die Formel 1 heute kann sie sich nicht mehr leisten – auch wenn mancher das möchte.

          5 Min.

          Ein junger Mann in einem alten Rennwagen. Auf einer stillgelegten Strecke, auf einer der beiden Steilkurven von Monza. Wo kommt er her, wo will er hin? Lewis Hamilton sieht sich als Urenkel oder Enkel der Rennfahrer aus den dreißiger bis sechziger Jahren. Im Frühjahr hat er Stirling Moss getroffen, den Gentleman unter den Piloten von einst, seinen Landsmann, Sir Stirling. Moss ist dort vor 60 Jahren gefahren, wo der Weltmeister von heute Spuren suchte, nach dem Gefühl, wie es damals wohl war.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In einem Boliden wie dem W196 von Mercedes, 2,5 Liter Hubraum, acht Zylinder, 280 PS, Spitzentempo 290, knallharte Reifen, handgemachte Mechanik, Lenkrad, Kupplung, Bremse, Gaspedal, ganz simpel: Rennfahren als Hand- und Fußwerk, frei von Computertechnik und Kontrollsystemen. Nur Mensch und Maschine. Mit Tempo 250 in der Steilkurve von Monza. „Wahnsinn, Sir Stirling.“ Der Weltmeister von 2014 will auch mal. Einmal zurück in den September 1955.

          Hamilton sagt, er sei verrückt genug, das zu tun wie diese Typen damals. Er hat es getan. Erst langsam, damit schöne Fotos entstehen. Dann hat er gebettelt: zwei Runden für ihn allein. Kein Sicherheitsgurt, kein Helm, Hamilton und diese Metallkiste, der Silberpfeil, ein Glanzstück. Erst mit Tempo 120, dann mit 180 weit oben, dort, wo man kaum noch stehen kann, wo nur kniehohe Leitplanken die Auffahrt in den Himmel begrenzen. Der Silberpfeil versetzt, steht quer - geschätzte 24 Millionen Euro Sammlerwert auf dem Weg zum Schrott?

          Hamilton fängt ihn ein auf der „Sopraelevata“, wie die Italiener sagen. Es hört sich zärtlich an, wenn erfahrene italienische Motorsportjournalisten von ihren Steilkurven sprechen. Dabei steigt ein Glanz in ihre Augen. Aus den Gedanken an diese 1922 gebauten, 1954 überholten, noch steiler geformten Kurven entstehen Bildergeschichten, die sich mit steigendem Tempo zu Heldenepen verdichten. Über die Jahre sind die Monumente links und rechts des berühmt-berüchtigten Grand-Prix-Kurses zu unberührbaren Zeugen geworden, zuletzt mit einer neuen Betondecke übergossen, damit sie für immer bleiben.

          Der Ferrari erschlägt auch 15 Zuschauer

          Stille Erzähler. 1990 noch wollte man sie abreißen, dann wucherte das Unkraut, jetzt warnte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi angesichts der Debatte um eine drohende Abwanderung der Formel 1 aus Monza: „Lasst die Finger davon.“ Ob Bernie Ecclestone Monza wirklich jemals verlassen will und kann, nur weil es anderswo mehr Geld gibt für seine große Sause? Die Formel 1 wehrt sich. Sie lässt aber auch nicht die Finger von Monza, im Gegenteil, sie klammert sich fest an den Steilwänden, an der Historie. Hamilton schwärmt von den Kurven, Teamkollege Rosberg stand mit ihm im Scheitelpunkt, Ferrari-Star Vettel lief mit ein paar Ingenieuren am Donnerstag wie zu einer Streckeninspizierung vor dem Großen Preis von Italien am Sonntag (14.00 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) in die Steilwand.

          Junge Männer, die kaum geboren waren, als schon ein Vierteljahrhundert kein Bolide in einem Grand Prix mehr durch die Kurven gedonnert war. 1961 wagten sie es ein letztes Mal. Damals starb an anderer Stelle Graf Berghe von Trips in Monza, sein Ferrari erschlug 15 Zuschauer, eine Katastrophe, eine von vielen in Monza seit der Eröffnung der Rennstrecke 1922. Vor 93 Jahren verlor Gregor Kuhn sein Leben beim Großen Preis von Italien, der erste deutsche Tote von Monza, der letzte mit deutschem Pass war Jochen Rindt.

          „Sie mussten Nerven wie Drahtseile haben“

          Hamilton glaubt, dass der „Angstfaktor“ (im Interview mit „Auto Motor und Sport“) damals eine große Rolle unter den Fahrern gespielt haben muss. Weil sie morgens vor dem Rennen nicht mal halbwegs sicher sein konnten, ihr Hotelzimmer am Abend wiederzusehen. Autos gefüllt mit hochexplosivem Treibstoff, wie kleine Raketen mit Aufschlagzünder, Strohballen am Streckenrand statt ausgeklügelte Aufprallsysteme und Reifenstapelreihen, ein Gartenzaun noch, dann Steintribünen oder meterdicke Bäume.

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