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Formel 1 in Silverstone : Hamilton nervenstark zum Heimsieg

  • -Aktualisiert am

Lewis Hamilton (rechts) scheint der Pokal trotz seiner Kritik an den Trophäen zu gefallen, Nico Rosbger bleibt nur ein Fingerzeig Bild: Reuters

Die Silberpfeile liegen auch in Silverstone vorne – im bislang besten, spektakulärsten und unterhaltsamsten Grand Prix dieser Saison. Weltmeister Hamilton hält sich im letzten Moment Rivale Rosberg vom Leib. Und auch Vettel freut sich.

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          Als der Mann mit der karierten Flagge an die Boxenmauer trat und den Sieger abwinkte, jubelten die Fans auf den Rängen wie in einem Fußballstadion. Ihr Held nahm beide Hände vom Lenkrad, reckte sie in die Luft und bekam sofort das Lob seines Mercedes-Teams via Funk auf die Ohren: „Lewis, was für eine unglaubliche Fahrt, großartiger Job!“ Erst auf seiner Ehrenrunde nahm Lewis Hamilton den Speed raus, fuhr ganz nah an die Zäune vor den Tribünen heran, ließ den Boliden kreiseln und bedankte sich auf diese Art bei seinen Anhängern.

          Der Erfolg beim Großen Preis von Großbritannien am Sonntag war der fünfte Sieg im neunten Rennen dieser Formel-1-Saison für den Briten. Er baute seine Führung in der Gesamtwertung (194:177) auf seinen Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg (2.) wieder aus. Viel wichtiger aber: Hamilton hat die Nerven behalten; im bislang besten, spektakulärsten und unterhaltsamsten Grand Prix dieser Saison.

          Um kurz nach 13 Uhr Ortszeit führte Hamilton das Feld in die Startaufstellung. Als die roten Lichter über ihm erloschen waren, gab er Gas – und musste sich doch vorkommen, als würde er nicht vom Fleck kommen. Rosberg rechts neben ihm hatte er im Griff, doch von hinten schossen die beiden Williams-Fahrer Felipe Massa und Valtteri Bottas an den beiden Silberpfeilen vorbei.

          „Ich hatte keinen Grip“, sagte Hamilton nach dem Rennen. „Aber das hat es für die Fans hier am Ende noch aufregender gemacht.“ Schon nach ein paar Kurven zog der Dreißigjährige wieder an Bottas vorbei und wurde erst vom Safety -Car wieder eingebremst. Weiter im Feld waren die beiden Lotus-Fahrer Romain Grosjean und Pastor Maldonado sowie McLaren-Pilot Jenson Button kollidiert – alle drei schieden aus.

          Vor dem Start schaute Skistar Lindsey Vonn bei Hamilton vorbei Bilderstrecke
          Vor dem Start schaute Skistar Lindsey Vonn bei Hamilton vorbei :

          In der vierten Runde wurde das Rennen wieder freigegeben, Hamilton lauerte, attackierte sofort, doch Massa verteidigte sich und drängte den Briten ins Gras. Der große Profiteur: Bottas. Der Finne schlüpfte vorbei und machte fortan Jagd auf seinen Teamkollegen. Prompt kam die Ermahnung vom Williams-Kommandostand. „Wir fahren kein Rennen untereinander!“ Die Antwort von Bottas: „Aber ich bin schneller.“ Tatsächlich wirkte es so, als sei Massa der langsamste unter den vier Spitzenpiloten. Die Folge: Nach achtzehn Runden lagen sie nicht einmal zwei Sekunden auseinander.

          Für die Verantwortlichen von Mercedes war das eine neue Situation. Seit einem Jahr steht stets ein Silberpfeil auf der Pole-Position, seitdem ging es zumeist darum, sich die eigene Geschwindigkeit einzuteilen, das Material zu schonen und aufzupassen, dass sich Hamilton und Rosberg nicht aneinander geraten. Nun liefen die Hochrechnungen und Analysen, fragten sich die Experten, wie sie ihre Fahrer wieder nach vorne bringen könnten. Die Lösung: Über einen schnellen Reifenwechsel. Das Problem: Würde Hamilton danach im Verkehr hängen bleiben?

          In der 19. Runde fuhr er bei seinen Mechanikern vor, 2,4 Sekunden brauchte die Crew, um vier Pneus zu montieren. Dann raste Hamilton zurück auf die Strecke – und in seinem Rückspiegel tauchte Sergio Perez (Force India). Qualmende Gummis, Hamilton blieb vor dem Mexikaner. Massa und Rosberg bogen eine Runde danach in die Boxengasse ab, Bottas folgte eine weitere Umdrehung später. Hamilton hatte so die Führung übernommen, Rosberg hing auf Platz vier fest – Jubel auf den Rängen. „Diese Williams waren wie eine Blockade. Da war ich schon sehr enttäuscht, dass ich da nicht vorbei kam“, sagte der Deutsche. Dabei versuchten die Mercedes-Strategen alles, um ihn via Funk voran zu bringen: „Jetzt gib alles, gib alles!“

          An den Kommandostanden schauten die Experten derweil immer wieder nach oben, wo sich langsam bedrohlich dunkle Wolken über die Rennstrecke schoben. Und der Regen kam. Leicht, beginnend in Kurve fünfzehn. „Es sind nur ein paar Tropfen“, meldete Bottas. Doch es wurde immer mehr. Für die große Show bei diesen schwierigen Bedingungen sorgte Rosberg. Erst zog er an Bottas vorbei, schnappte sich kurz danach auch noch Massa. „Da habe ich mehr sehr wohlgefühlt“, sagte der Dreißigjährige. Sollte sogar noch ein Angriff auf Hamilton folgen?

          Acht Sekunden, dreizehn Runden vor dem Ende – so lautete die Ausgangslage vor seiner Aufholjagd. Zwei Sekunden macht er in Runde 41 gut, zwei weitere in Runde 42, dann tauchte Rosberg schon im Rückspiegel seines großen Rivalen auf. Hamilton reagierte, entschied selbst in die Boxengasse abzubiegen und Intermediate-Reifen (für Haftung bei leichtem Regen) montieren zu lassen. „Ich war mir sicher, dass er eine Runde zu früh reingegangen ist“, sagte Rosberg. Er blieb auf der Strecke. „Das ging gut – bis zu den letzten beiden Kurven. Da war es komplett nass, ich hatte keine Chance mehr.“ Dann wechselte er auch auf Intermediates, doch sein Rückstand war schon wieder auf neun Sekunden angewachsen. „Sehr ärgerlich.“

          Die beiden Williams-Fahrer Massa und Bottas fielen derweil auf Platz vier und fünf zurück. Weil Sebastian Vettel die Wetterkapriolen nutzte. Als Sechster war er gestartet und zu Beginn des Rennens schon auf Platz neun zurückgefallen. „Das Team hat einen großartigen Job gemacht. Ohne den Regen würde ich jetzt nicht auf dem Podium stehen“, sagte Vettel zu Rang drei und gab später gerne zu, dass er allein die Entscheidung über den Zeitpunkt des Reifenwechsels hatte treffen müssen. Zum sechsten Mal war er damit in dieser Saison Teil einer Siegerehrung, sein Rückstand auf Hamilton aber beträgt schon 59 Punkte. Die WM 2015 bleibt vorerst eine interne Mercedes-Meisterschaft.

          Grand Prix von Großbritannien, in Silverstone (52 Runden à 5,891 km/306,198 km)

          1. Lewis Hamilton (England) Mercedes 1:31:27,729 Std. (Schnitt: 200,869 km/h);
          2. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 10,956 Sek.;
          3. Sebastian Vettel (Heppenheim) Ferrari + 25,443;

          4. Felipe Massa (Brasilien) Williams + 36,839;
          5. Valtteri Bottas (Finnland) Williams + 1:03,194 Min.;
          6. Daniil Kwjat (Russland) Red Bull + 1:03,955;
          7. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 1:18,744;
          8. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 1 Runde;
          9. Sergio Perez (Mexiko) Force India + 1 Runde;
          10. Fernando Alonso (Spanien) McLaren Honda + 1 Runde;
          11. Marcus Ericsson (Schweden) Sauber + 1 Runde;
          12. Roberto Merhi (Spanien) Manor + 3 Runden;
          13. Will Stevens (England) Manor + 3 Runden

          Ausfälle: Romain Grosjean (Frankreich) Lotus (1. Runde); Felipe Nasr (Brasilien) Sauber (1. Runde); Jenson Button (England) McLaren Honda (1. Runde); Pastor Maldonado (Venezuela) Lotus (2. Runde); Max Verstappen (Niederlande) Toro Rosso (4. Runde); Daniel Ricciardo (Australien) Red Bull (22. Runde); Carlos Sainz jr. (Spanien) Toro Rosso (32. Runde)

          Schnellste Rennrunde: Lewis Hamilton (Mercedes) 1:37,093 Min.
          Pole Position: Lewis Hamilton (Mercedes) 1:32,248 Min.

          Fahrer-Wertung nach 9 von 19 Rennen:

          1. Lewis Hamilton 194
          2. Nico Rosberg 177
          3. Sebastian Vettel 135

          4. Valtteri Bottas 77
          5. Kimi Räikkönen 76
          6. Felipe Massa 74
          7. Daniel Ricciardo 36
          8. Daniil Kwjat 27
          9. Nico Hülkenberg 24
          10. Romain Grosjean 17
          11. Felipe Nasr 16
          12. Sergio Perez 15
          13. Pastor Maldonado 12
          14. Max Verstappen 10
          15. Carlos Sainz jr. 9
          16. Marcus Ericsson 5
          17. Jenson Button 4
          18. Fernando Alonso 1

          Team-Wertung nach 9 von 19 Rennen:

          1. Mercedes 371
          2. Ferrari 211
          3. Williams 151
          4. Red Bull 63
          5. Force India 39
          6. Lotus 29
          7. Sauber 21
          8. Toro Rosso 19
          9. McLaren Honda 5

          Nächstes Rennen: GP Ungarn am 26. Juli in Budapest

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