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Lewis Hamilton : Die Straße gehört ihm

  • -Aktualisiert am

Hamiltons Sichtweise: „Ich bin ein leidenschaftlicher Fahrer” Bild:

Immer auf Attacke, immer auf Provokation. Lewis Hamilton ist der Aggressor der Formel 1. Mit seiner kompromisslosen Fahrweise handelt er sich Strafen und Kritik seiner Gegner ein.

          3 Min.

          Lewis Hamilton ist ein regelmäßiger Gast in der Rennleitung. Der McLaren-Pilot hat es bei seinen 77 Grand-Prix-Starts schon auf mehr Strafen und Verwarnungen gebracht als Rubens Barrichello bei mehr als drei Mal so vielen Teilnahmen. In den ersten sechs Formel-1-Rennen des Jahres musste Hamilton fünf Mal den Rennkommissaren Rapport erstatten. Allein in Monte Carlo kassierte der Brite zwei Bußen. Zuerst boxte er sich an Felipe Massa mit Feindberührung vorbei, dann schickte er Pastor Maldonado in den Reifenstapel. Für das erste Foul gab es eine Durchfahrtstrafe, für das zweite 20 Sekunden auf die Gesamtzeit. Im ersten Zorn gab Hamilton den Kollegen die Schuld. „Man bekommt in Monte Carlo nicht viele Chancen zum Überholen. Ich war deutlich schneller als die beiden und musste es versuchen. Diese Fahrer sind absolut lächerlich und dumm.“

          Als er den Schiedsrichtern unterstellte, er würde wegen seiner Hautfarbe strenger behandelt als der Rest im Feld, drohte ihm Fia-Präsident Jean Todt mit sechs Rennen Sperre. Hamilton musste auf Geheiß seines Arbeitgebers zurückrudern. Er entschuldigte sich zuerst bei seinen Kollegen und dann beim Weltverband. „In der Hitze des Gefechts sagt man schon mal unüberlegte Dinge. Wir alle haben gute und schlechte Tage, und das war einer meiner schlechteren.“

          „Er fährt, als wäre er allein auf der Strecke“

          Bereits in seiner ersten Formel- 1-Saison 2007 stand Hamilton wegen seiner kompromisslosen Fahrweise in der Kritik. „Er fährt, als wäre er allein auf der Strecke“, ereiferten sich seine Gegner. Der stürmische Junge, der keinen Respekt vor großen Namen zeigte, löste den typischen Abwehrreflex bei denen aus, die ihre Rolle als Platzhirsch bedroht sahen. Ein Jahr lang hielten die Fia-Kommissare ihre schützende Hand über das Wunderkind. Hamilton kam immer mit einem blauen Auge davon. Als Fernando Alonso seinen damaligen McLaren-Teamkollegen im Training in Ungarn in der Box behinderte, wurde der Spanier fünf Startplätze zurückgestuft. Der Feind im eigenen Team hatte Alonso zu einem Revanchefoul provoziert, das für den zweimaligen Weltmeister zum Eigentor wurde. Hamilton war in seinem elften Grand Prix schon so abgebrüht wie Alonso nach zwei WM-Titeln.

          Tunnelblick und Ohren zu: Immer auf Attacke, immer auf Provokation

          Ein Jahr später stand Hamilton abermals vor dem Schiedsgericht. Er hatte in der Schlussphase des Großen Preises von Belgien Kimi Räikkönen angerempelt und nach Meinung der Rennleitung regelwidrig die Schikane vor der Zielgeraden abgekürzt. Der McLaren-Pilot bekam 25 Sekunden Strafe aufgebrummt. Er rutschte von Platz eins auf drei. Tenor in der Szene: „Endlich bekommt er die Quittung für seinen Fahrstil.“ Beim Grand Prix in Australien 2009 eckte Hamilton wieder an. Während einer SafetyCar-Phase ließ er Jarno Trulli absichtlich überholen, erzählte später bei der Rennleitung, dass der Italiener regelwidrig an ihm vorbeigezogen sei. Die Telemetriedaten deckten den Schwindel auf. Hamilton gestand unter dem Druck der Beweislage kleinlaut die Lüge ein, entschuldigte sich aber damit, vom Team dazu angestiftet worden zu sein. McLaren opferte seinen Teammanager Dave Ryan, um Hamilton zu retten. Das Image des Vorzeigeathleten hatte einen weiteren Kratzer abbekommen. Hamilton war untröstlich: „Ich habe damals sogar darüber nachgedacht, aus der Formel 1 auszusteigen. Die Kritik hat mich schwer getroffen. Ich bin kein Lügner. Mir ist nicht egal, was die Leute über mich denken.“

          „Ich bin ein leidenschaftlicher Fahrer

          In der abgelaufenen Saison reduzierte der Instinktfahrer seine WM-Chancen innerhalb von 14 Tagen durch zwei Kollisionen mit Felipe Massa und Mark Webber auf null. Auf die Frage, ob er in Zukunft vorsichtiger agieren werde, antwortete der 15-malige Grand-Prix-Sieger: „Würde ich weniger aggressiv fahren, wäre ich nicht mehr ich selbst. Ich bin ein leidenschaftlicher Fahrer, der sich selbst mehr unter Druck setzt als jeder andere.“

          Lewis Hamilton fehlte es noch nie an Selbstbewusstsein. „Meine Vorbilder sind Gilles Villeneuve und Ayrton Senna“, antwortet der Engländer trotzig auf alle, die Parallelen zu Michael Schumacher erkennen wollen. Genauso fährt er auch. Mit ausgefahrenen Ellbogen, nach dem Motto: Die Straße gehört mir. Gäbe es eine Statistik aller Überholmanöver der letzten fünf Jahre, Hamilton läge ganz vorne. „Ich überhole öfter als die anderen Fahrer, deshalb muss ich vielleicht auch öfter bei der Rennleitung vorsprechen“, verteidigt er sich.

          Seit seinem Titelgewinn ist der Karriereplan ins Stocken geraten

          Sebastian Vettels größter WM-Rivale spielt gerne den harten Hund. Als die Fahrer darüber diskutierten, den verstellbaren Heckflügel in Monte Carlo verbieten zu lassen, winkte Hamilton ab. „Wer sich nicht traut, den Flügel einzusetzen, kann es ja bleiben lassen.“ Hamilton gibt sich mit einem WM-Titel nicht zufrieden. Er würde gerne Geschichte schreiben, „wie Michael Schumacher und Sebastien Loeb (der Rallye-Weltmeister), die es sieben Mal geschafft haben“. Doch seit seinem Titelgewinn 2008 ist der Karriereplan ins Stocken geraten. Immer steht ihm ein überlegenes Rennauto im Weg. Diesmal heißt der scheinbar unbezwingbare Gegner Sebastian Vettel. Von der Technik geschlagen zu werden, frustriert. Um den Deutschen zu bezwingen, muss McLaren strategisch alle Joker ziehen. Deshalb versucht man im Training regelmäßig einen Satz Reifen zu sparen und im Rennen die Red Bull mit alternativen Strategien auszutricksen. Meistens geht das daneben.

          In Monaco ließ ihn sein Team so lange in den Boxen schmoren, bis der Unfall von Sergio Perez den Plan durchkreuzte. Statt auf der Pole Position stand Hamilton auf Startplatz neun. Als dann der erste Boxenstopp sechs Sekunden länger dauerte als normal und Stallrivale Jenson Button das Rennen anführte, brannten bei Hamilton die Sicherungen durch. „Mir sind da wohl die Emotionen durchgegangen. Ich wollte weder Felipe noch Pastor das Rennen zerstören“, übte der Aggressor Selbstkritik. Ob er sich daran hält? Schwer zu glauben. Immer auf Attacke, immer auf Provokation. Monte Carlo war bestimmt nicht sein letzter Termin bei der Rennleitung.

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