https://www.faz.net/-gtl-9gv5n

Kubica kehrt zurück : Helfer mit Handicap

  • -Aktualisiert am

„Nichts ist unmöglich“: Robert Kubicas erstaunliche Rückkehr hat auch mit der Solvenz polnischer Sponsoren zu tun. Bild: dpa

Robert Kubica gibt – trotz einer körperlichen Beeinträchtigung – 2019 für Williams ein Comeback in der Formel 1, acht Jahre nach seinem letzten Grand Prix.

          Claire Williams ist leicht überrascht, als sie am Donnerstag die Dachterrasse der Team-Unterkunft auf der Rennstrecke in Abu Dhabi betritt. „So viele Leute?“ In der Frage steckt ein freudiger Unterton. Der Rennstall Williams ist in der Formel 1 zuletzt nur ein Thema gewesen, weil das Weltmeisterteam der neunziger Jahre vor dem Großen Preis von Abu Dhabi (Sonntag, 14.10 Uhr MEZ/RTL und im F.A.Z-Liveticker zur Formel 1) am Ende der Formel-1-Rangliste steht; ein Desaster für die stolzen Briten und ihre Teamchefin. Der große Rennstall ihres Vaters Sir Frank wirkt wie abgehängt von der Moderne. Aber am Donnerstag lacht nicht nur die Sonne.

          Formel 1: Termine, Rennen, Ergebnisse, Startzeiten der Saison 2019

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nach einer fröhlich-optimistischen Vorrede lässt Claire Williams Robert Kubica vor die Journalisten aus aller Welt treten. Er strahlt: „Das ist eine der größten Leistungen meines Lebens.“ Im nächsten Jahr wird er für Williams als Stammfahrer in der Formel 1 antreten. Mitte März beginnt in Australien seine, er zählt schnell an den Fingern ab, „eins, zwei, drei, vier“, ..., ja, seine fünfte volle Saison – mit 34 Jahren. Ein erstaunliches Comeback acht Jahre und vier Monate nach der bis dahin letzten Grand-Prix-Teilnahme.

          Nur drei Fahrer haben in der Geschichte der Formel 1 länger pausiert. Doch keiner hatte so wenig Hoffnung, jemals zurückzukommen. „Ich war wohl der Einzige, der nie aufgegeben hat, an mich zu glauben“, sagt Kubica und schiebt seine rechte Hand unter den angewinkelten linken Ellbogen. „Man sieht meine Limitierung“, sagt er, „aber die Leute glauben wohl, dass sie mich mehr limitiert, als es der Fall ist.“

          Am 6. Februar 2011 eckte Kubica als Pilot eines kleinen Rallye-Boliden in einer Rechtskurve der unbedeutenden „Ronde di Andora“ in Italien an. Der Wagen wurde auf die linke Seite gegen die Leitplanke geschleudert, die aufbrach und sich durch die Front des Autos bohrte, mitten in die Fahrerzelle hinein. Sie zertrümmerte unter anderem Kubicas rechten Unterarm.

          Es sei ein Wunder, dass der Pilot den Crash überlebt habe, hieß es damals. Der Unterarm ist mit Narben vom Ellbogen bis zur Hand übersät. Wo links ein starker Muskelbauch von der Wirkung des Trainings zeugt, sind rechts nur Haut und Knochen zu sehen. Die Rechte kann nicht leisten, was die Linke tut. Das hatte Kubica nach seiner „langen Reise“ bei ersten Tests 2017 in einem Formel-1-Rennwagen nach seinem Unfall selbst gemerkt. 115 Runden, weit mehr als eine Renndistanz, lagen hinter ihm, als er stolz, aber zugleich auch ein bisschen traurig wirkte: „Ich habe schon gemerkt, was mir verlorengegangen ist.“

          Kubica hat damals in Italien mehr verloren als die Beweglichkeit seiner rechten Hand. Seitenweise spekulierten Fachmagazine in Wäre-Wenn-Varianten über den großen Verlust. Über die glänzende Aussicht Kubicas damals auf ein Cockpit eines großen Teams, auf Siege, auf den größten Triumph, den WM-Titel. Er erfreute sich während seiner ersten Formel-1-Karriere mit 76 Grands Prix großer Beliebtheit im Fahrerlager. So schnell, schnörkellos, umgänglich und passioniert war kaum einer.

          Der erste Pole in der Formel 1 vertrieb Weltmeister Jacques Villeneuve aus dem BMW während der Saison 2006, fuhr in seinem dritten Rennen auf Rang drei, verunglückte 2007 schwer in Kanada, gewann aber ein Jahr später an gleicher Stelle und führte die Fahrerwertung an. „Er ist einer der Schnellsten“, behauptete der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso damals. „Er ist einer der Talentiertesten“, sagte der fünfmalige Champion Lewis Hamilton am Donnerstag.

          Sein Unfallwagen 2011: Ein Wunder, dass er das überlebt hat

          Wenn BMW sich 2008 nicht früh auf die Entwicklung des neuen Rennwagens konzentriert hätte, wäre Kubica vielleicht bis zum Ende der Saison um den Titel mitgefahren. Damals begann der Aufstieg von Hamilton, der im McLaren-Mercedes hauchdünn vor Felipe Massa (Ferrari) seinen ersten Titel gewann. In jedem Fall stand Kubica nach dem Rückzug von BMW 2009 auf der Liste der besten Rennställe. Mit Ferrari verband ihn nicht nur die Nähe zu Alonso, sondern auch ein Vorvertrag. Es sah so aus, als läge eine Karrieregerade in den Formel-1-Olymp vor Kubica. Dann flog er aus der Kurve.

          Die interessanteste Frage am Donnerstag gefiel Kubica. Ob er denn damit rechne, wieder dort anknüpfen zu können, wo er 2010 als Pilot von Renault hatte aufhören müssen. Er holte weit aus, beschrieb seinen Lernprozess als Testfahrer in dieser Saison für Williams, die hilfreiche Gewöhnung an die neue Generation Rennwagen und Reifen – und beantwortete die Frage doch nicht. Niemand kann das.

          Teamchefin Claire Williams ließ zwar keinen Zweifel an der Begeisterung für ihren älteren Stammfahrer neben dem Debütanten George Russel. „Robert schreibt mir nachts um zwei E-Mails, was wir ändern sollten, er pusht mich und das ganz Team. Er hat sich so viel Respekt erarbeitet in diesem Jahr.“ Die wortreiche Beschreibung aber zielte auf Kubica als Entwicklungshelfer für das Team in der Krise. Williams braucht Geld. Piloten mit großen Ressourcen im Hintergrund sind entweder abgewandert oder nicht greifbar. Talent allein, der Franzose Esteban Ocon wird ein Jahr zuschauen müssen, reicht nicht.

          Kubicas im Fahrerlager freudig aufgenommenes Comeback hängt also auch mit der Solvenz polnischer Sponsoren zusammen. Und mit der Hoffnung auf den nächsten Schritt: „Ich habe in den Jahren festgestellt“, sagte der Krakauer, „dass nichts unmöglich ist.“ Die Bedienung der Knöpfe und Drehschalter auf dem Lenkrad so virtuos und präzise beherrschen wie ein Kollege ohne Einschränkung? Das ständige Lenken ohne Pause in den Gassen von Monaco? Teamchefin und Pilot sprachen von einer „großen Herausforderung“. Sie gehen beide Risiken ein. Kubica vielleicht das größere. Wenn er in Melbourne wie vorgesehen startet, muss er die Auszahlung der Versicherung, die er für die Anerkennung seiner Invalidität erhielt, zurückzahlen. Unabhängig vom Ergebnis.

          Weitere Themen

          Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP, vertreten durch Christian Lindner, kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Abkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.