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Kommentar zur Formel 1 : Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen

  • -Aktualisiert am

Der Formel 1 droht Langeweile: Nur beim Start geht es noch zur Sache Bild: EPA

Die Formel 1 ist immer mehr in den Fängen von Technik und ausgeklügelter Strategie. Der Zweikampf Rad an Rad fällt der Entwicklung schon zum Saisonstart in Australien mehr und mehr zum Opfer.

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          Vettel Sieger in Melbourne. Das gab es schon mal, vor dem Triumph am Sonntag zuletzt 2017. Und trotzdem hat sich etwas geändert in der Formel 1. In der Spitze scheint sich eine Verdichtung anzudeuten. Red Bull ist zumindest Ferrari – je nach Perspektive – bedrohlich oder erfreulich nahe gekommen und hat Aussicht auf eine gute Steigerung im Laufe der Saison. Der Motor bietet den größten Spielraum für Verbesserungen im Vergleich zur großen Konkurrenz. Mercedes musste sich am Sonntag zwar unter Wert geschlagen geben, weil Weltmeister Lewis Hamilton einer Fehlinformation aufsaß und der Teamkollege Valtteri Bottas (8.) wegen seines Unfalls am Samstag nur von Rang 15 aus ins Rennen gehen durfte. Aber die vorausgesagte Dominanz im Dauerlauf ist vorerst ausgeblieben.

          Formel 1

          Der Silberpfeil lässt sich zwar schneller fahren als der Ferrari. Doch nach Belieben absetzen konnte sich Hamilton auch vor dem Malheur der Strategen offensichtlich nicht. Drei Sekunden lag er nach 19 Runden vor Kimi Räikkönen. Wer mehr Kraft in Reserve hat, versucht sein Glück in der Flucht nach vorne, weil immer geschehen kann, was dann auch passierte: Ein Missgeschick hier, beim Boxenstopp von Haas, ein Rechenfehler dort, bei der Strategiekalkulation von Mercedes. Schon verkehrte sich das Bild. Der Gejagte wurde zum Jäger. Und scheiterte.

          Die Formel 1 hat immer gut gelebt von diesen Missgeschicken. Es ist tröstlich, dass die Erfolgreichsten trotz der enormen Digitalisierung in den vergangenen zehn Jahren, trotz der vielen Simulationsprogramme zur Antizipation möglicher Probleme und zur Vermeidung eines Fehlers, nicht unfehlbar geworden sind. Aber die folgenreichen Irrtümer sind sehr selten geworden. Umso mehr sollten sich die Gestalter des Sports den Wunsch von Lewis Hamilton am Sonntag nach seiner Niederlage zu Herzen nehmen: Mehr Vertrauen für den Menschen in der Maschine.

          Kaum mehr zu überholen

          Vermutlich hat Hamilton damit nicht mehr als den Moment gemeint, in dem er die Generalstabsplanung seines Teams am liebsten ignoriert und Gas gegeben hätte. Aber wenn sich schon ein viermaliger Weltmeister streng an den Fahrplan hält, wie hörig sind dann jüngere, unerfahrene und kaum erfolgreiche Fahrer? Der Wunsch nach mehr Freiheit hängt auch eng mit der Erkenntnis der Piloten zusammen, dass ihre Boliden zwar unglaublich haltbar und unglaublich schnell geworden, aber wegen der ausgetüftelten Aerodynamik vor allem kaum mehr zu überholen sind.

          Was das bedeutet? Die Teams versuchen mit aller Macht, die Pole-Position zu besetzen und die Grand Prix von vorne zu kontrollieren, oder mit strategischen Tricks via Boxenstopp eine Positionsveränderung zu erreichen. Der Kern des Sports, der Zweikampf Rad an Rad, fällt dieser Taktik mehr und mehr zum Opfer. Nur mit einer radikalen Beschneidung der Formel 1 auf vielen Gebieten des Rennwagenbaus und der systematischen Kontrolle im Fahrbetrieb ließe sich ein Weg finden, mehr Lücken auf offener Strecke zu öffnen.

          Das Rad müsste also zurückgedreht werden. Im Zeitalter der Digitalisierung, in dem Automobil-Konzerne ihren Kunden Zuverlässigkeit, Sicherheit und einen Datenfluss ins Automobil versprechen, um attraktiv bleiben zu können für ihre Kunden? Die Formel 1 könnte sich dem entziehen mit einer Rückkehr in die Vergangenheit. Dann aber liefe sie Gefahr, die Geldgeber zu verlieren, die ihr die Existenz als Hightech-Sport garantieren. Rekordrenner, die kaum auszubremsen sind oder Renn-Oldtimer auf der Überholspur: Es sieht so aus, als können sich die Formel 1 beides nicht leisten.

          Formel 1
          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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