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Kimi Räikkönen : Nur er selbst

Spitzname „Iceman“: Kimi Räikkönen spaziert beim Training in Barcelona durch die Boxengasse Bild: dpa

Kimi Räikkönen ist das Phänomen der Formel 1. Mit Instinkt, Mut und bedingungslosem Individualismus ist der Finne sich treu geblieben. Eine Annäherung vor dem Rennen in Barcelona (14 Uhr).

          6 Min.

          Er streicht seine blonden Haare aus dem Gesicht, schaut einen mit diesen graublauen Augen an und sagt: „Es kümmert mich nicht, was andere über mich denken. Sie sollen denken, was sie wollen.“ Er verzieht keine Miene, zuckt nicht einmal mit den Lidern. Für viele ist Kimi Räikkönen ein Sonderling. Ein Mann, den es in der Formel 1 der Neuzeit nicht mehr geben dürfte. Kein anderer Fahrer hat sich in den vergangenen Jahren derart konsequent dem Vermarktungssystem der Branche entzogen. Sponsorentermine? Autogrammstunden? Interviews? „Bullshit“, sagt er. Der letzte Individualist der Szene macht, was er will. Nach neunzehn Minuten hat er keine Lust mehr auf dieses Gespräch vor dem Grand Prix in Barcelona an diesem Sonntag (14 Uhr), steht auf und geht.

          „Du musst einen Preis zahlen für die Leidenschaft“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          33 Jahre alt, Finne, 179 Grand Prix, 20 Siege, Weltmeister von 2007 - das sind die Fakten. Doch in der grell ausgeleuchteten Welt der Formel 1 bleibt Räikkönen einer der letzten Unbekannten. Manches von dem, was die Öffentlichkeit über ihn weiß, ist als Video im Internet zu sehen. Mal feierte er eine Party auf seiner Yacht und stürzte mit viel zu viel Promille im Blut vom Oberdeck auf das Unterdeck. Mal entblößte er in einem Nachtclub in London seinen Hintern und zeigte ihn den Fotografen. Als er noch für McLaren-Mercedes fuhr, soll er nachts einmal im Hotelpool auf einem aufblasbaren Plastikdelphin geschlafen haben - betrunken. In seiner Freizeit rast er auf dem Ski-Doo über die Schneepisten, einmal trat er bei einem Rennen in Österreich unter dem Pseudonym James Hunt an.

          Auf der Strecke: Räikkönen in seinem Lotus

          Hunt war einer der schillerndsten Fahrer in den siebziger Jahren. Was denken Sie über die damalige Formel 1?

          „Die Typen sehen alle so relaxt aus auf den Bildern, sie scheinen richtig Spaß gehabt zu haben. Dabei waren die Rennen so unglaublich gefährlich. Ein Fehler - und du konntest sterben. Unser Sport hat sich seitdem verändert. Immer größere Hersteller kamen in die Formel 1 und zogen sich wieder zurück, hier ist viel mehr Geld im Umlauf als früher. Du stehst permanent unter Beobachtung, die Leute schreiben über dich, was sie wollen.“

          Was ist für Sie trotzdem so faszinierend an der Formel 1?

          „Ich mag es, im Auto zu sitzen, ich liebe diese Duelle auf der Strecke - das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt noch hier bin. Alles andere interessiert mich nicht. Ich bin Rennfahrer und kein Schauspieler. Doch im Leben ist es selten so, dass du nur das bekommst, was du willst. Ich weiß, wie das Geschäft läuft, du musst einen Preis zahlen für deine Leidenschaft.“

          Espoo im Süden Finnlands, wenige Kilometer von der Hauptstadt Helsinki entfernt, dort beginnt seine Geschichte. Vater Matti ein Straßenarbeiter, Mutter Paula eine Angestellte bei der nationalen Pensionskasse. Ein einfaches Haus in den Wäldern vor der Stadt, ein Plumpsklo im Hof. Eine Familie, die für den Rennsport lebt. An den Wochenenden fahren die Räikkönens mit den Söhnen Kimi und Rami durch das Land zu den Rennen, auf dem Anhänger stehen ihre Karts. „Ich komme praktisch aus dem Nichts“, sagt Räikkönen, als er mit Ferrari 2007 in São Paulo Weltmeister wird. Er ist ein Typ wie die Figuren in den Filmen seines Landsmannes Aki Kaurismäki. Der schafft einsame Charaktere, voller Schwermut und voller Trauer und Szenen voller Stille.

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