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Kimi Räikkönen : Ein Finne macht sich in den Staub

Überzeugender Auftritt: Räikkönen in den Weinbergen an der Mosel Bild: APN

Kimi Räikkönen ist der Umstieg von der Formel 1 in einen Rallye-Boliden erstaunlich gut gelungen. Auf den kurivgen Strecken der Rallye Deutschland hat der Finne mehr Spaß als auf dem Nürburgring. Doch eine Frage bleibt: Was treibt den früheren Formel-1-Weltmeister an?

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          Schnell und schweigsam – diese beiden Eigenschaften hat sich Kimi Räikkönen auch nach seinem Wechsel von der Formel 1 in die Rallye-Weltmeisterschaft bewahrt. Seit Donnerstag war der stille Finne bei der Deutschland-Rallye rund um Trier unterwegs. Am Sonntag ging die rasende Wettfahrt durch Weinberge, über das Truppenübungsgelände und die beschauliche Szenerie der Mosel zu Ende - mit Platz sieben für Räikkönen. Seine Vorsätze hatte der 30 Jahre alte, blasse Mann aus dem hohen Norden vorsichtshalber schon vor dem Start eher zurückhaltend formuliert: „Ich werde mein Bestes geben, aber ich muss sicher ins Ziel kommen.“

          Angekommen ist Räikkönen nicht immer in seiner jungen Karriere als Pilot einer dieser allradgetriebenen High-Tech-Fahrmaschinen. Räikkönen chauffiert ein Citroën C4 World Rallye Car. Das Auto ist technisch das gleiche, das auch Weltmeister Sébastien Loeb steuert – ein nahezu perfektes Fahrzeug, das mit Könnern wie Loeb oder Sébastien Ogier am Steuer als schier unschlagbar gilt. Die Rallye, das räumt der kühle Finne auch jetzt noch unumwunden ein, sei eine neue Welt für ihn: „Im Rallye-Sport fange ich bei null an.“

          Kurz nach seinem Umstieg von der Formel 1 in ein Rallye-Auto war Skepsis angebracht, ob Räikkönen den Anforderungen des neuen Jobs gerecht werden könne. Schon im Winter des vergangenen Jahres hatte er einschlägige Erfahrungen gemacht, als er in einem Fiat Grande Punto beim WM-Lauf in seinem Heimatland startete. In einer Linkskurve kam der Rallye-Novize von der Piste ab.

          Schweigsam, distanziert, schnell: Aus dem Formel-1-Weltmeister Räikkönen ist ein schneller Rallyepilot geworden - aber kein anderer Mensch

          Auch mit dem C4 des Weltmeisters hat Räikkönen schon einige „Abflüge“ hinter sich bringen müssen. Bei der Arctic-Rallye vor Beginn der Saison fällte er gleich bei seiner ersten Fahrt mit dem 320-PS-Boliden einen Baum. Crashs waren für den flinken, aber eben manchmal zu schnellen „Iceman“ auch während der Saison nicht die Ausnahme. Bei der Mexiko-Rallye im März überschlug er sich mehrmals, so dass der teure Rennwagen hinterher nicht mehr fahrbar war. Auch sein erster WM-Einsatz im Februar bei der Schweden-Rallye verlief wegen einiger Fahrfehler und einem ungewollten Ausritt in die Schneelandschaft eher holprig.

          Was treibt Räikkönen an?

          Aber der Finne deutete damals schon an, dass er tatsächlich das Talent besitzt, auch ein guter Rallyefahrer zu sein. Vier Punkte für die Hersteller-WM eroberte Räikkönen in Schweden – und gewann die Erkenntnis, dass die Atmosphäre bei solchen Rennen „bedeutend besser als in der Formel 1“ sei. Inzwischen hat Räikkönen 21 Punkte in der Fahrerwertung gesammelt und liegt damit auf dem zehnten Rang der WM – angesichts der Tatsache, dass der Finne ein Quereinsteiger in der Szene der motorsportlichen Quertreiber ist, eine mehr als akzeptable Leistung.

          Dennoch: An die Stars der Rallye wird Räikkönen nie heranreichen. Weltmeister Loeb, der in dieser Saison seinem siebten Titel entgegenstrebt und auch an der Mosel nicht zu schlagen war, fährt in einer anderen Welt. Die Rallye Deutschland gewann Loeb zum achten Mal nacheinander. Und die Frage stellt sich: Was will einer wie der erfolgsverwöhnte Räikkönen, der im Jahr 2007 Formel-1-Weltmeister war, im Rallyesport? Geld kann es nicht sein, das den weich und zuweilen fast knabenhaft wirkenden Mann mit den langen, blonden Haaren treibt. Als er 2008 als Titelverteidiger an den Start der Formel 1 ging, soll er 37 Millionen Dollar in der Saison verdient haben. Als er sich im Jahr danach vorzeitig von Ferrari verabschiedete, kassierte er wieder: 17 Millionen Euro sollen es diesmal gewesen sein.

          Der Rummel liegt Räikkönen nicht

          Trotzdem wird Räikkönen wohl kaum in seine prall gefüllte Kasse greifen müssen, um seinen Ausflug in die Rallye-WM zu finanzieren. Geld fließt vom Limonaden-Imperium des Österreichers Dietrich Mateschitz ins Räikkönen-Rallye-Projekt, das auch der Automobilsport-Weltverband Fia prickelnd fand – sorgte es doch nach den Ausstiegen einiger Hersteller aus der Rallye-WM endlich für Schlagzeilen, über die man nicht enttäuscht sein musste.

          Dabei ist der Finne keineswegs ein geschliffener Medienprofi. Schon in der Formel 1 war er mit seiner Introvertiertheit öfter einmal angeeckt. Und man kann auch bei der Deutschland-Rallye nicht gerade behaupten, dass Räikkönen die Herzen der Fans im Sturm erobert. Während Rekord-Weltmeister Loeb locker zwischen den Prüfungen Interviews gab und Autogramme schrieb, blieb der „Iceman“ aus Finnland schweigsam und distanziert. Räikkönen liegt der Rummel nicht.

          Rückkehr in die Formel 1? Nicht ausgeschlossen

          Was er in der Rallye sucht, ist die sportliche Herausforderung. „In der Formel 1 ist jede Runde mehr oder weniger dasselbe“, hat er nach seinem Umstieg in die viel kurvigere Welt des Rallye-Sports erklärt. Dass er aber vielleicht doch zurückkehrt in die Königsklasse des Motorsports, ist alles andere als ausgeschlossen – zumal es dafür gute Gründe in Millionenhöhe gibt.

          Bei Red Bull, dem Rennstall von Sebastian Vettel, gilt Räikkönen immer wieder als Kandidat für das zweite Cockpit. Der Finne mit dem auffälligen „Iceman“-Tattoo auf den linken Oberarm bleibt gewohnt cool. Seine jüngste Einschätzung der Lage ist verbales Trockeneis: „Wir werden sehen. Es gibt immer noch einige Sachen zu erledigen. Vielleicht passiert auch gar nichts.“

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