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Kimi Räikkönen : Der Schweiger macht von sich reden

  • -Aktualisiert am

Eine Rakete? Selbst Red-Bull-Konstrukteur Adrian Newey ist begeistert vom Lotus Bild: dpa

Aus dem frustrierten Heimkehrer wird ein Geheimfavorit. Kimi Räikkönen könnte einer der großen Gegner Sebastian Vettels werden. Bei den Formel-1-Tests beeindruckt sein Lotus. Ferrari indes lahmt.

          3 Min.

          Zwei Jahre lang war die Hackordnung in der Formel 1 zementiert. Red Bull vor McLaren und Ferrari. Die ersten vier Testtage der neuen Saison kündigen eine Neuordnung an. Red Bull mischt weiter im Spitzenpulk mit. McLaren blieb den Beweis bislang schuldig, doch der Weltmeisterschafts-Zweite hat sich schon häufiger von einem Fehlstart erholt.

          Um Ferrari muss man sich Sorgen machen. Lotus könnte den Traditionsrennstall aus Maranello als dritte Kraft ablösen. Kimi Räikkönens Comeback nach zwei Jahren Pause bekommt damit eine dramatische Wendung. Der ehemalige Weltmeister ist plötzlich kein frustrierter Heimkehrer mehr, sondern ein Geheimfavorit.

          Räikkönen schloss den ersten Arbeitstag seiner zweiten Karriere mit einer Bestzeit ab. Sein Teamkollege Romain Grosjean legte am dritten Testtag von Jerez mit der zweithärtesten Reifenmischung eine Rundenzeit auf die Bahn, die acht Zehntelsekunden besser war als die von Sebastian Vettel.

          „Das ist unter allen Umständen eine gute Zeit“, lobte der Weltmeister. Und er macht der neuen Konkurrenz ein Kompliment: „Dieser Lotus ist ein echt gutes Auto.“ Räikkönen bestätigt: „Ich hatte bei der ersten Ausfahrt mit einem neuen Rennauto schon viel schlechtere Eindrücke. Diesmal ist das erste Gefühl gut, und es trügt mich selten.“

          „Das Auto ist eine Rakete“

          Nicht nur die Rundenzeiten lassen darauf schließen, dass der Lotus E 20 ein Volltreffer sein muss. „Ein sauberes Rennauto, sehr gut gemacht“, sagt Adrian Newey. Der Red-Bull-Technikchef ist ein unbestechlicher Gutachter.

          Nico Hülkenberg stand am Streckenrand, als Grosjean eine längere Distanz am Stück abspulte. „Das Auto ist eine Rakete“, urteilt der neue Force-India-Pilot. „Man sieht mit freiem Auge, wie viel Abtrieb der Lotus hat. Grosjean wirft das Auto ohne einen Zucker in die Kurven, und er steht unheimlich früh auf dem Gas.“

          Nach zwei Jahren Pause gibt Kimi Räikkönen sein Comeback in der Formel 1 - bei Lotus
          Nach zwei Jahren Pause gibt Kimi Räikkönen sein Comeback in der Formel 1 - bei Lotus : Bild: dpa

          Kimi Räikkönen war schon in seine Wahlheimat Schweiz zurückgeflogen, als sein Kollege die Bestzeiten hinlegte. Er ist keiner, der länger im Fahrerlager bleibt als nötig. Den 32 Jahre alten Finnen haben zwei Jahre Rallyesport nicht verändert.

          Außerhalb seines Rennautos ist Räikkönen die Behäbigkeit in Person. Er schlurft immer noch mit gesenktem Blick durch das Fahrerlager, und ein großer Tischredner wird er wohl auch nie werden. „Kimi, wie er leibt und lebt“, sagt Vettel lachend über seinen Kumpel. Dann räumt er ein: „Er könnte in diesem Jahr einer meiner großen Gegner werden.“

          „Das Auto gab nicht mehr her“

          Räikkönen muss bei Lotus mehr Interviews geben, als ihm lieb ist. Nach einer Saison in der Versenkung genießt das Team das Scheinwerferlicht. Der Weltmeister von 2007 ist ein Medienstar wider Willen. Fragen, die sich ständig wiederholen, gehen ihm auf die Nerven. Zum Beispiel die, ob er sich überhaupt noch motivieren könne.

          „Wäre ich nicht motiviert, hätte ich vor zwei Jahren aufgehört“, sagt er dann. Dass er 2009 bei Ferrari nicht um Podestplätze fuhr, lag nicht am Fahrer. „Das Auto gab nicht mehr her. Nach meinem Gefühl bin ich 2009 besser gefahren als je zuvor.“ Der achtzehnmalige Grand-Prix-Sieger zählt nicht zu den Menschen, die sich in Frage stellen. Er muss nichts mehr beweisen, Kritik prallt an ihm ab.

          Viele Worte verliert er auch jetzt nicht, das Fahrerlager verlässt er so schnell wie möglich
          Viele Worte verliert er auch jetzt nicht, das Fahrerlager verlässt er so schnell wie möglich : Bild: REUTERS

          Räikkönen ruht in sich selbst. „Ich bin nicht wieder eingestiegen, weil ich gewinnen muss, sondern weil ich gewinnen will.“ Der Erfolgsdruck lastet auf allen, nur nicht auf ihm. „Solange ich das Gefühl habe, dass ich 100 Prozent gebe, bin ich zufrieden. Wenn das nicht ausreicht, reicht es nicht aus.“

          Michael Schumachers steiniger Weg zurück ist für ihn keine Abschreckung. „Ich kann mich mit Michael nicht vergleichen, weil schon meine erste Karriere eine andere war als seine. Ich kann auch nicht abschätzen, wie schwer oder leicht es ihm gefallen ist, wieder in die Formel 1 zurückzukehren“, nuschelt der Mann mit den großflächigen Tattoos auf den Unterarmen.

          „Beim Rallyefahren sind die Nächte kürzer“

          Obwohl er gerne weiter Rallyes fahren würde, gewinnt er seinem neuen alten Job eine gute Seite ab. Räikkönen lächelt sparsam: „Beim Rallyefahren sind die Nächte kürzer, weil du oft um sechs Uhr morgens für die ersten Sonderprüfungen aufstehen musst. In der Formel 1 klingelt der Wecker nicht vor halb acht.“

          Der Mann, der Räikkönen 2009 bei Ferrari aus dem Team gedrängt hat, machte in Jerez ein langes Gesicht. Fernando Alonso ist zurzeit mehr Test- als Rennfahrer. Sein neuer Ferrari F 2012 lahmt. Das neue Auto ist ein rollendes Labor. Die Flügel werden jeden Tag mit Spezialfarbe besprüht, um den Strömungsverlauf zu dokumentieren, und an Bord sind Sensoren und Messgeräte aller Art.

          Was hat dieser Lotus, was andere nicht haben? Die Frühform des Renners ist erstaunlich
          Was hat dieser Lotus, was andere nicht haben? Die Frühform des Renners ist erstaunlich : Bild: REUTERS

          Der Technikdirektor Pat Fry gab nach drei Tagen erstmals Probleme zu. „Wir sind mit dem neuen Auto noch nicht dort, wo wir hin wollen. Unsere erste Aufgabe ist es, dieses Auto zu verstehen.“ Es ist ein Puzzlespiel mit ungewissem Ausgang: „Wir müssen so viele Konfigurationen durchspielen wie möglich. Daraus ergibt sich eine Matrix, aus der wir die besten Lösungen herausfiltern müssen.“

          Die Ingenieure stochern im Datenwust und rätseln, warum das Auto nicht das macht, was es soll. Manche vermuten, dass der Fehler in der Vorderradaufhängung liegt, die gegen den Trend mit Zug- statt mit Druckstreben arbeitet. Fry bestreitet das. Eine Vielzahl von Faktoren sei verantwortlich für einen Rückstand von bis zu zwei Sekunden.

          „Ferrari außer Atem“

          Man dürfe jetzt auf keinen Fall in Panik verfallen, antwortet Maranello denen, die schon schwarzmalen. Angeblich hat Präsident Luca di Montezemolo von seiner Truppe wenigstens eine schnelle Runde zur Beruhigung der Gemüter gefordert.

          Möglicherweise haben Ferraris Techniker zu viel riskiert, weil das Management ultimativ die Rückkehr zum Erfolg verlangt hat. „Wir mussten aggressiv entwickeln, weil wir sonst auf der Stelle getreten wären“, verteidigt sich Chefdesigner Nicolas Tombazis. Die „Gazzetta dello Sport“ reagierte bereits mit der Schlagzeile „Ferrari außer Atem“.

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