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Kimi Räikkönen : Das Schreckgespenst

  • -Aktualisiert am
Wer ist der Mann hinter der Fassade? Kimi Räikkönen gibt Rätsel auf
          4 Min.

          Kimi Räikkönen ist eine Gefahr. Er setzt im Fahrerlager der Formel 1 ein mürrisches Gesicht auf, wenn ihm danach ist. Fotografen verzweifeln beim Blick durch das Objektiv auf die ausdruckslose Miene des Finnen. Journalisten kehren mit wenigen Zeilen druckreifer Beute von Interviews zurück, Marketing-Chefs klagen über teilnahmslose Präsenz bei ihren Sponsor-Bespaßungen.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn Kimi Räikkönen, 32 Jahre alt, Weltmeister von 2007, entzieht sich dem generalstabsmäßig geplanten Vermarktungssystem der Branche mit einer brüskierenden Direktheit. Er macht die Spielchen nicht mit. Andere, Größere, Bekanntere, beugen sich den Ansprüchen.

          Am Freitagabend stand Fernando Alonso, der Chefpilot von Ferrari, bei einem Empfang auf einer kleinen Bühne in der VIP-Loge des Team-Hauptsponsors neben einem Amateur-Magier. Man ließ bunte Tücher in einem hohlen Plastik-Ei verschwinden. Ein Tusch, ein Lächeln, Applaus, Abgang. Räikkönen wäre erst gar nicht gekommen. Oder hätte den Zauber auffliegen lassen mit einem klaren Bekenntnis zum Desinteresse.

          „Ich liebe das Rennfahren“, sagte er zur Begründung seiner Rückkehr nach einem zweijährigen Schleuder- und Überschlagskurs in der Rallye-Weltmeisterschaft zu Saisonbeginn. Für das zeitraubende, kräftezehrende Pflichtprogramm rund um die Rennen in der Formel 1 - wie am Sonntag in Barcelona (Rennstart: 14.00 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) hat er nur ein Wort übrig: „Bullshit.“

          Platz 1: Lewis Hamilton (England) - McLaren Mercedes - 1:21,707 Minuten (wegen eines Regelverstoßes disqualifiziert auf den letzten Platz) Bilderstrecke
          Platz 1: Lewis Hamilton (England) - McLaren Mercedes - 1:21,707 Minuten (wegen eines Regelverstoßes disqualifiziert auf den letzten Platz) :

          Räikkönen ist das Schreckgespenst der Marketing-Abteilungen; weil inzwischen andere Rennfahrer bewundernd hinüberschauen. Nicht nur der unerfahrene Teamkollege bei Lotus Romain Grosjean, auch Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull) macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die Eigenart des Finnen.

          Nach dessen Debüt 2001 bei Sauber versuchte McLaren mit dem Pedanten Ron Dennis an der Spitze, das Naturtalent Räikkönen zu domestizieren. Heraus kamen einige Siege, zwei wegen Motorschäden verpasste WM-Titel und eine Reihe von Eskapaden. Räikkönen dachte nicht daran, sein Privatleben dem Beruf radikal unterzuordnen, verzichtete nicht auf Druckbetankungen mit Hochprozentigem.

          Eine Entschädigung von zwanzig Millionen Euro

          Dass er nackte Tatsachen in Bars vorführte, vom Ober- aufs Unterdeck seiner Yacht stürzte, Sponsorgattinnen Autogramme lustlos verweigerte, erzürnte den Pädagogen Dennis - und überforderte ihn. 2007 glaubte dann Ferrari, mit dem begnadeten Steuermann in einer zwanglos-italienischen Atmosphäre allen davonfahren zu können.

          Nach einem glücklichen WM-Sieg, McLaren bremste sich mit einem internen Streit selbst aus, verlosch die junge Liebe. Räikkönen fiel 2008 hinter Felipe Massa zurück, bekam den Laufpass mit einer Entschädigung in Höhe von zwanzig Millionen Euro. Jetzt ist er wieder da, ganz der Alte, heißt es im Fahrerlager: einsilbig, ausdruckslos, schnell.

          Der Teamchef schwärmt von der Professionalität

          Die akribischen Gleichstellungsbeauftragten in den Rennställen haben es also nicht geschafft, den Blonden aus Espoo auf Linie zu trimmen. Jetzt nutzen sie den PR-Wert, preisen den 18-maligen Grand-Prix-Sieger und loben sich damit selbst: Da sage noch einer, es gebe keinen Platz für skurrile Individualisten in der Formel 1. Allerdings müssen sie verdammt schnell unterwegs sein, um der Bügelmaschine zu entkommen. Lotus reichte Räikkönens Talent bislang.

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