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Niki Lauda im Gespräch : „Ich wollte nicht sterben – und habe gekämpft“

Die Folgen des schweren Unfalls vor 40 Jahren sieht man Niki Lauda bis heute an. Bild: Reuters

Vor 40 Jahren verunglückte Niki Lauda auf dem Nürburgring. Eike Martin war einer der Ärzte, die den Formel-1-Fahrer behandelt haben. Ein Gespräch über den Tod, die Erinnerung an den Unfall – und das Leben danach.

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          Der Nürburgring am 1. August 1976. Niki Lauda verliert bei Kilometer 10,6 auf der Nordschleife die Kontrolle über seinen Ferrari 312T2, mit mehr als Tempo 200 prallt das Auto gegen einen Fangzaun, fällt auf die Fahrbahn zurück, dann geht der Rennwagen in Flammen auf. Schreie dringen nach außen. 800 Grad Celsius, 200 Liter Benzin, es dauert 55 Sekunden, ehe der Österreicher aus dem Wrack gezogen wird.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lauda erleidet schwere Verbrennungen, Dämpfe verätzen seine Lunge, er atmet kaum noch. Ein Rettungswagen bringt ihn ins Hospital nach Adenau, von dort aus geht es mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus nach Ludwigshafen und weiter in eine Spezialklinik für Brandverletzte in Mannheim. Aber derart schwere Verletzungen hatten die Ärzte dort bis dahin noch nicht gesehen. Einer von ihnen war der Anästhesist Dr. Eike Martin.

          Herr Dr. Martin, was haben Sie gedacht, als Sie erstmals ins Zimmer von Niki Lauda gekommen sind?

          Eike Martin: „Das war am Montagmorgen, sieben Uhr. Ich hatte am Sonntag nicht gesehen, was auf der Strecke passiert war. Aber ich werde nie vergessen, wie Niki aussah: Sein Kopf war unheimlich geschwollen, er war fast so breit wie seine Schultern. Unglaublich! Wir waren sehr skeptisch, ob wir ihn wirklich werden retten können. Aus seiner Lunge haben wir permanent ein schwarzes Sekret abgesogen, das war das Plastik aus der Karosserie, das er inhaliert hatte. Auch die Substanz, mit der der Brand gelöscht worden war, kam wieder raus. Vier, vielleicht fünf Tage mussten wir die Lunge absaugen, jede halbe Stunde. Wir haben ihm Schmerzmittel gegeben. Aber es war beinahe unmenschlich, was er ausgehalten hat.“

          1. August 1976: Niki Lauda verliert auf der Nordschleife die Kontrolle über seinen Ferrari. Bilderstrecke

          Niki Lauda: „Marlene (seine damalige Frau, Anm. d. Red.) hat mir später erzählt, dass die Ärzte ihr am ersten Tag sagten: Diese Nacht überlebt er nicht.“

          Martin: „Nach so einem Trauma sind die ersten Nächte immer kritisch. Wenn der Patient aber den vierten Tag überlebt, dann hat er eine Chance. 95 Prozent der Patienten mit ähnlichen Verletzungen sind damals gestorben. Nikis Glück war, dass er bei Bewusstsein war. Er hat gerufen oder gewinkt, wenn wir seine Lunge absaugen sollten. Ansonsten hätten wir das Beatmen immer mit dem Absaugen abwechseln müssen, und das ist ein hohes Risiko.“

          Herr Lauda, woran erinnern Sie sich noch?

          Lauda: „Am Morgen vor dem Rennen kam ein Fan zu mir und bat um ein Autogramm. Dazu sollte ich das Datum schreiben. ,Es könnte ja das letzte sein, Herr Lauda‘, sagte er. Da denk ich: Was ist denn das für ein Idiot! Aber natürlich war ich höflich und habe es aufgeschrieben. Irgendwann nach dem Start, als die Strecke immer mehr abtrocknete, musste ich von Regenreifen auf Slicks wechseln. Danach weiß ich gar nichts mehr. Wenn dieser Bub mit seiner Super-8-Kamera nicht diesen Film gedreht hätte, wüsste ich nie, was passiert ist.“

          Wie haben Sie auf diese Filmaufnahmen reagiert?

          Lauda: „Ich hatte zunächst überhaupt keinen Bezug dazu, zunächst dachte ich nur: Da hat aber jemand einen irren Unfall gehabt! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich da fast verbrannt wäre. An den realen Unfall habe ich keine Erinnerung. Der Aufprall war damals so hart, dass er mir den Helm vom Kopf gerissen hat. Das war ein richtiger Knock-out.“

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