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Ecclestone und Todt : Formel-1-Könige ohne Reich

  • -Aktualisiert am

Schon der Start zum Rennen in Schanghai verlief turbulent. Bild: dpa

Nico Rosberg gewinnt den Großen Preis von Schanghai auch deshalb, weil Chefvermarkter Ecclestone und Verbandspräsident Todt in der Formel 1 immer weniger Macht besitzen. Doch die beiden Männer haben noch eine Trumpfkarte.

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          Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone und Jean Todt, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), erleben gerade eine groteske Konstellation. Sie sind Könige ohne Reich. In der Formel 1 bestimmen die Teams. Entweder setzen sie einstimmig Regeln durch, oder sie blockieren Reformen durch Uneinigkeit. Die ehemaligen Entscheidungsträger der Königsklasse sind selbst schuld, dass ihnen das Mitspracherecht die Handlungsfreiheit nimmt.

          Ecclestone handelte mit Red Bull, Ferrari, Williams, McLaren und Mercedes ein kommerzielles Abkommen aus, das den großen Teams unverhältnismäßig mehr Geld zuspielt als den kleinen. Und bekam die Garantie dafür, dass die Hauptdarsteller bis 2020 an Bord bleiben. Doch die Teams wollten mehr.

          Regeln am liebsten selbst geschrieben

          Am liebsten hätten sie die Regeln selbst geschrieben. Ecclestone bot ihnen eine Strategiegruppe an, die bestimmt, welche Regeländerungen später zur Abstimmung kommen. Rechteinhaber, Fia und sechs privilegierte Teams haben insgesamt 18 Stimmen. Was dort mehrheitlich beschlossen wird, geht an die Formel-1-Kommission, ein 26-köpfiges Gremium aus allen elf Teams, Veranstaltern, Sponsoren, Vertretern von Motoren- und Reifenherstellern. Das muss kurzfristige Regeländerungen einstimmig, mittelfristige mit 18 von 26 Stimmen an den Fia-Weltrat weiterleiten. Der ist ein Papiertiger. Es kommt praktisch nie vor, dass ein Beschluss der Formel-1-Kommission wieder rückgängig gemacht wird. Über allem schwebt das Vetorecht von Ferrari, das immer dann greift, wenn Ferrari seine kommerziellen Belange in Gefahr sieht.

          Todt ließ sich auf das Instrument der Strategiegruppe ein, weil er von den Rechteinhabern 40 Millionen Dollar für die schleichende Entmachtung bekam. Ecclestone hat längst erkannt, welches Eigentor er sich mit seinem Vertrag bis 2020 geschossen hat, und sagt: „Wenn ich ein Team besäße, das nichts zu verlieren hat, würde ich jeder neuen Regel zustimmen. Mercedes will am liebsten gar nichts ändern. Mercedes und Ferrari kaufen sich Stimmen. Ihr Druckmittel sind die Motoren. Wenn die Kunden nicht pünktlich bezahlen, gibt es keine Motoren. Außer man stimmt so ab, wie es der Hersteller will.“

          Wollen wieder in der Formel 1 mitbestimmen: Jean Todt (l.) und Bernie Ecclestone Bilderstrecke

          Der jüngste Streit um das Qualifikationsformat ist ein klassisches Beispiel für ein System, das in der Sackgasse steckt. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel nennt es „Führungsschwäche“. Ecclestone überraschte die Teams vier Wochen vor der Saison mit der Nachricht, dass sich die Veranstalter einen Qualifikationsmodus wünschen, der so viele Unwägbarkeiten birgt, dass in der Startaufstellung nicht unbedingt der Schnellste vorne und der Langsamste hinten steht. „Wir wollten das Rennen besser machen, nicht die Qualifikation“, verteidigt sich Ecclestone.

          Die Formel-1-Kommission segnete einstimmig einen K.-o.-Modus ab, bei dem alle 90 Sekunden der jeweils Langsamste auf der Strecke bleibt. Nur zwei Tage nach der Abstimmung kamen den Teams Zweifel. Ingenieure und Strategen warnten, dass dieses Projekt mit den kurzlebigen Pirelli-Reifen Schiffbruch erleiden würde. Der Rettungsversuch vor der Uraufführung misslang. „Ich wollte dem System wenigstens eine Chance geben“, rechtfertigte sich Todt. Nach weltweiter Kritik einigten sich die Teams noch in Melbourne darauf, schon beim zweiten Rennen in Bahrein zum alten System zurückzukehren. Es war ein bisschen naiv, das so zu kommunizieren. Weil Ecclestone und Todt im fernen Europa das Gefühl haben mussten, sie würden gar nicht mehr gefragt.

          Daraus entstand ein Spiel, bei dem es nur darum ging, dem anderen zu zeigen, wer im Fahrerlager die Hosen anhat. Die Teams durften abstimmen, aber nicht über das, was sie wollten. Die Alternative war immer ein modifiziertes 2016er System. Erst als auch das zweite Machtspiel der alten Granden bei den Teams auf taube Ohren stieß, lenkten Ecclestone und Todt ein. Ihnen fiel der öffentliche Druck auf den Kopf. Beim Großen Preis von China an diesem Wochenende qualifizierten sich die Fahrer nach dem System, das seit 2006 Bestand hat. Mit dem Versprechen, dass 2017 ein Modus gefunden wird, der dem Zufall eine Chance gibt.

          Ecclestone schwebt ein Qualifikationsrennen über 15 Runden vor, bei dem das umgekehrte Resultat des Rennens davor die Startaufstellung ergibt. Nach dem Modell hätten Jolyon Palmer (Renault) und Vettel in Schanghai im Sprintrennen aus der ersten Reihe starten müssen, Nico Rosberg (Mercedes) und Kimi Räikkönen (Ferrari) aus der letzten. Wohl auch, weil er am Ende doch wieder von ganz vorn starten durfte, gewann Rosberg das Rennen dann auch.

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          Für Ecclestone war die Qualifikation nur ein Nebenkriegsschauplatz. Seine Baustelle sind die Motoren, über die am 26. und 30. April abgestimmt wird. „Wenn wir nichts an den Regeln ändern, gewinnt Mercedes bis 2020. Das macht mir Sorgen. Die Hybrid-Technik zerstört die Formel 1“, sagt er.

          Der große alte Mann vom Princes Gate versucht, Hybrid-Verfechter Todt auf seine Seite zu ziehen. Sätze wie diese hörte man schon lange nicht mehr von ihm: „Die Fia sollte die Regeln schreiben und sie den Teams präsentieren. Nach dem Motto: Das sind die Regeln, und wem sie nicht gefallen, bleibt zu Hause.“ Ecclestone kann das Machtvakuum nur aus der Welt zu schaffen, wenn das bis 2020 laufende Abkommen mit den Teams vorzeitig aufgekündigt wird.

          Seine Trumpfkarte liegt in Brüssel. Force India und Sauber hatten im vergangenen Jahr Beschwerde bei der EU-Kommission wegen Verletzung der Wettbewerbsgesetze durch die ungerechte Geldverteilung eingereicht. Die EU-Kommission hat sich inzwischen bei den Rechteinhabern gemeldet und Unterlagen angefordert. Nun liegt der Ball wieder bei Force India und Sauber. Ecclestones Kommentar lässt vermuten, dass ihm die Kampagne gelegen kommt: „Wenn die EU-Kommission wirklich an der Einhaltung der Wettbewerbsgesetze zweifelt, wäre das ein Weg, den Vertrag vor 2020 zu zerreißen.“

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