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„Hitlers Rennschlachten“ : Rasen unterm Hakenkreuz

Programmheft für den Großen Preis von Deutschland 1936: Rennfahrer als Erfüllungsgehilfen einer mörderischen Propaganda

Programmheft für den Großen Preis von Deutschland 1936: Rennfahrer als Erfüllungsgehilfen einer mörderischen Propaganda Bild: SWR/Eberhard Reu§

Schnelle Rennwagen, schnarrende Kommentatoren: Auto Union und Mercedes-Benz siegten in den dreißiger Jahren immer auch für Hitlers möderisches Regime. Eberhard Reuß beleuchtet in seiner SWR-Dokumentation akribisch die innenpolitische Instrumentalisierung zu Helden verklärter Männer.

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          Da hört und schaut man hin. Es röhrt gewaltig. Ein Rennwagen schießt auf dünnen Reifen über den Nürburgring. Aufgeregt berichtet der Reporter im Wochenschau-Ton vom Sieg des deutschen Piloten im deutschen Boliden mit deutschem Motor: Es ist die Ära der Silberpfeile, es sind die dreißiger Jahre. Selbst mehr als sieben Jahrzehnte später scheint noch eine Verbindung zu bestehen. Am Sonntag startet die Formel 1 in Melbourne auch mit einem McLaren-Mercedes, den nicht nur viele Deutsche wegen seiner Lackierung und seines Antriebs als modernen Silberpfeil betrachten (siehe auch: FAZ.NET-Sonderseite zur Formel-1-Saison 2009). Beim jährlichen „Festival of Speed“ im englischen Goodwood sind die restaurierten silbernen Boliden von Daimler-Benz und der Auto-Union die Stars. Metallene Bindeglieder in eine Zeit, als tollkühne Männer mit diesen Kisten auf dem Weg ins Ziel vor allem um ihr Überleben kämpften. „Hitlers Rennschlachten“, so der Titel einer Dokumentation von Eberhard Reuß, streift diese Geschichten fast wortlos.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Erfüllungsgehilfen mörderischer Propaganda

          Die Bilder vom Duell auf der Avus in Berlin, von den bis zu 250 Kilometer pro Stunde schnellen Rennern in den Kurven des Nürburgrings, erzählen eindrucksvoll wie ausreichend vom Leben am Rande zum Tod. Originaltöne, Dokumente und Filmszenen abseits der Rennstrecke aber lenken die Aufmerksamkeit auf ein gefährlicheres Spiel: auf die Liaison von Politik, Wirtschaft und Motorsport im Hitler-Deutschland.

          Sieg für das Regime: nach Manfred von Brauchitschs Sieg mit seinem Mercedes-Benz auf dem Nürburgring 1934
          Sieg für das Regime: nach Manfred von Brauchitschs Sieg mit seinem Mercedes-Benz auf dem Nürburgring 1934 : Bild: SWR/Eberhard Reu§

          Dabei entlarvt der Film zu Helden verklärte Männer wie den Grand-Prix-Sieger Manfred von Brauchitsch als Erfüllungsgehilfen einer mörderischen Propaganda. Warum dieser Einsatz eines Herrenfahrers für den Weltkriegsgefreiten? Es ist die Chance, Rennen fahren zu dürfen. Hitler trat kurz nach seiner Machtergreifung als Hauptsponsor der deutschen Rennställe Daimler-Benz und Auto Union auf.

          Treibmittel für die Motorisierung der Massen

          Mit 500.000 und 300.000 Reichsmark kurbelte Deutschland den Rennbetrieb der daniederliegenden Auto-Industrie wieder an, orderte Dienstfahrzeuge und erteilte Rüstungsaufträge. Als Gegenleistung bekam der Diktator Siege und Geschwindigkeitsrekorde im Zeichen des Hakenkreuzes. Ob die Außenwirkung der „Nationalwagen“ aus Stuttgart und Zwickau Hitlers Gegner in Europa beruhigte, bleibt in der Dokumentation offen.

          Reuß aber belegt akribisch die innenpolitische Instrumentalisierung des Sports - eben auch mit Hilfe der Piloten. „Ihr Vorbild“, hört man Brauchitsch zu Hitler im Originalton der Eröffnung der Automobil-Ausstellung in Berlin 1936 sagen, „verpflichtet uns, unser Können und Leben für das deutsche Volk einzusetzen“. Der populäre Sport als Treibmittel für die Mobilisierung der Massen? Reuß wagt sich an diese These.

          Abgesprochenes Rennen in Tripolis

          Im Zuge von Hitlers Programm der „nationalen Motorisierung“ erscheint sie plausibel. Die bestimmende Figur in der Rennszene ist längst ein Mann in Uniform, Adolf Hühnlein, der Führer des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps. Im NSSK lernen junge deutsche Männer auf Kommando Kradfahren und üben zunehmend Geländefahrten für ganz andere Schlachten. Sie erklären Brauchitsch, Hans Stuck, Rudolf Caracciola oder Bernd Rosemeyer, SS-Mitglied seit 1932, zu ihren Idolen. Dabei haben diese Stars der Dreißiger, wie nicht nur der abgesprochene Rennausgang in Tripolis zugunsten der verbündeten Italiener verdeutlicht, das Steuer längst aus der Hand gegeben.

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