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Testfahrten in der Formel 1 : Mercedes hat ein ernstes Problem

  • -Aktualisiert am

Es läuft noch nicht rund für Mercedes und Weltmeister Lewis Hamilton. Bild: Reuters

Die ersten Tests vor der neuen Formel-1-Saison sind gefahren. Und es ergibt sich ein überraschendes Bild. Es läuft nicht bei Mercedes. Weltmeister Hamilton lässt bei seiner Analyse tief blicken.

          Spielt die Formel 1 verrückt? Nach vier Testtagen und 19.877 Kilometern liegt Nico Hülkenbergs Renault an der Spitze der Zeitentabelle vor zwei Toro Rosso Honda. Ihnen folgt der 39 Jahre alte Kimi Räikkönen in einem Sauber, der jetzt Alfa Romeo heißt, weil sich der Mailänder Autobauer für eine zweistellige Millionensumme die Namensrechte gekauft hat. Und wo stehen bitte Mercedes, Ferrari und Red Bull? Im Mittelfeld, mehr als eine halbe Sekunde hinter Nico Hülkenbergs Bestzeit der ersten Testwoche.

          Der Kopfstand der Formel 1 ist mit Vorsicht zu genießen. Die Teams aus der Verfolgergruppe wollten schon an den ersten Tagen wissen, wie schnell sie fahren können, wenn wenig Benzin im Tank ist und die weichsten der fünf Reifenmodelle gefahren werden. „Es ist in unserer Gruppe wieder verdammt eng, wir sind keineswegs komfortabel Vierter“, sagte Hülkenberg nach dem ersten Schlagabtausch auf der Rennstrecke von Barcelona.

          Das Tempo werden auch diesem Jahr wieder die drei Top-Teams vorgeben. Ferrari und Red Bull haben die beiden weichsten Reifenmischungen noch gar nicht angerührt. Mercedes drehte manche Runde am vierten Testtag auf dem zweitschnellsten „Gummi“, was tief blicken lässt. So etwas haben die Serien-Weltmeister früher, wenn überhaupt, erst in der zweiten Woche gemacht. Am Donnerstag wurde deutlich: Mercedes hat ein Problem. Die Ferrari-Piloten hängten an ihre schnellsten Runden immer noch zehn weitere dran, so als wollten sie jedem zeigen: Schaut her, wie stark wir sind. Laut allen Hochrechnungen ist Ferrari im Moment die Nummer eins im Feld. Die Scuderia liegt über eine Runde zwei Zehntelsekunden vor Red Bull, fünf bis acht vor Mercedes. Der Motorsport-Chef von Red Bull, Helmut Marko, gab sich kämpferisch: „Ferrari ist schnell, aber wir sind deshalb nicht besorgt.“

          Ferrari war auch 2017 der Test-Weltmeister und ist dann trotzdem von Mercedes geschlagen worden. Doch diesmal scheint die Lage ernst zu sein. Mercedes-Teamchef Toto Wolff schiebt dem Herausforderer die Favoritenrolle zu: „Ferrari ist in allen Belangen schneller als wir.“ So leicht Sebastian Vettel und Charles Leclerc im neuen Ferrari die schnellen Rundenzeiten gelangen, so sehr hatten die Mercedes-Piloten mit ihren Silberpfeilen zu kämpfen. „Die sind ziemlich oft neben der Strecke“, berichtete Hülkenberg aus der Cockpit-Perspektive des direkten Verfolgers. Weltmeister Hamilton ließ tief blicken: „Das Glas ist halbvoll. Wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

          Ganz anders hören sich die Ferrari-Piloten an. Vettel dankte den Mitarbeitern in Maranello für einen Boliden nahe an der Perfektion. „Ich hatte noch nie eine so reibungslose erste Testwoche. Ich fahre schnelle Runden, ohne mich anstrengen zu müssen.“ Der neue Ferrari-Teamchef Mattia Binotto bleibt vorsichtig. Er glaubt, dass Mercedes tiefstapelt, „und wenn nicht, dann sind sie bestimmt bald zurück. Sie lösen ihre Probleme normalerweise schnell.“ Beim Vergleich der beiden Autos fragt man sich jedoch, ob der Rückstand in kurzer Zeit aufzuholen ist. Ferrari und Mercedes interpretieren die neuen Regeln für den Frontflügel konträr. Beim Mercedes hat der Flügel an den Außenseiten mehr Fläche als innen.

          Beim Ferrari ist es umgekehrt. „Sie leiten die schlechte Luft außen (um die Reifen, d. Red.) herum, wir leiten sie nach innen“, stellte Wolff fest. Mercedes generiert damit mehr Abtrieb auf der Vorderachse, bekommt dafür aber viel „schlechte Luft“ zwischen die Vorderräder, die weiter hinten wieder eingefangen werden muss. „Ferrari kompensiert den Abtriebsverlust am Flügel, aber wir wissen noch nicht, wie.“ Die Problematik dabei ist, dass es nicht damit getan wäre, nur den Flügel umzubauen. Das schafft Mercedes in zwei Wochen. Stardesigner Adrian Newey (Red Bull) verdeutlicht die Konsequenz: „Es gibt keine Zwischenlösung. Wer von einem auf das andere Konzept springt, muss viele andere Dinge anfassen. Wir weniger als Mercedes, weil unsere Fahrzeug-Konstruktion einer anderen Philosophie folgt.“

          Red Bull hat beim Frontflügel den gleichen Weg gewählt wie Mercedes und will auch nicht davon ablassen. „Für unser Auto funktioniert das besser. Das haben Simulationen im Vergleich zum Ferrari-Modell ergeben“, erklärte Teamchef Christian Horner. Mercedes-Ingenieure geben zu, dass sie derzeit untersuchen, warum Ferrari eine andere Frontflügel-Konstruktion gewählt hat. Man wolle nicht in Panik verfallen, sondern prüfen, wie weit die eigene Philosophie trage. In der kommenden Woche wird dem Silberpfeil ein großes Aerodynamik-Paket verpasst.

          Auch Ferrari plant Änderungen. „Bei uns sind es aber eher Kleinigkeiten“, sagte Binotto: „Das Wettrüsten wird in diesem Jahr aber noch aufwendiger.“ Red Bull sieht sich in dem Dreikampf mittendrin. Der Wechsel zum Motoren-Lieferanten Honda beflügelt offenbar: „Wir erleben Dinge, die wir in den letzten zwölf Jahren nicht hatten“, sagte Horner mit Blick auf den ehemaligen Motoren-Partner Renault. Pilot Max Verstappen berichtete von deutlich mehr Leistung und einem sanften Ansprechverhalten des Motors, was beim Beschleunigen und Runterschalten das Heck beruhigt.

          Eigentlich sollten die neuen Regeln die Autos um zwei Sekunden langsamer machen. Aber manche haben die Tempoverschleppung schon ausgeglichen. Auch der Plan, das Überholen leichter zu machen, wird nicht gelingen. „Ich bin einmal rundenlang hinter Sainz (McLaren, d. Red.) hergefahren und kam nicht vorbei. Du verlierst im Windschatten so viel Abtrieb wie zuvor auch“, berichtete Vettel und wunderte sich: „Wozu hat man die Flügel wieder breiter gemacht, wenn man vor Jahren draufgekommen ist, dass genau diese breiten Flügel das Problem sind?“

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