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Formel 1 : Die Sehnsucht nach dem großen Duell

Der schon wieder: Lewis Hamilton gewinnt ein Rennen nach dem anderen – das würde Sebastian Vettel (rechts) in der nächsten Saison gerne verhindern. Bild: dpa

Lewis Hamilton gegen Sebastian Vettel, Mercedes gegen Ferrari: Der Formel-1-Weltmeister schmeißt in dieser Saison mit Pokalen nur so um sich. Aber auch er wünscht sich endlich wieder starke Konkurrenz.

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          Der Weltmeister wirkt gelangweilt. Schaut nach unten, tippt auf seinem Smartphone herum, blickt immer nur kurz nach oben in den Raum, wenn ihm eine Frage gestellt wird. Aber dann ist er voll da. Knipst sein Lächeln an, erzählt Witze, Anekdoten und offenbart, dass er sich durchaus Gedanken macht über das, was die Formel 1 in Zukunft ausmachen sollte.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich will engere Duelle erleben, Rad an Rad. Es muss so sein wie im Gokart“, sagt Lewis Hamilton während der offiziellen Pressekonferenz vor dem Großen Preis der Vereinigten Staaten an diesem Sonntag (Start: 20 Uhr MEZ). Er trägt eine Goldkette mit dicken Gliedern, in seinen Ohrläppchen funkeln die Brillanten. Der Mann lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wer derzeit der König ist in der Königsklasse. Über eines allerdings verliert er kein Wort: die Weltmeisterschaft.

          Wer kann Hamilton dauerhaft stoppen?

          Dabei ist es längst keine Frage, ob der 30 Jahre alte Brite in diesem Jahr den dritten Titel seiner Karriere gewinnen wird. Vier Rennen vor Saisonende führt er die Gesamtwertung mit 66 Punkten Vorsprung vor Sebastian Vettel (Ferrari) und gar mit 73 Punkten Vorsprung auf seinen Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg an. Die Frage lautet deshalb nur noch, wer Hamilton dauerhaft stoppen kann, so dass aus ihm kein Serien-Champion wird wie einst Vettel bei Red Bull, der dort gleich vier Titel in Serie gewann. Rosberg hat zuletzt mehr mit sich selbst und seinem Rennwagen zu kämpfen gehabt, als dass er wirklich ein Rivale wäre, der Hamilton Angst macht. Also bleibt nur einer: Vettel.

          Am Donnerstagmittag sitzt er vor einem Barhocker im Team-Pavillon von Ferrari. In einer Ecke röhrt die Lüftung, trotzdem ist die Luft stickig. Der Ferrari-Mann am Eingang sagt, dass keiner mehr herein komme, weil der Raum zu voll sein. Nicht einmal ein Jahr ist Vettel nun Teil der Scuderia, aber die Zeit hat ausgereicht, um das Leid und die Zweifel zu vertreiben und wieder Glaube und Zuversicht zu streuen. Drei Rennen hat Ferrari in dieser Saison gewonnen, dreimal jubelte Vettel.

          Sebastian Vettel (links) mit seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen.
          Sebastian Vettel (links) mit seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen. : Bild: dpa

          Er hat seinen Teamkollegen Kimi Räikkönen im Griff - und beinahe schon wieder die gesamte Formel 1. Hamilton mag vor ihm liegen in der WM, Rosberg aber hat er nach Punkten schon überholt. Und den Unterschied der beiden Silberpfeil-Piloten hält zumindest Vettel für marginal, wenn er sagt: „Es ist nicht so, dass der Nico permanent einen drauf bekommt.“ Der Subtext könnte also lauten: Wenn ich Rosberg hinter mir lassen kann, warum soll mir das mit Hamilton nicht auch gelingen?

          Die Branche sehnt sich nach einem Zweikampf wie diesem: Hamilton gegen Vettel, die beiden besten und erfolgreichsten Fahrer des vergangenen Jahrzehnts. Und damit Mercedes gegen Ferrari, die beiden bekanntesten und schillerndsten Marken der Szene. „Etwas Besseres könnte der Formel 1 gar nicht passieren, auf so eine Geschichte mit großer Rivalität zweier Persönlichkeiten warten die Leute“, sagt Niki Lauda, heute Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Rennstalls, 1975 und 1977 Weltmeister in einem Ferrari. Und Lauda weiß: „Die können uns richtig gefährlich werden über den Winter.“

          Strafversetzung um zehn Plätze nach hinten

          Schon im Vergleich zur vergangenen Saison ist Ferrari ein riesiger Fortschritt in der Entwicklung des Rennwagens gelungen. „Eva“, so nennt Vettel seinen roten Renner mit der Typennummer SF15-T, folgt seinen Befehlen. Der Deutsche hat wieder Vertrauen im Cockpit, er kann an Grenzen gehen. Die Basis des Autos funktioniert, an der Antriebseinheit tüfteln die Ingenieure weiter.

          Erste Ergebnisse sind bereits einsatzfähig und werden schon an diesem Wochenende unter den Bedingungen eines Grand Prix getestet. Dafür nimmt die Scuderia sogar eine Strafe für Vettel und Räikkönen in Kauf. Beide werden in der Startaufstellung von Austin, die nach dem am Samstag wegen der Regenfälle auf Sonntag verschobenen Qualifikation erst fünf Stunden vor dem Rennen ermittelt wird 15 Uhr/ live in Sky, RTL und F.A.Z.-Liveticker),  um zehn Plätze nach hinten versetzt, weil sie schon mit dem fünften Motor fahren. Erlaubt sind lediglich vier im Laufe einer Saison.

          Die verbleibenden vier Rennen des Jahres nutzt Ferrari zu einem verlängerten Test für die kommende Saison. Die Verantwortlichen sind voller Angriffslust, Technikchef James Allison etwa sagt: „Wir haben den Rückstand auf Mercedes in diesem Jahr halbiert. Nun muss uns noch ein Schritt gelingen, wenn wir aus eigener Kraft siegfähig sein wollen. Acht Zehntelsekunden müssen wir über den Winter finden.“ Acht Zehntelsekunden. In der Formel 1 stehen sie für eine kleine Ewigkeit. Die Ingenieure denken und rechnen ansonsten in Tausendsteln. Ferrari und Vettel aber wissen, dass sie nur dann eine Chance gegen die Übermacht von Mercedes und Hamilton haben werden, wenn sie das Unmögliche möglich machen. Bei den vergangenen 34 Grand Prix hat schließlich 28 Mal ein Silberpfeil gewonnen.

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          Eine Bilanz, die auch den Verantwortlichen des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) nicht gefallen kann. In der vergangenen Woche haben die Regelhüter reagiert und entschieden, dass die Motoren auch über den Winter entwickelt und verändert werden dürfen. „Wir geben Vollgas“, verspricht Vettel. Und selbst Hamilton wirkt, als sei das für Mercedes zwar eine schlechte, für ihn persönlich aber eine gute Nachricht: „Als Fahrer gehört er (Vettel) definitiv zu meinen stärksten Gegnern. Duelle mit Ferrari - das wäre gut für den Sport.“ Und für ihn wieder mal eine Herausforderung.

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