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Machtkampf bei Mercedes : Arbeitersohn gegen Millionärskind

  • -Aktualisiert am

Auf dem roten Teppich angekommen: Hamilton mit Immer-mal-wieder-Freundin Nicole Scherzinger Bild: AFP

Wer wird Weltmeister? Die Machtfrage in der Formel 1 zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg wird auch im Kopf entschieden. Die Spielchen haben längst begonnen – wie sich vor dem Großen Preis von Monaco (Sonntag, 14 Uhr) zeigt.

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          Sie scherzen, schlendern durch das Fahrerlager. Hier ein Plausch, dort ein Lächeln, Autogramme für die Fans, die an den Gitterzäunen hängen, zwei Meter vom Hafenbecken entfernt. Die Vollgas-Tour durch Monaco (Start: Sonntag, 14 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Liveticker auf FAZ.NET), der gesellschaftliche Höhepunkt der Formel-1-Show am Sonntag, bereitet Lewis Hamilton und Nico Rosberg einen Heidenspaß. In ihrem Auto ist es ein Vergnügen. Ungeschlagen seit dem Saisonstart. Immer der Silberpfeil vorne, das Weltmeisterteam Red Bull mit Sebastian Vettel abgehängt.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Kampf der Maschinisten ist nach fünf Siegen in fünf Rennen geklärt. So wird der Blick frei auf den Zweikampf der Menschen in einem identischen Auto. Der Motor, der Elektroantrieb, die Aerodynamik, die nächsten Ideen der Ingenieure: nichts davon macht nun grundsätzlich den Unterschied auf der Piste aus. Es bleiben nur Hamilton und Rosberg. Zwei, die sich mit drei Pünktchen Differenz (100:97) an der Spitze der Fahrerwertung ganz nahe sind, versuchen, sich so schnell wie möglich auf anderen Wegen zu distanzieren.

          Denn im Fürstentum steht diesmal mehr auf dem Spiel als das Prestige eines Monaco-Siegers. Hamilton könnte mit einem fünften Sieg in Serie das Selbstvertrauen seines Teamkollegen brechen, endlich den Nummer-1-Status einnehmen, den man ihm bei der Einstellung verwehrt haben soll. Rosberg will dem Briten auf seinem Terrain, auf der „Fahrerstrecke“, zeigen, wer der wahre König der Autofahrer ist. „Sicher werden bald die Psychospielchen losgehen, wenn sie nicht schon begonnen haben“, sagte der McLaren-Pilot Jenson Button in Monaco. „Es gibt ein paar Dinge, die er (Lewis) mit mir angestellt hat.“

          Das „Mindgame“ ist besser als sein Ruf. Verunsichern, destabilisieren, kleinmachen? Diese Gedankenspiele gehören seit Jahrzehnten zum Repertoire der Top-Piloten. Häufig sind diese Duelle über die Jahre eskaliert, mündeten wie bei den Weltmeistern Ayrton Senna und Alain Prost in brutalen Rammstößen auf offener Piste. Die Mercedes-Führung rechnet schon mit einem Crash ihrer Fahrer. Aber noch führen Hamilton und Rosberg ihre Auseinandersetzung mit feiner Klinge, streuen Grüße, die auf den zweiten Blick die Stoßrichtung erkennen lassen. Oder wie ist das Lob Hamiltons für Rosberg nach dessen Niederlage vor zwei Wochen in Barcelona zu werten? „Er war schneller als ich.“ Der Verlierer schneller? Die Botschaft ist eindeutig: Und wenn du auch dein Auto besser abgestimmt hast, du kommst trotzdem nicht an mir vorbei!

          Hamilton spielt mit dem Klischee: Hier der Techniker Rosberg, der Autoversteher wegen seines Verständnisses für die Innereien, und dort er, der Weltmeister von 2008, das Supertalent, gut für Toptouren, selbst wenn er sich mal bei der Abstimmung vergriffen hat, wie in Spanien. „Man muss sich“, sagte der frühere britische Formel-1-Rennfahrer Derek Warwick, „in dem Kopf des Teamkollegen festsetzen.“ Mit dem Hinweis, dass kein Kraut gewachsen ist gegen die eigene Stärke. Hamilton signalisierte Rosberg nun in einem Interview von „Formula1.com“, wie sehr es ihm gefalle, den Teamkollegen im Nacken zu spüren: „Ich will doch nicht mit 40 Sekunden Vorsprung gewinnen. Ich will als Racer bekannt sein.“

          „Ändere nichts“: Rosberg in Monaco
          „Ändere nichts“: Rosberg in Monaco : Bild: dpa

          Diese Anspielung auf eine Stärke als Straßenkämpfer leitet Hamilton beinahe genussvoll aus seiner Sozialisation ab. Mit dem Vater hat er sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet zur Champagner-Dusche, während Rosberg schon als Baby darin badete: „Nico ist in Monaco mit Jets, Hotels und Booten aufgewachsen – der Hunger ist ein anderer.“ Der Multimillionär kokettiert mit seinem Leben als Arbeitersohn und bedient das Bild vom satten Millionärs-Filius. Angesichts von 0,6 Sekunden Rückstand auf Sieger Hamilton nach gut 300 Kilometern beim Grand Prix in Barcelona muss der Appetit des sprachgewandten Rosberg, mit Hochschulreife von der Schule gegangen, allerdings beachtlich sein. Immerhin hat ihm der Wissensdurst den Ruf eingebracht, Autos präzise einstellen zu können.

          Das ist gerade in Monaco so wichtig, bevor es die Piloten im übertragenen Sinne krachenlassen. Etwa beim Qualifying mit Tempo 270 hinauf zur Kasinokurve, die man nicht einsehen kann. Der kolportierte Fahrmodus „Augen zu und durch“ funktioniert aber nur, wenn die analytische Vorarbeit vollstes Vertrauen in das Auto erzeugt hat, auf den Zentimeter genaue Linien erlaubt. Rosberg gilt auf diesem Gebiet als ein sturer Perfektionist und damit als Gefahr für den bisweilen intuitiv entscheidenden Hamilton. „Das war noch keine perfekte Abstimmung“, sagte Rosberg, nachdem er am Donnerstag einen Wimpernschlag (0,032 Sekunden) langsamer war als sein Gegner: „Da kommt noch einiges.“

          „Ich ändere nichts“

          Nämlich Berechnungen und Kalkulationen in einem Rennen um den kühlsten Kopf. Button glaubt, „der intelligente Nico“ werde sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Fast gleichzeitig verkündete Rosberg gelassen sein Programm: „Ich ändere nichts.“ Zur inneren Stabilität hat auch die Mercedes-Führung beigetragen, als sie neulich eine Vertragsverlängerung mit dem Deutschen bis Ende 2016 beschloss.

          In Monaco griff die Kommandozentrale nochmal ein. Niki Lauda, der Vorstandsvorsitzende des Teams, hatte in Barcelona eine „gewisse Aggressivität“ der jeweiligen Fahrer-Crews in der Box erkannt. Nun sollen die Ingenieure während der Rennen keine linken Spielchen mehr zugunsten ihrer Lieblinge betreiben. Mercedes lässt die Menschen ran in seinen Maschinen. Auf Biegen und Brechen.

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