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Formel 1 in Hockenheim : „Ich habe es versaut“

  • -Aktualisiert am

Vettels Ferrari am Haken Bild: Reuters

Beim Heimspiel in Hockenheim ist Vettel im Ferrari auf Siegkurs. Dann die 52. Runde: Ein Fehler, und ab ins Kiesbett. Konkurrent Hamilton fährt von Platz 14 ganz nach vorne und übernimmt wieder die WM-Führung.

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          Am Samstag für einen Moment zu Tode betrübt, am Sonntag die Freude in Person: Diesen ergreifenden Wandel konnte sich Lewis Hamilton bei allem Kampfgeist nicht vorstellen. Als 14. hatte er den Großen Preis von Deutschland am Sonntag wegen eines technisches Defektes im Qualifikationstraining beginnen müssen, ohne Chancen auf den Sieg unter normalen Umständen. 67 Runden später kreuzte er als Sieger die Ziellinie, kurz nachdem Sebastian Vettel traurig bei seinem Teamchef und den Ingenieuren von Ferrari an der Boxenmauer um Entschuldigung gebeten hatte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ein Fahrfehler brachte den Heppenheimer um den sicher scheinenden ersten Sieg in Hockenheim. Hamilton übernahm dankbar vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari. Renault-Pilot Nico Hülkenberg wurde Fünfter. Vettels Patzer führte zum nächsten Führungwechsel in der Fahrerwertung. Vor dem Rennen in Ungarn am kommenden Sonntag führt nun Hamilton wieder, mit 17 Punkten. „Ich habe lange gebetet, ich bin super dankbar“, sagte der Engländer, „ein Traum ist wahr geworden.“

          Ihre Augen hatten sich die Experten der Formel 1 schon vor dem Rennen gerieben. Toto Wolff tat das in den vergangenen Tagen und Wochen, der Teamchef von Mercedes. Und auch die Kollegen von Red Bull schauten etwas verdutzt aus der Wäsche, als sie am Wochenende das Tempo von Ferrari entdeckten. Nicht den Grundspeed, sondern die Beschleunigung auf den Geraden. Das fing beim Rennen in Kanada an, setzte sich in Österreich und England fort. Aber auf dem badischen Motodrom mit seinen langen Geraden war es besonders auffällig: Ferrari ist ein Sprung gelungen.

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          Angeblich 38 PS soll der Hybrid-Antrieb mehr leisten, offensichtlich nicht über eine Stärkung des Verbrennungsmotors, sondern mit Hilfe des Batterie-Managements. Ein heikles, komplexes Thema, überschattet von Undurchsichtigkeit. Wiewohl der Internationale Automobil-Verband (Fia) nach einer Anfrage der Konkurrenz, Ferraris Leistungszauber für legal erklärte. Wolff will nichts andeuten, obwohl er es tut: „Eigentlich braucht man für so seinen Sprung zwei Jahre.“

          Die Beschleunigung von Ferrari bejubelten viele Fans auf den voll besetzten Tribünen nach gut 30 Runden: Rot vor rot an der Spitze. Allein die Reihenfolge stimmt nicht im Sinne der Fans unter den 70.000, die aus der Nachbarschaft angereist waren, aus der Heimat des Lokalmatadoren von Weltruhm. Vettel aber nur Zweiter? Nach dem Start von seiner 55.Pole-Position hatte er das Rennen vor Bottas und Räikkönen kontrolliert, war aber elf Runden nach dem Finnen zur Box gekommen und hinter seinem Teamkollegen wieder auf die Strecke zurückgekehrt. Prompt setzte ein reger Funkverkehr ein über Positionen, Windschattenfahren und – vor allem – über die Reifenabnutzung.

          Blasenbildung beschäftigte Fahrer wie Ingenieure, ein Phänomen, dass bei großer Hitze entsteht und wegen der nachlassenden Haftung die Rundenzeiten drückt. Beide Ferrari-Piloten wurden ermahnt, auf ihre Pneus zu achten. Und Räikkönen davon überzeugt, dem Chefpiloten in seinem Nacken freie Fahrt zu verschaffen. Die frischen Reifen an Vettels Renner erlaubten ein höheres Tempo und den Ausbau der Führung. Ferrari fuhr das Rennen unter sich aus. „Wir hatten es in der Tasche“, sagte Vettel. Es wäre ein leichtes Spiel geworden für die Scuderia, wenn nicht 22 Runden vor Schluss die grauen Wolken ihre Ladung abgeworfen hätten.

          Ein Glück für die Verfolger, weil sie zuschauen können, was der Führende macht. Wann wechselt er die Reifen, von profillosen auf die sogenannten Intermediates? Mercedes sah sich plötzlich in einer hoffnungsvollen Position. Bottas als Dritter und Hamilton, schon als Vierter. Sie warteten, rasend über die feuchte Piste, während sich andere, wie etwa der junge Charles Leclerc im Sauber, drehten. Als Max Verstappen im Red Bull auf die Intermediates wechselte, schien der Zeitpunkt gekommen. Aber der Niederländer irrte sich, ließ wieder Slicks montieren und verlor jede Aussicht auf einen Coup in diesem Spiel der Überraschungen.

          Der glückliche Sieger: Lewis Hamilton (rechts) jubelt mit dem Mercedes-Team.

          52.Runde: Einfahrt Motodrom, eine schnelle Rechtskurve, der nach zwei hundert Metern der Linksknick folgt. Tausende Male ist Vettel durch diese Kurve gekommen, ein Turn, den er im Blindflug nimmt. Diesmal nicht. Das Heck steht quer, der Ferrari rollt über die Strecke hinaus nach rechts ins Kiesbett und rutscht leicht in die Streckenbegrenzung. „Ich habe ein bisschen zu spät gebremst, ich habe schon schlimmere Fehler gemacht.“ Ein harmloser Aufprall, aber ein schwerer Schlag: „Oh Gott“, hört man Vettel am Funk sagen, mit trauriger Stimme. Er trommelt aufs Lenkrad, „ich habe es versaut, sorry Jungs, sorry.“ Zum zweiten Mal in 24 Stunden zeigte sich ein Star der Szene schwer geknickt.

          Aber Hamilton konnte sich wieder aufrichten nach dem Kniefall. „Ich gewinne immer Energie aus den negativen Dingen“, hatte er in Hockenheim drei Tage vor dem Rennen in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erzählt. Ein Kämpfer, der im kleinen Chaos im entscheidenden Moment den Durchblick hatte: Die Saftey-Car-Phase nutzte mancher zum Reifenwechsel, Bottas stand lange vor der Garage, weil die Pneus nicht zur Stelle waren in der Hektik. Auch Hamilton war schon abgebogen zum Service, entschied sich aber im letzten Moment gegen den Rat des Teams anders, überquerte den Rasenstreifen und fand mit dieser Abkürzung zum Glück zurück: Führung. Vor den dicht gedrängten Verfolgern Bottas, Räikkönen, Verstappen, Hülkenberg im Renault.

          Das Safety-Car gab die Bahn wieder frei für den letzten Sprint ins Ziel. Bottas wagte es, den Chefpiloten anzugreifen, ehe ihm die Kommandozentrale einen Wink gab, wie auf Ferrari-Terrain ein maximaler Beutezug zu sichern ist: „Valtteri, halte deine Position, sorry.“ Mit Abstand hinter dem Vordermann und der Konzentration auf den Roten im Rückspiegel. Räikkönen wurde immer kleiner. Der Verlierer des Tages aber fand schnell wieder in die Spur. Als Vettel gefragt wurde, wer ihn denn trösten könne, zeigte er im Geiste auf seinen Rennwagen: „Wir haben ein gutes Auto, das ist Trost genug.“

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