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Großer Preis von Monaco : Rennfahren im Supermarkt

  • -Aktualisiert am

Ein Fehler macht alles zunichte: Nico Rosberg weiß das - im vergangenen Jahr hat er im Fürstentum gewonnen. Bild: AFP

Der Grand Prix von Monaco fasziniert seit Generationen. Auf keiner anderen Formel-1-Strecke ist der Faktor Mensch so entscheidend wie beim Rennen an diesem Sonntag. Das ist Chance und Risiko zugleich.

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          In 29 Staaten auf diesem Globus gibt es schon „Slow Cities“. Sogar im Land des Giro, in Italien. Städte, wo einen Gang runtergeschaltet wird: mehr Spazierwege, weniger Fast-Food-Buden, keine Autos. Bis diese Entschleunigung Monte Carlo erreicht, wird es wohl noch eine Weile dauern. Obwohl man in der Stadt an der Côte d’Azur vor lauter Autos in diesen Tagen kaum vom Fleck kommt. Da brüllen Ferrari, Lamborghini, Porsche und andere PS-Boliden in den engen Gassen und auf der verstopften Hauptstraße parallel zum Hafen um die Wette. Als schrien sie vor Leid, in einer Blechlawine gefangen zu sein, anstatt ausgefahren zu werden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Einmal im Jahr gewährt Albert II. diesen Spielraum. Seit Donnerstag saust die Formel 1 wieder durch sein Fürstentum. Vorbei an den strengen Verkehrspolizisten, über Kreuzungen und Zebrastreifen, gegen die Einbahnstraße und auf der Busspur. Mit Tempo 290 ist Sebastian Vettel aus dem Tunnel geschossen, mit einem Schnitt von 150 Kilometern pro Stunde jagten der deutsche Ferrari-Pilot und seine Kollegen beim Training für den Großen Preis von Monaco am Sonntag (14 Uhr MEZ) über den 3,3 Kilometer kurzen Stadtkurs. „Dies Enge ist schon reizvoll“, sagt der McLaren-Pilot Jenson Button: „Ein kleiner Fehler, und du landest in der Mauer.“

          Die bedeutendste Bühne für die Formel 1

          Die Nähe ist der Reiz. Für die Fans und alle, die dieses Theater wenigstens einmal im Leben gesehen haben wollen. In Monte Carlo gibt es die Formel 1 unter der Lupe. Näher kommt man nicht heran an diesen exklusiven Klub. Im Hafen, entlang des Fahrerlagers, trennt nur ein Gitterzaun den gemeinen Zuschauer von berühmten Hauptdarstellern. Sie reichen Autogrammkarten durch. Sie können ihren Helden ohne Vip-Tickets in die Augen schauen wie sonst nirgendwo, nachdem Training über die Strecke spazieren oder teilweise – im Schrittverkehr – abfahren. Monaco ist in diesen Tagen das Dorado für Selfie-Fetischisten: Ich mit dem Champion Hamilton, ich vor der Box von Ferrari, ich vor der Glasloge des Fürsten auf der Zielgeraden. Einmal mittendrin und nicht nur irgendwo dabei.

          Monte Carlo ist die bedeutendste Bühne für die Formel 1. Die Einschaltquoten sind mit die höchsten, obwohl das Rennen wegen seiner frühen Plazierung im Kalender nie über den Ausgang der Weltmeisterschaft entscheidet, obwohl es in der Regel kein großes Rennspektakel produziert. Meistens gewinnt der Fahrer, der von der Pole Position aus startet. Trotzdem wird der Sieger zum Ritter des Rennsports geschlagen. Erst vom Fürsten, dann von den Kollegen. „Es ist ein Privileg, hier zu fahren“, sagt der zugezogene Mercedes-Star Hamilton, Sieger 2008 im McLaren, „es ist etwas Besonderes, in Monaco zu gewinnen.“ Warum? Es gibt keine schnellen Kurvenkombinationen, die Rennfahrer so lieben, keine klassischen Mutproben entlang der Haftgrenzen bei Tempo 330, keine besonders kniffeligen Passagen.

          Schnelle Autos, große Yachten: Die Glitzerwelt des Grand Prix von Monaco Bilderstrecke

          Wenn sich nur einer auf dem Weg vom Casino hinunter zum Tunnel querstellt, staut sich das Feld wie in der Rushhour. Und Duelle Rad an Rad, Überholmanöver auf der letzten Rille, das Elixier dieses Sports, sind kaum möglich – bei so wenig Platz. Trotzdem sprechen alle Fahrergeneration, von Stirling Moss über Ayrton Senna, Michael Schumacher bis hin zu Vettel von einer „Fahrerstrecke“, von der besonderen Bedeutung des Menschen in der Maschine auf den Straßen von Monte Carlo.

          „Es kommt darauf an, das Vertrauen zu finden“

          Auf die maximale Motorenkraft wird es nicht so ankommen bei einem Vollgasanteil von weniger als 30 Prozent pro Runde. Die Fahrer müssen wegen des geringen Tempos nicht auf den Benzinverbrauch achten. Auch das „Reifenmanagement“ soll, obwohl erstmals die ganz weichen Gummis aus dem Sortiment des Lieferanten eingesetzt werden, keine so große Rolle spielen wie auf den typischen Formel-1-Kursen.

          „Es kommt darauf an, das Vertrauen zu finden“, sagt der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso. Das Vertrauen, trotz der drohenden Konsequenz ans Limit zu gehen. Auf dem Nürburgring mit den großen Auslaufzonen, in Hockenheim, zuletzt in Barcelona kosten Verbremser in der Regel Zeit, in Monte Carlo zerschmettern sie den Boliden. Die fragilen Geschosse vertragen nicht mal eine leichte Berührung der Leitplanken etwa mit dem Frontflügel. „Es ist, als ob man in einem Supermarkt fährt“, sagt der Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo, „cool.“ Der Australier glaubt sich bestens vorbereitet, weil er schon als Kind Monaco simulierte: „Ich bin mit dem Fahrrad durch unsere Wohnung gefahren.“

          Ohne anzuecken, 78 Runden, hochkonzentriert. Das reicht vielleicht, um am Sonntag ins Ziel zu kommen. Aber die Sieger von Monaco haben meistens am Samstag beim Qualifying den wesentlichen Unterschied gezeigt. Wenn sie auf dem Weg zur Pole Position im Kopf wie auf der Piste keinen Sicherheitsabstand zu den Leid-Planken ließen. „Das Vertrauen in deine Fähigkeiten ist hier entscheidend“, sagt Alonso, „man muss absolut entschieden, konsequent sein. Aber ohne gutes Auto wird es nicht gehen.“ Das zeigte sich am Donnerstag: Der Seriensieger Mercedes stand wieder ganz oben in den Zeitenlisten, mit Hamilton an der Spitze. Die zweitschnellste Runde gelang dessen Teamkollegen Nico Rosberg. Vettel brauchte als Dritter im Ferrari gut eine Sekunde länger. An einen Sieg aus eigener Kraft denkt er nicht.

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