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Formel 1 : Zwist unter Egomanen

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Rekord- und Profitjäger: Vettel (r.), Ecclestone und Red-Bull-Teamchef Horner (l.) Bild: Getty Images

In São Paulo geht es auch um die Zukunft der Formel 1. Die Branche muss sparen - nicht jeder akzeptiert den Weg. Über den Zwist freuen kann sich eigentlich nur einer.

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          Ein Rennen noch, dann gibt es Ferien für die Formel 1. Das ist nötig. Nach 18 Stationen einer rastlosen Welttournee zwischen Ende März und dem ersten Advent sehen die Mechaniker müde aus. Teamchefs sehnen eine kleine Auszeit herbei, Piloten freuen sich auf die Befreiung von der ständigen, kraftraubenden Kurvendiskussion. „Es wird Zeit", sagt Sebastian Vettel. Längst ist er Weltmeister, und seit Wochen darf sich auch sein Team Red Bull wieder Konstrukteurs-Champion nennen. Und doch ist die Luft nicht raus.

          Am Freitag rollten starke Männer eilig prallgefüllte Reifen durch das Fahrerlager zur Box, Ingenieure studierten mit strengem Blick Datenaufzeichnungen, Rennfahrer suchten mit durchgetretenem Gaspedal die Haftgrenze. Es wird noch einmal rund gehen beim Finale an diesem Sonntag (Start: 17 Uhr MEZ/FAZ.NET-Liveticker), dem Großen Preis von Brasilien.

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          Die rote Unbekannte: Ferrari :

          Vettel versucht sich an einem Rekord, Rennställe kämpfen um eine Millionenprämie und junge Piloten gegen ihre Entlassung. In einem Hinterzimmer aber stand am Freitag noch mehr auf dem Spiel: Die Zukunft der Formel 1.

          Von der Hand in den Mund

          Als die Motoren zum Training aufheulten, rauchten die Köpfe der Strategen. Die Teamvereinigung Fota hatte zum Treffen geladen. Sie will und muss die Unterhaltskosten für den Rennbetrieb reduzieren. Denn von den zwölf Rennställen sind nur die besten vier, Red Bull, McLaren, Ferrari und Mercedes frei von jeglichen finanziellen Sorgen.

          Teams wie Sauber kommen zwar über die Runden, sind aber auf jeden Dollar angewiesen. Deshalb ist der Zweikampf mit Toro Rosso um Rang sieben in der Konstrukteurswertung so wichtig. Der Sieger bekommt etwa fünf Millionen Dollar mehr als der Verlierer. Alle anderen Rennställe leben von der Hand in den Mund.

          „Wir müssen die Differenz zwischen den Großen und den kleinen Teams verringern", sagt Fota-Sprecher Martin Whitmarsh. Zuletzt hatte die Teamgemeinschaft versucht, mit einer neuen, vor einem Jahr verabschiedeten Abmachung zur Reduzierung von Personal und Technik (Resource Restriction Agreement) die Kosten weiter zu drücken. Die Zahl der Mitarbeiter sollte sinken, der Einsatz der Windkanäle und Supercomputer eingeschränkt werden.

          47 Millionen mehr als McLaren

          Allerdings lässt man sich Spielraum. Mehr Angestellte dürfen etwa mit einer größeren Sparsamkeit an anderer Stelle ausgeglichen werden. Diese komplexe Rechnung sollte ein neutrales Unternehmen überprüfen. Doch schon auf die Fragen, wie die Rennställe ihre Einhaltung des RRA berechneten, gab es von Red Bull nicht in allen Punkten Antworten. Der österreichische Brausehersteller blieb verschlossen wie eine Dose.

          Bekannt ist inzwischen nur, wie viel Geld die in England sitzenden Teams ausgeben. Laut englischem Handelsregister gab Red Bull 2010 rund 205 Millionen Euro für die Formel 1 aus. In der Rangliste folgt McLaren mit 158 Millionen Euro vor Mercedes (146). Ferraris Ausgaben sind nicht bekannt.

          Ein Mittelklasseteam kann allenfalls 80 Millionen Euro aufbringen. Red Bulls Weigerung, sich detailliert in die Karten schauen und das RRA etwa ins Regelwerk des Internationalen Automobil-Verbandes einzufügen zu lassen, hat inzwischen zu einer heftigen Auseinandersetzung geführt. Vor dem Treffen in Sao Paulo verschickte die Fota einen geharnischten Brief an das Weltmeisterteam. Die Botschaft sagt alles über die Spannung: Kooperation oder Klage.

          Teile und herrsche

          Einem käme eine Spaltung gelegen. Vielleicht spazierte Bernie Ecclestone deshalb so fröhlich durch das Fahrerlager. Ende des nächsten Jahres läuft der Vertrag des Formel-1-Managers mit den Rennställen aus. Das sogenannte Concorde-Agreement regelt unter anderem die Verteilung des Geldes.

          Bislang erhalten die Teams 60 Prozent aller Einnahmen aus der Vermarktung. Die Fota aber will Ecclestone als Statthalter des Rechte-Inhabers CVC zu einer größeren Ausschüttung zwingen. Dazu muss sie als Einheit, nur HRT gehört dem Kreis nicht an, bestehen bleiben. Denn Ecclestone lebte in der Vergangenheit fürstlich vom Zwist der Egomanen.

          Die ständigen Streitigkeiten zwischen Ferrari und McLaren nutzte er, jede Allianz aufzuhebeln. 2004 gelang es ihm, Ferrari aus der vorübergehenden Gemeinschaft namens GPWC herauszulösen. Er lockte die Scuderia unter anderem mit 100 Millionen Dollar. Scheitert nun auch die Fota, dann beginnt Ecclestones Lieblingsspiel von neuem: Teile und herrsche.

          Mit den Fahrern spielt Ecclestone in der Regel nur Backgammon. Manche setzt er auch wie Spielsteine geschickt in Szene. Seine Bewunderung für Piloten wie Sebastian Vettel aber verhehlt das Großhirn der Formel 1 nicht. Weil Vettel gar nichts teilen will und trotzdem herrscht.

          804 Überholmanöver

          An diesem Samstag könnte der 24 Jahre alte Heppenheimer mit der 15. Pole Position innerhalb einer Saison zum Rekordmann in dieser Disziplin aufsteigen. Prompt wurde der Champion gefragt, ob er seinen Boliden für diesen Eintrag ins Geschichtsbuch zum Sprinter trimmen und damit einen Erfolg im Rennen riskieren wolle. Vettel überlegte einen Moment. „Das ist schon eine spezielle Möglichkeit. Aber man kann eigentlich nicht viel für das Rennen opfern, nur um einen Vorteil am Samstag zu haben", sagte er und lächelte süffisant: „Wir werden beides versuchen."

          Allein neun Mal ist ihm diese Kombination gelungen. Am zehnten doppelten Triumph will ihn Lewis Hamilton unbedingt hindern. Der Sieg in Abu Dhabi beflügelte den McLaren-Mann, das Finale als nächsten Schritt auf dem Weg zum großen Angriff 2012 zu betrachten. In jedem Fall soll es zu einer guten Unterhaltung kommen. Mercedes hat bislang 804 Überholmanöver (ohne Start und Unfälle) gezählt. Das sind 45 pro Grand Prix.

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