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Formel 1 : Winnetous Genugtuung

  • -Aktualisiert am

Mark Webber will mit 34 Jahren zum ersten Mal Weltmeister in der Formel 1 werden Bild: dapd

Mark Webber ist die Überraschung der Formel-1-Saison. Der 34 Jahre alte Red-Bull-Pilot hat vor dem Rennen am Sonntag (14 Uhr) in Singapur nur noch eins im Kopf: seine erste und vielleicht letzte Chance auf den WM-Titel.

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          Mark Webber schwimmt. Er fährt Rad, er läuft. Er sieht aus wie ein Triathlet: 1,84 Meter, 75 Kilogramm, die Wangen leicht eingefallen vom zehrenden Training. Am Donnerstag kommt er mit dem Mountainbike in kurzen Hosen und T-Shirt zur Arbeit. Kein Fett ist am Leib zu sehen, aber vorspringende Adern auf den Unterarmen, schlanke, vom Dauereinsatz geformte Muskeln. Webber scheint kein Gramm Ballast zu dulden und keine Umwege mehr. Kerzengerade sitzt er in der Fragestunde. Seine Antworten kommen schnell, sind prägnant. Überträgt man sie in einen Strichcode, dann kommen kurze Geraden heraus. „Keep boxing“, sagt der führende Formel-1-Pilot, „wir müssen die Jagd fortsetzen.“ Die Botschaft zwischen den Zeilen beim Auftritt des Australiers im Fahrerlager fünf Rennen vor dem Ende der Saison, kurz vor dem Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (14 Uhr/FAZ.NET-Formel-1-Liveticker), kommt an. Webber sprüht vor Selbstbewusstsein.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Er kommt aus einer dunklen Ecke. Queanbeyan? Das liegt Lichtjahre vom Herzen des Motorsports in Europa entfernt. Selbst 29 Jahre reichten nicht zu einer Reise ins Rampenlicht. Noch zu Beginn dieser Saison erschien der Red-Bull-Pilot als Schattenmann von Sebastian Vettel. Erstes Rennen Achter, zweites Rennen Neunter. Der klassische Start für den Beifahrer eines WM-Kandidaten. Doch innerhalb von acht Monaten ist Webber aufgestiegen. Als ehemaliger Außenseiter führt er ein Quintett an, dessen Mitstreiter ihm voraus scheinen. Lewis Hamilton, Jenson Button (beide McLaren), Fernando Alonso (Ferrari) und Vettel haben entweder die Zukunft in der Formel 1 noch vor sich oder den Titel längst gewonnen.

          Webber ist mit 34 Jahren der Älteste, der mit den wenigsten Siegen, der geringsten Rückendeckung. „Er hat das extrem gut gemacht. Ich bin positiv überrascht von seiner Leistungsfähigkeit“, sagt Michael Schumacher. Sie haben sich erstmals 2002 in der Formel 1 getroffen. Webber galt als schnell, aber nie als ernsthafter Rivale. Nicht mal nach seinem allerersten Sieg im vergangenen Jahr auf dem Nürburgring, nach dem flüchtigen Eindruck, er könne Deutschlands potentiellem nächsten Champion Vettel doch nahekommen. „Einige von uns hatten zu Beginn dieser Saison nicht gedacht“, sagt Schumacher, „dass er so gut sein würde.“

          Bei Nacht: In Singapur will Webber seine Jagd fortsetzen
          Bei Nacht: In Singapur will Webber seine Jagd fortsetzen : Bild: dapd

          „Ich spüre eine Genugtuung“

          Webber ist die Überraschung der Saison. Er spricht in diesen Tagen immer wieder vom „Spaß“ im Auto. Nur einmal lässt er einen Blick in sein Seelenleben zu. „Ich spüre eine Genugtuung.“ Für das Unterschätztsein all die Jahre, die vielen Hindernisse und Rückschläge. Er hat angefangen wie die Schumachers und Vettels, im Kart. Er hatte wie sie kein Geld und irgendwann einen Gönner, der die Fortsetzung der Karriere mit 100.000 Dollar garantierte.

          Sie hing immer wieder am seidenen Faden. Weil Webbers Sprünge nach England, aus der Formel-Klasse ohne Dach und Kotflügel in die Sportwagen-Meisterschaft und zurück in die Einsitzer-Szene spektakulär, aber wenig beschleunigend wirkten. Webber kam dem Tod viel näher als dem Aufstieg zum Formel-1-Star.

          Mit 34 Jahren auf den Gipfel

          1999 hob er gleich zweimal in Le Mans mit dem „Flugmodell“ von Mercedes ab. Keiner der WM-Kandidaten hat eine so prägende Gratwanderung zwischen drohender Tragödie und greifbarem Triumph hinter sich. Noch vor drei Monaten überschlug sich Webber mit seinem Red Bull in Valencia nach dem Aufprall auf das Heck eines Lotus. 14 Tage später gewann er in England: „Ich habe über den Crash nicht lange nachgedacht.“ Es wäre Zeitverschwendung nach dem achtjährigen Aufstieg über Minardi, Jaguar, Williams in ein Topteam. Wer mit 34 Jahren vor dem Gipfelsturm steht, hat nur noch eines im Kopf: die erste und vielleicht letzte Chance.

          In Singapur sitzt Webber im wahrscheinlich schnellsten Auto. Er weiß das. Seine Körpersprache passt zur Ansage: „Ich bin hier, um zu gewinnen. Es wäre selbstmörderisch, auf Platz fünf oder sechs zu setzen.“ Die Luft drückt schwül, aber Webber strahlt eine attraktive, kühle Distanz aus. Zusätzlicher Druck? Man sieht es ihm nicht an. Wie auch?

          „Yes, I can“

          Nicht einmal der Teamchef hat vor anderthalb Jahren erkennen können, was mit seinem Piloten los war. Bei einem Radrennen hatte er sich das Schien- und Wadenbein gebrochen. „Mark vergaß nur, uns vom Riss seines Schulterblattes zu berichten“, erzählt Teamchef Christian Horner. Webber fürchtete, ersetzt zu werden. Anfangs fuhr er mit Schmerzen Vettel hinterher. „In diesem Jahr hat er sich dann an Sebastian hochgezogen“, sagt der Red-Bull-Berater Helmut Marko, „und ist darüber hinausgegangen.“ Webber erlaubte sich weniger Fehler und mehr Schachzüge. Eine kolportierte Benachteiligung in Silverstone, wo Vettel für das Qualifikationstraining den einzig verbliebenen neuen Frontflügel erhielt, konterte er tags drauf geschickt: „Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Fahrer, oder?“, rief Webber nach dem Sieg ins Bordmikrofon.

          Der „alte Indianer Winnetou“ (Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz) spielt die volle (übliche) Klaviatur. Hier das Opfer, dort der subventionierte Bub? „Man lernt die Menschen in bestimmten Situationen besser kennen“, sagt Vettel. Mehr nicht. Man hat sich nichts zu sagen. Nur noch indirekt. Gelegentlich lässt Webber durchblicken, dass es bald eine Entscheidung im Team geben müsse. Für eine Unterstützung zu seinen Gunsten. Vettels Freund Schumacher versucht auf Nachfrage, die Schieflage auszugleichen: „Der Sebastian ist fahrerisch um eine Nasenspitze vorn.“ Fahrerisch. Auf anderen Gebieten ist Webber weiter. Nach dem Finale Mitte November soll seine Biographie erscheinen. Der Titel: „Yes, I can“.

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