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Formel-1-Pilot hat genug : Die neue Straße des Lewis Hamilton

Rassismus: Der sechsmalige Weltmeister Lewis Hamilton verlangt der Formel 1 vehement eine Positionierung ab. Bild: AFP

Lewis Hamilton ist der beste, erfolgreichste und bestbezahlte Fahrer in seiner Rennserie, der Formel 1. Doch nicht nur deshalb ist der Mercedes-Pilot eine Ausnahmeerscheinung.

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          Lewis Hamilton war auf der Straße am Sonntag. In London, zu Fuß, Richtung Hyde Park. Er demonstrierte, mit Dreieckstuch vor dem Mund, Sonnenbrille auf der Nase, Mütze auf dem Kopf, in einem T-Shirt mit der Aufschrift: „Black is a vibe“ – schwarz ist eine Stimmung. In den Händen auf einem der Bilder, die er anschließend auf Instagram verbreitete, ein Pappschild. Aufschrift: BLACK LIVES MATTER. Auf einem anderen reckt der sechsmalige Formel-1-Weltmeister die Faust in die Luft.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Am Sonntag waren 100 Tage seit dem gewaltsamen Tod der Notfallsanitäterin Breonna Taylor in Louisville, Kentucky vergangen. Sie war am 13. März in ihrer Wohnung von acht Kugeln aus Polizeiwaffen getroffen worden. Lewis Hamilton postete ihr Porträt, das das Magazin „Rolling Stone“ verbreitet hatte, mit der Information, dass diejenigen, die Taylors Leben beendet haben, nach wie vor nicht festgenommen seien. In den Wochen, bevor die Formel 1 in Österreich die Saison aufnehmen soll, die kurz vor ihrem Start an ebenjenem 13. März in Melbourne unterbrochen wurde, an dem Breonna Taylor auf der anderen Seite der Erde starb, hat sich Hamilton dem aktiven sozialen Protest verschrieben.

          Schon vor drei Wochen hatte er Rassismus in der Formel 1 beklagt: „Ich sehe euch, die ihr stumm bleibt, einige der größten Stars, aber ihr bleibt stumm inmitten der Ungerechtigkeit. (...) Kein Signal von irgendjemandem in meiner Industrie, die natürlich ein von Weißen dominierter Sport ist. Ich (...) stehe allein.“ Am Sonntag klang es auf Instagram wieder, als richte er sich an die Kollegen: „Euer Schweigen ist immer noch ohrenbetäubend. Vielleicht seid ihr nicht rassistisch in eurem Schweigen, aber wir brauchen euch als ANTI-Rassisten. (...) Es ist unser Anliegen, dass ihr euch aus eurer Komfortzone bewegt und uns unterstützt, indem ihr antirassistisch seid und die Leute wissen lasst, auf welcher Seite ihr in diesem Kampf steht.“

          Zuvor hatte er in der „Sunday Times“ angekündigt, mit der Royal Academy of Engineering eine Kommission zu gründen, die nichtweißen Schulabgängern den Weg in Ingenieur-, Mathematik- und Technikstudiengänge erleichtern soll. Das Ziel: die Formel 1 „so vielfältig zu machen wie die komplexe und multikulturelle Welt, in der wir leben“.

          Hamilton, 35 Jahre alt, ist der beste, erfolgreichste, bestbezahlte Fahrer in seiner Rennserie, deren Erscheinungsbild durch und durch von erfolgreichen europäischen Ingenieuren, Vermarktern, Teamchefs und Piloten geprägt ist. Hamilton ist nicht nur aufgrund seiner Erfolge eine Ausnahmeerscheinung, sondern auch wegen seiner Hautfarbe. Er hat immer mal wieder gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen in den vergangenen Jahren, aber keines berührt seine Identität in gleicher Weise wie der weiße Rassismus. Die vergangenen Jahre, in denen der exorbitante Preis des ernsthaft betriebenen Nachwuchs-Kartsports zu einem Ausschlusskriterium geworden ist, haben den Kreis derjenigen, die genügend Geld mitbringen, um eine Motorsportkarriere mit dem Fernziel Formel 1 aufzubauen, weiter eingeschränkt. Dieser Sport ist reicher und dadurch eher noch weißer geworden.

          Das Problem hat die Formel 1 erkannt. Die Frage ist, wie sie es deutet. Die Rennserie verkündete am Montag, sie müsse die Rückkehr auf die Rennstrecke mit „zusätzlicher Bedeutung und Entschlossenheit“ aufladen. Deshalb sollen die Rennwagen am übernächsten Wochenende in Spielberg mit einem Regenbogenmotiv beklebt werden. Zugleich wurde der Slogan „We race as one“ verkündet, wir fahren vereint Rennen. Damit solle an den Kampf gegen Covid-19 und an den Kampf gegen den Rassismus erinnert werden.

          Das kann alert wirken – oder beliebig. Als globaler Sport müsse man die Diversität und die sozialen Anliegen der Fans vertreten, ließ sich Vorstand Chase Carey zitieren. Aber „wir müssen auch mehr zuhören und verstehen, was getan werden muss“. Eine der interessanten Fragen der nächsten Wochen wird sein, ob und wie deutlich der Formel-1-Weltmeister seinem Sport zu verstehen gibt, dass sich an strukturellem Rassismus durch Aufkleber und Aktionswochenenden wenig ändert.

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