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Formel 1 : Wie ein Boot im Wirbelsturm

Erschrocken ob des Klassenunterschieds zu Brawn: Sebastian Vettel Bild: REUTERS

Vier Rennen vor Saisonende trennen Sebastian Vettel 26 Punkte von Jenson Button, dem Führenden der Formel-1-WM. Vettel hat nur rechnerische Chancen auf den großen Coup - und zwischen seinem Red Bull und Buttons Brawn ist ein Klassenunterschied zu sehen.

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          Er packte ein paar Schokoriegel und Getränke in eine gelbe Plastiktüte und machte sich dann auf den Weg nach Hause. Ein paar Fans im Fahrerlager schrieen noch seinen Namen und wollten Autogramme, doch Sebastian Vettel war nicht mehr zum Lachen zumute – aus der der Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft. Am Sonntag war im Autodromo di Monza die große Chance dahin, gleich sein erstes Jahr im Cockpit von Red Bull mit einem Titel zu krönen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es liegt nicht mehr in unserer Hand“, sagte Vettel drei Stunden nach dem Rennen traurig. Vier Rennen vor Saisonende trennen ihn 26 Punkte von Jenson Button, dem Führenden im Gesamtklassement. Vettel hat nur noch rechnerische Chancen auf den ganz großen Coup. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, sagte der Heppenheimer. Aber zu gewinnen? „Ich muss kompromisslos auf Sieg fahren und hoffen, dass die Dinge in meine Richtung laufen.“

          Diese Art von Zweckoptimismus war überall zu hören bei Red Bull. Auch Teamchef Christian Horner gab sich hoffnungsvoll: „Die Möglichkeiten sind noch immer da, aber natürlich sind sie geringer geworden.“ In Wirklichkeit war es ein Klassenunterschied, der am Sonntag zwischen den Brawn und Red Bull lag. Dort eine kluge Strategie und ein enormes Tempo im Rennen, da die falsche Reifenwahl am Start und ein Wagen, der so unruhig auf der Piste lag wie ein Boot im Wirbelsturm. „Jede einzelne Runde war unglaublich schwer“, sagte Vettel. Das Auto brach ständig aus. Vorne, hinten – es war unvorhersehbar.“ Als der Doppelsieg bei Brawn noch ausgelassen mit Champagner und lauter Musik gefeiert wurde, hockten die klugen Köpfe von Red Bull noch nachdenklich im Lagezentrum und analysierten die Situation. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase der WM haben die Ingenieure nicht die richtige Abstimmung gefunden.

          Unruhig auf der Piste: In Monza war der Red Bull nicht konkurrenzfähig

          Monza – das war der Ort von Vettels ersten Triumphes in der Formel 1. Im Regen hatte er dort im vergangenen Jahr in einem unterlegenen Toro Rosso überraschend vor den Augen des österreichischen Milliardärs und Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz gewonnen.

          Am liebsten wäre Red Bull gern Mercedes-Kunde

          Die entscheidenden Fehler im Hinblick auf die WM aber haben Fahrer und Team schon in den vergangenen Monaten gemacht. Vettel war zwar schnell aber nicht konstant fehlerfrei in seiner Leistung. Genau wie Red Bull. Fünf Mal blieb der Heppenheimer in dieser Saison ohne Punkte, Button sammelte lediglich in Spa-Francorchamps keine Zähler. Zudem arbeitet der Mercedes-Motor im Heck der Brawn zuverlässiger als der Renault im Red Bull. Auch, wenn Vettel das nicht wahrhaben will. „Wir haben da kein Problem“, sagte er. „Die Motoren sind alle so eng beieinander, dass es keine großen Unterschiede mehr gibt.“

          Das ist der offizielle Kommentar. Hinter den Kulissen werden längst Verhandlungen geführt. Red Bull würde am liebsten auf die Kundenliste von Mercedes rücken, aber es gibt offenbar Widerstand in den Reihen von McLaren. Dort möchte man es vermeiden, einen direkten Konkurrenten mit hervorragender Technik auszurüsten. Also suchen die Verantwortlichen von Red Bull nach Alternativen und sollen schon bei Ferrari angefragt haben.

          Wird die Chance auf den Titel noch einmal so groß?

          Vor allem Chefdesigner Adrian Newey wünscht sich Gewissheit, muss er doch bei der Konzeption des Autos für die kommende Saison auch die Abmessungen des neuen Triebwerkes kennen. „Adrian wird sich so lange gedulden, bis wir die beste Lösung für alle gefunden haben“, sagte Teamchef Horner.

          Noch ist nicht ganz klar, wann die Enttäuschung der Gegenwart zu Änderungen in naher Zukunft wird. Denn über allem schwebt eine entscheidende Frage: Ob die Chance auf den Titel noch einmal so groß werde wie in diesem Jahr? „Natürlich. Ich bin noch jung und habe Zeit“, sagte Vettel und machte sich auf und davon. Zurück in die Realität.

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