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Formel 1 : Wie die EU die Formel 1 auf Sparkurs zwingt

  • -Aktualisiert am

Steht trotz Werbeverbot unter Dampf des Sponsors: Fernando Alonso Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Rennställe in der Formel 1 müssen fortan auf Millionen Euro verzichten: Beim Großen Preis von Ungarn am Sonntag ist zum letzten Mal in Europa Tabakwerbung erlaubt.

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          Die Formel 1 muß billiger werden. Nachdem sich in den vergangenen zehn Jahren die Rennställe Jaguar (Ford), Arrows, Prost, Benetton, Stewart, Tyrrell, Lola, Forti, Ligier, Simtec und Pacific aufgelöst haben oder von großen Konzernen übernommen wurden, wird die Zahl der Anbeter der freien Marktwirtschaft in der Vollgasbranche immer geringer.

          Die Maßnahmen des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) erwiesen sich bis jetzt als nicht besonders zielführend. Vor allem die Versuche, über das technische Reglement einen dämpfenden Einfluß auf die Kosten zu gewinnen, empfinden die teilnehmenden Rennställe eher als Hohn. Da arbeitet die Europäische Union (EU), wenn auch unbeabsichtigt, effektiver. Die EU erzeugt bei den Teams einen Druck zum Sparen, seitdem sie 1998 ein Tabakwerbeverbot bei Sportveranstaltungen in ihren Mitgliedsstaaten verhängte. Dadurch tragen die Zigarettensponsoren immer weniger zu den Etats der Teams bei.

          Lange Rückzugsgefechte

          Die EU-Sparmaßnahme wirkte nicht sofort, da die meisten Länder sich gegen die Umsetzung des Gesetzes wehrten. Und noch immer steht Länder- über EU-Recht. Aber nach langen Rückzugsgefechten und zahllosen Ausnahmegenehmigungen tritt nun zum 1. August 2005 die Regelung in Kraft, daß bei Grand-Prix in einem EU-Staat nicht mehr für Tabakprodukte geworben werden darf.

          Beim Großen Preis von Ungarn an diesem Sonntag, dem 31. Juli, werden also zum letzten Mal in Europa die Ferrari-Monoposti vom Schriftzug Marlboro geziert, die Renault von Mild Seven, die BAR von Lucky Strike sowie die Jordan von Benson and Hedges. West verzichtet schon im Rennen auf die Werbung, der Vertrag mit McLaren-Mercedes endet am 29. Juli. Nach dem Training am Freitag werden die Werbelogos an den silbernen Rennwagen abgezogen. Es gibt sogar das Gerücht, daß auch die Zigarettenaufkleber der anderen Teams noch vor dem Rennsonntag abgenommen werden müssen. Das Tabakwerbeverbot soll entgegen der herrschenden Meinung schon am Rennsonntag gelten.

          Was ist verboten, was erlaubt?

          Was stimmt, was ist falsch? Was ist verboten, was erlaubt? Im Jahre währenden Streit über internationale und nationale Tabakwerbebestimmungen kommt selbst den Experten der Durchblick abhanden -- und das nicht nur in Europa. Als bestes Beispiel gilt der Große Preis von Brasilien 2003. Damals reisten zwei Teams mit Tabakwerbung auf den Boliden an und zwei ohne. Sie hatten die Gesetzestexte unterschiedlich interpretiert. Am Ende durften übrigens alle Reklame machen. Durch die Rechtslage(n) verunsichert, haben die Tabakkonzerne zuletzt immer zurückhaltender in die Formel 1 investiert. Im Rekordjahr 1999 pulverte die Zigarettenindustrie noch geschätzte 750 Millionen Euro in die Königsklasse, im Jahr 2005 sind es noch etwa 350 Millionen Euro. 2006 werden die Werbeposten aber nicht auf null heruntergefahren.

          Mild Seven, eine vor allem in Asien vertriebene Marke von Japan Tobacco, bleibt Renault als zahlender Partner erhalten. Zumindest in Asien, bei den Rennen in Bahrain, China und Japan dürfen die Aufkleber ans Auto. Dort könnte auch Imperial Tobacco seine Marke West in der Formel 1 promoten. Aber das ist für den englischen Konzern nicht von Interesse. Das die EU-Richtlinien übertreffende englische Gesetz verbietet es, selbst mit in Asien entstandenen Fernsehbildern in England für Tabakprodukte zu werben. Aus den gleichen Gründen steigt die englische Firma Gallaher mit den Marken Benson and Hedges und Sobranie bei Jordan aus. British American Tobacco, das bei BAR noch für Lucky Strike wirbt, besitzt gar Anteile am Rennstall. Der Konzern will sie an Honda verkaufen, nachdem die Formel 1 als Zigarettenwerbeplattform geschrumpft ist.

          Bekanntheitsgrad von 98 Prozent

          Der Konzern Philipp Morris zahlt überraschenderweise weiter für ein Marlboro-Sponsoring bei Ferrari, obwohl die Marke schon einen Bekanntheitsgrad von 98 Prozent hat und im Vergleich zu früher kaum noch Darstellungsformen für die Formel-1-Werbung vorfinden wird. Die imagefördernde Verbindung zu Michael Schumacher und das Kultteam Ferrari mögen Grund genug sein.

          Im allgemeinen gilt jedoch, daß die Millionen-Kürzungen der Zigarettensponsoren der Formel 1 fehlen werden. In der derzeitigen Lage der Weltwirtschaft steht vollwertiger Ersatz nicht bereit. McLaren verkündete zwar stolz, daß die Whiskey-Marke Johnny Walker als West-Nachfolger gefunden werden konnte. Weniger offensiv und frühzeitig wurde kommuniziert, daß der neue Sponsor nur einen Bruchteil der Summe des alten zahlt.

          Flavio Briatore, Teamdirektor von Renault, sagt zwar, der fast vollständige Ausstieg der Zigarettenindustrie habe keinen Einfluß auf die Formel 1: "Den Fans ist es doch egal, in welcher Farbe die Autos über die Strecke rasen." Doch das ist nur ein markiger Spruch. Im von den Automobilkonzernen initiierten Rüstungswettlauf können Teams ohne Tabakgelder kaum noch mithalten. Deshalb glauben viele in der Branche, daß diesmal wirklich eine Sparlösung herauskommt, wenn in den kommenden Wochen die FIA und die Rennställe sich über das künftige technische Reglement beraten.

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