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Formel-1-Weltmeister Schumacher : Phantasien statt Fakten

Michael Schumacher liegt im Koma - er kann keine täglichen News produzieren Bild: Getty Images

Im Lauf der vergangenen acht Wochen ist der verunglückte Formel-1-Fahrer in absurden Geschichten schon gestorben und auferstanden. Auch seriöse Medien halten das Schweigen nicht aus und phantasieren. Die Appelle der Familie werden ignoriert.

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          Michael Schumacher schweigt. Seit acht Wochen, seit seinem Sturz beim Skifahren in Méribel, ist er nicht ansprechbar. Das ist schrecklich, für ihn, für seine Frau, die ganze Familie. Aber die Medien lassen nicht locker. Sie halten das Schweigen nicht aus. Das Warten auf Nachrichten, die Verschwiegenheit der Ärzte, die Weigerung der Angehörigen, jeden Tag ein Bulletin zu veröffentlichen. „Wir werden sie informieren“, sagt Sabine Kehm, Schumachers Managerin, „wenn sich der Gesundheitszustand wesentlich verändert.“ Das kann lange dauern. Zu lange für den nervösen Nachrichtenmarkt, der jede Stunde etwas Neues verlangt. Koma-Patienten springen nicht aus dem Bett.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wie geht es also Schumacher? Niemand weiß das genau. Trotzdem gibt es immer noch fast jeden Tag Antworten, Einschätzungen, Prognosen und Diagnosen: von Experten, die dem Rheinländer nie begegnet sind, von Chirurgen, die nie an seinem Bett standen, von Neurologen, die kein einziges seiner Hirnscans in Händen hielten, von selbsternannten Freunden, die nie welche waren. Die Verzweiflung ist groß. Auf der beklemmenden Suche nach exklusiven Zeugen für den Überlebenskampf von Michael Schumacher werden Journalisten auf dem Gelände der Universitätsklinik von Grenoble fündig. Auch die Kioskbesitzerin weiß angeblich etwas.

          Am 3. Januar hat Schumacher Geburtstag. Es ist sein 45. Seit fünf Tagen liegt er im Koma. „Für Schumacher ist es sicherlich nicht der schönste“, schreibt „F1-Total-com“ am Morgen. Vor dem Krankenhaus haben sich Journalisten aus aller Welt versammelt. Geschickt, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen. Sie warten auf seinen Tod. Aber Schumacher stirbt nicht.

          Es gibt keine Neuigkeiten. Bis ein schwarzes Auto auf den Parkplatz fährt. Der Fahrer heißt Philippe Streiff, ein ehemaliger Formel-1-Pilot. Seit einem schweren Unfall 1989 sitzt der Franzose im Rollstuhl. Immer wieder tauchte er nach seinem Crash zu den Grand Prix im Fahrerlager der Formel 1 auf. Die Teams kennen ihn, die Fahrer, man begrüßt sich. In Grenoble scharen sich sofort Journalisten um Streiffs Auto. Er habe mit einem Arzt aus dem Schumacher-Tross gesprochen, sagt der 58-Jährige und erklärt: „Sein (Schumachers) Leben ist nicht mehr in Gefahr.“ Das ist die Nachricht des Tages.

          „Die Menschen hier mögen Schumi“

          Bei Sabine Kehm klingelt das Telefon ohne Unterlass. Alle sind sie dran: „ABC“, „NBC“, die „BBC“, die Deutschen, die Franzosen. Schumachers Schicksal interessiert die Menschen. Von Kerpen bis nach Schanghai. In China sitzt der Sportjournalist Li und freut sich. „Die Menschen hier mögen Schumi“, sagt Li immer. Er hat jahrelang über ihn berichtet. Die gute Nachricht wird in die Welt hinausposaunt. Die Klickzahlen der News-Anbieter im Netz steigen. Schumacher ist ein Quotenbringer in den neuen Medien, Schumacher ist ein internationaler Star, Schumacher ist in Not, nur eines ist er nicht an seinem Geburtstag: außer Lebensgefahr.

          Die Meldung ist falsch. Leider. Aber spielt das noch eine Rolle? In den Foren schreiben Fans über ihre wachsende Hoffnung. Sie schicken nicht nur Genesungswünsche und Pakete - bis heute. Sie verfolgen akribisch die Entwicklung, reagieren auf jeden Pulsschlag, manchen scheint das Herz zu hüpfen: „Die Gebete haben geholfen.“ Alles wird gut.

          Was wollen sie hören? Schumachers Managerin Sabine Kehm und die Journalisten
          Was wollen sie hören? Schumachers Managerin Sabine Kehm und die Journalisten : Bild: REUTERS

          Am nächsten Tag dementiert Philippe Streiff. Der Arzt, ein Vertrauter Schumachers, der sich in der Klinik aufhält, hat Streiff die Leviten gelesen. Sabine Kehm verschickt eines von bislang elf Statements. Manche sind ergänzt um die Bitte, sich zurückzuhalten mit Mutmaßungen, nur auf diese offiziellen Erklärungen zu vertrauen. Sie sind abgestimmt mit der Krankenhausleitung und den Doktoren. Schumachers Ehefrau Corinna wendet sich mit einem Appell an die Journalisten, Respekt zu zeigen, die Ärzte arbeiten zu lassen, die unerbittliche Belagerung der Lebensretter aufzugeben.

          Schon in den ersten Tagen versuchte ein Fotograf auf der Intensivstation im fünften Stock Fotos zu machen. Er hatte sich als Priester verkleidet. Auch andere Versuche, sich dem Schwerverletzten zu nähern, durch das Schlüsselloch einen Blick zu erhaschen auf den ohnmächtigen Menschen an den Maschinen, eine gruselige Momentaufnahme als spektakuläre Bildnachricht an die Welt zu verkaufen, scheitern. Das wirkt. Mit jedem Tag wachsen die Begierde und der Preis - für eine exklusive Nachricht.

          „Ich habe Schumacher gesehen“

          „Was zahlen Sie?“ Am vergangenen Dienstag fragt eine Frau Meier, wie sie sich nennt, in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach, per Telefon. Sie habe Informationen über Schumacher, seriöse Details: „Ich habe Schumacher gesehen. Er ist nicht mehr in Grenoble.“ Gegenfrage: Wo dann? „Das erfahren Sie, wenn wir uns einig werden.“ Wir werden uns nicht einig.

          Ein paar Minuten später lacht Sabine Kehm am Telefon kurz auf. So oft ist das nicht vorgekommen in den vergangenen acht Wochen. Sie hält sich in der Klinik von Grenoble auf, wo Schumacher liegt, immer noch, der hemmungslosen Frau Meier zum Trotz. „Die Geschichten“, sagte Sabine Kehm, „werden immer grotesker.“

          Im Skigebiet von Meribel verunglückte Schumacher
          Im Skigebiet von Meribel verunglückte Schumacher : Bild: AP

          Angefangen hat es mit einer infamen Phantasie. In der Online-Ausgabe der „Welt“ malte sich ein leitender Redakteur aus, wie der Rekord-Weltmeister Opfer seiner Risikobereitschaft wurde, beim Duell zwischen Vater und Sohn auf der Piste: „Natürlich kann es ein dummer Unfall gewesen sein. Wahrscheinlich aber ist etwas anders (sic). Ich stelle mir vor, wie Michael Schumacher und sein 14-Jähriger Sohn durch den Tiefschnee um die Wette wedeln.“

          308 Grand Prix hat Schumacher absolviert, unzählige Rennen im Kart und einige auf dem Motorrad. Das Risiko war groß. Nur nicht an diesem Sonntag Ende Dezember in dem für halbwegs geübte Skifahrer sehr einfachen Gelände. Dafür gibt es einen Beleg. Die Bilder von Schumachers Helmkamera. Der Staatsanwalt spricht von einem angepassten Tempo. Es war alles, unglücklich, überflüssig, grotesk, nur kein Rennen.

          „Ich konnte ihr nur meinen Brief geben“

          Auch Philippe Streiff ist phantasiebegabt. RTL hat ihn getroffen nach seinem Auftritt vor dem Krankenhaus in Grenoble. Streiff wird als Freund von Schumacher vorgestellt. Bereitwillig gibt er in seiner Wohnung in Paris Auskunft. Über sich, seinen fürchterlichen Unfall bei Testfahrten in Brasilien, über die Folgen und über seinen Besuch auf der fünften Etage, wo er Corinna Schumacher traf, wie er erzählt: „Als ich sie sah, war es kaum möglich, sie zu sprechen. Ich konnte ihr nur meinen Brief geben. Ich fühlte mich unwohl. Als sie meinen Rollstuhl betrachtete, hat sie wahrscheinlich gedacht, Michael könnte es genauso ergehen. Ich musste einfach weg.“

          Streiff, Mann, Freund, Brief, Rollstuhl? Laut Sabine Kehm weiß Corinna Schumacher nichts von einem Treffen auf der fünften Etage. Einen Brief habe sie nicht entgegengenommen. Sie kenne Streiff nicht mal. Der Franzose, den laut RTL eine „innige Freundschaft mit Schumacher“ verbindet, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen Eine Verbindung gibt es doch. Schumacher ist einmal bei einem Hallen-Kartrennen angetreten, das Streiff organisiert hat. Das war in den neunziger Jahren.

          Aus dem Auto heraus gibt der frühere Formel-1-Pilot Philippe Streiff ein Interview
          Aus dem Auto heraus gibt der frühere Formel-1-Pilot Philippe Streiff ein Interview : Bild: AP

          Es vergeht kaum ein Tag, an dem Kehm oder die Ärzte nicht unter Druck gesetzt werden, endlich etwas herauszulassen. Weil Schumacher eine Person des öffentlichen Interesses ist, mahnen Reporter einen Lieferservice an: Als hätten Journalisten ein Recht auf Bulletins und Patient sowie seine Familie keinen Anspruch auf die Privatsphäre. Sabine Kehm soll sich rechtfertigen.

          Weil sie die Meldung der französischen Sportzeitung „L’Equipe“, bei Schumacher seien die Narkotika abgesetzt worden, als „Spekulation“ bezeichnet hat. Einen Tag später bestätigt sie die Einleitung der Aufwachphase. Warum so spät? „Weil man nie weiß, ob es kurz nach der Einleitung zu Komplikationen kommt und man den Prozess wieder abbrechen muss. Wir wollten ein paar Tage abwarten.“

          „Die Ärzte beschönigen seinen Zustand“

          Der Ton wird rauher. Gleichzeitig führt die Suche nach Quellen immer weiter weg von der Intensivstation. Im Dunstkreis des Krankenhauses entdeckt „Focus online“ Anne Beneich. Zu ihr kommen mittags auch Ärzte, man plauscht. Sie ist sozusagen die Klatschzentrale der Krankenhaus-Gesellschaft, der Umschlagplatz von Nachrichten, die man beim Smalltalk erfährt. „Es geht Michael Schumacher schlecht. Die Ärzte beschönigen seinen Zustand in der Öffentlichkeit.“ So wird Frau Beneich zitiert. Sie ist keine Medizinerin, sie steht im Kiosk. Der prominente Patient sei ein ökonomischer Glücksfall gewesen, wenn auch nur kurzfristig.

          Es ist nicht nur für die Familie ein Segen, dass Schumacher kämpft. In der Schwebe zwischen Leben und Tod lässt sich etwas verdienen. Das Magazin „Paris Match“ hat einen Paparazzo geschickt, der sich ohne Umstände als Jäger vorstellt. Er lauert, schießt und trifft. Einmal nicht aufgepasst. Das Foto von Corinna ist im Kasten.

          Die Medien berichten, auch wenn es gar nichts zu berichten gibt
          Die Medien berichten, auch wenn es gar nichts zu berichten gibt : Bild: AFP

          In der Cover-Geschichte steht nichts, was man nicht schon über das Ehepaar erfahren hat. Auch „Paris Match“ weiß nicht, wie es Schumacher geht. Aber „Focus online“. Kurz nach Schumachers Unfall richtete der Verlag eine ständige Verbindung ein: den News-Ticker, einen ununterbrochenen Pulsfühler, der bei jeder Spekulation hektisch ausschlägt. Am Sonntag vor einer Woche erschreckt er die Schumacher-Gemeinde: Aufwachphase abgebrochen!

          Das ist ein Stichwort für den ehemaligen Formel-1-Arzt Gary Hartstein. Anfang Januar verurteilte er die Prognosen aus der Distanz. In diesen Tagen erklärt er auf seiner Homepage „Former F1-Doc writes“, wie es Schumacher geht. Hartstein war nie im Krankenhaus. Er interpretiert die neueste Spekulation und das Schweigen in Grenoble: „Nicht gut, überhaupt nicht gut.“ „Behandlungen eingestellt?“, fragt die österreichische Website „Format.at“.

          Experte berichtet von zwei Gehirnschlägen

          Und lässt den gut zitierten Hartstein zu Wort kommen: „Wenn Michael nicht selbständig atmen sollte und - wie wir nur annehmen können - auch keine Anzeichen einer Interaktion mit seiner Umwelt zeigt und wenn gleichzeitig medizinische Aufnahmen und Untersuchungen vorliegen, die eine irreversible Schädigung des Stammhirns anzeigen, dann werden die Ärzte mit der Familie sprechen, ob sie die Behandlung einstellen sollen. (...) Es ist möglich, dass dieses Gespräch bereits stattgefunden hat.“

          Zu diesem Zeitpunkt hat sich „Focus online“ längst widersprochen: „Michael Schumacher“, so wird Frau Kehm am vergangenen Montag im News-Ticker zitiert, „befindet sich weiterhin in der Aufwachphase.“ Sie hatte nie bestätigt, dass abgebrochen worden sei.

          Zum 45. Geburtstag gibt es eine Lichtprojektion an die Außenfassade
          Zum 45. Geburtstag gibt es eine Lichtprojektion an die Außenfassade : Bild: REUTERS

          Die Falschmeldung wäre leicht vermeidbar gewesen; mit einem Verzicht ohne Bestätigung. So wie die Aufregung, als die „Bild“-Zeitung alarmierte: Schumachers Leben hänge wegen einer Lungenentzündung wieder am seidenen Faden. Tags darauf räumte auch der Branchenführer des Boulevards im nächsten Beitrag - weiter hinten - ein, dass diese Komplikation schon längst überwunden sei.

          Im Lauf der vergangenen acht Wochen ist Schumacher in phantastischen Geschichten schon gestorben und auferstanden. Das Krankenhaus dementierte am 6. Februar seinen Tod, ein Twitter-Experte berichtete von zwei Gehirnschlägen, in einer anderen Nachricht war vom erwachten und sprechenden Rheinländer die Rede. Das konnte man alles lesen - an einem Tag.

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