https://www.faz.net/-gtl-sgs6

Formel 1 : Weiterfahren oder zur Ruhe setzen? Schumacher wartet ab

  • -Aktualisiert am

Neue Erfahrung: Schumacher läßt sich Zeit Bild: AP

Michael Schumacher wird der Letzte sein. Wenn schon alle Piloten einen Platz im Cockpit für die Saison 2007 haben, wird er über ein weiteres Jahr in der Formel 1 entscheiden. Schlüssel zu Schumachers Entscheidung ist Jean Todt.

          3 Min.

          Warten auf Schumacher. Das ist ungewöhnlich. Fünfzehn Jahre schon gibt er das Tempo vor, kaum einen Formel-1-Rekord hat er nicht gebrochen. Schumacher war bislang 86 Mal der Erste, sieben Mal der Beste eines ganzen Jahrgangs. Er ist das Jahrhunderttalent im Zeitspargeschäft, der unbestrittene Meister der ultraschnellen, richtigen Entscheidungen. Nur so kommt man vor den anderen ins Ziel. Und nun soll er der Letzte sein?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Erst nach dem letzten der 18 Grands Prix am 22. Oktober in Brasilien, wenn alle Topfahrer längst ein Cockpit gewählt haben, will er sich festlegen, ob sich die Formel 1 mit ihm weiterdreht oder nicht. Überraschung? Nicht nur das. Im Gegensatz zur Aufregung um die Antwort auf die Torwart-Frage in Deutschland ist die Lösung der F-Frage - Fährt er oder läßt er Ferrari fahren? - auch von gewisser existentieller Bedeutung. Ohne den Formel-1-Piloten Schumacher werden die Einschaltquoten deutscher Formel-1-Sender und der Kartenverkauf für die Grands Prix in der Heimat dramatisch sinken. Nun zittert man am Nürburgring und in Hockenheim. Schumachers freiwilliger Ausstieg würde andere ins Schleudern bringen.

          Räikkönen sitzt 2007 im Ferrari

          Ferrari hat seinem Chefpiloten die Bedenkzeit unaufgefordert verlängert. Generaldirektor Jean Todt machte den Vorschlag, zur Verblüffung von Feind und Freund. Hatte Schumachers Manager Willi Weber nicht noch vor wenigen Tagen am Nürburgring die Entscheidung für Ende Juli angekündigt? Hoffte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo nicht auf eine Zusage bis Ende Juni? "Es bringt nicht viel, wenn man den Hintergrund erörtert", sagte Schumacher und versuchte, die Welle, die er am Donnerstag mit einer beiläufigen Formulierung im Fahrerlager des Circuit de Catalunya losgetreten hatte, zu stoppen: "Weitere Spekulationen machen keinen Sinn." Vielleicht doch.

          „Feuerwehrmann” bei Ferrari: Jean Todt

          Denn wenn der Stratege Todt, der Architekt des Ferrari-Erfolges, dem erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Geschichte alle Zeit der Welt läßt, dann muß er abgesichert sein. Seit Donnerstag nachmittag steht fest, daß Kimi Räikkönen 2007 im Ferrari sitzt. Ohne diese Sicherheit würde Todt nicht auf Schumacher warten können.

          Schumacher ohne Selbstzweifel

          Sicher ist nun auch, daß Schumacher sich nicht sicher ist. Trotz der Rückkehr von Ferrari in die Spitze der Formel 1, obwohl seine im Januar formulierte Bedingung erfüllt ist. Der Rheinländer wollte ein "siegfähiges Auto". Es ist da. Mit dem F 248 hat er die vergangenen beiden Grands Prix gewonnen. Da Schumacher nach wie vor keine Selbstzweifel plagen, bleibt kaum Spielraum für die Spekulationsvarianten.

          Braucht er wirklich ein halbes Jahr, um die Entwicklungsschritte seines Teams, die Vorbereitung für 2007 einschätzen zu können? Mehr Einblick als der Chefpilot, der sich wie kein anderer Fahrer um den Fortschritt seines Boliden kümmert, seit zehn Jahren tief im Ferrari-Getriebe steckt, genießt wohl keiner seiner Kollegen. Schumacher weiß, daß Ferrari zwar nicht gerade den modernsten Windkanal besitzt, aber alle technischen Hilfsmittel und vor allem eine eigene Teststrecke. Das reicht auch in Zukunft, um glänzend über die Runden zu kommen. Selbst die Finanzierung ist nach Angaben von Todt langfristig gesichert: "Wir werden bis 2012 jedes Jahr mehr Geld haben als 2005", hatte er der F.A.Z. im Dezember erklärt. An gescheiten Menschen fehlt es auch nicht. Die Fluktuation in Maranello ist gering, die Anziehungskraft groß. Zuletzt kehrte ein Aerodynamik-Experte von McLaren zurück zu Ferrari. Räikkönen wird in einem Top-Team fahren.

          Todt formte die Scuderia zu einer Mannschaft

          Ob Schumacher gegen den Finnen antritt, hängt vermutlich von den Plänen der zentralen Person im Führungszirkel ab. Jean Todt ist der Schlüssel. So unterschiedlich sie wirken, so eng sind der Patron und sein Ziehsohn verwandt: manische Arbeiter für den Erfolg, hochkonzentriert, kompromißlos. Todt schuf Schumacher die Plattform und schmierte das komplizierte Räderwerk. "Er ist der Feuerwehrmann", sagt Schumacher über seinen Freund im Geiste: "In so einem großen Team gibt es immer wieder Baustellen und kleine Feuerchen. Er hat es perfekt verstanden, sie zu löschen." Todt formte die Scuderia zu einer funktionierenden Mannschaft. Und deshalb trauen selbst frankophile Beobachter Ferrari und Schumacher im Zweikampf mit Renault/Fernando Alonso einen längeren Atem zu.

          Wenn beide Rennställe, wie vor dem Großen Preis von Spanien an diesem Sonntag, auf einem (technischen) Niveau kreisen, dann entscheidet auf Dauer das harmonischere System. Todts Gegenspieler bei Renault, Flavio Briatore, besitzt nicht die integrative Kraft des Franzosen. Briatore mag lediglich mit seiner aufgesetzten Playboy-Attitüde mehr Wind im Fahrerlager entfachen als die personifizierte Spaßbremse Todt, der sich lieber an moderner Kunst und seiner Füllfederhalter-Sammlung erfreut.

          Briatore wird der Formel 1 erhalten bleiben. Jean Todt dagegen denkt schon länger an seinen Abschied. Er ist 60 Jahre alt, schwer verliebt in eine etwa zwanzig Jahre jüngere Freundin. Sein Vertrag mit Ferrari läuft Ende des Jahres aus. "Jean betreibt einen unglaublichen Aufwand", erzählte Schumacher in Barcelona, "im Privatleben muß er sehr kurztreten." Als Schumacher das sagte, schien er etwas traurig. Vielleicht dämpfte ihn nur die Folge einer verschleppten Grippe. Oder aber der Gedanke, daß etwas zu Ende geht. Ferrari ohne Steuermann Todt weiter auf Kurs? Schwer vorstellbar. Schumacher wartet ab.

          Weitere Themen

          Draghi und die Deutschen

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Pinguine auf ganz dünnem Eis

          Eishockey in Krefeld : Pinguine auf ganz dünnem Eis

          Sportlich läuft es nicht beim Tabellenletzten der Deutschen Eishockey Liga. Und über die Krefelder Finanzen verbreiten Geschäftsführer Roos und Gesellschafter Ponomarew unterschiedliche Versionen.

          Topmeldungen

          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

          Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.