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Formel 1 : Vettels Spaß bei der Höllenfahrt

  • -Aktualisiert am

Driften und Lachen: „Du hast einfach gebetet, dass irgendwann die Reifen wieder haften”, sagte Vettel nach dem Rennen Bild: dpa

Während die meisten Kollegen froh waren, ihre Formel-1-Boliden durch die Flut von Schanghai ins Ziel gebracht zu haben, genoss der Deutsche die Bedingungen. Derweil diskutieren die Fahrer über den Nutzen von fliegenden Starts hinter dem Safety Car.

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          Als Sebastian Vettel in Schanghai auf das Siegerpodest trat, da hatte man das Gefühl, alles schon einmal erlebt zu haben. Sein zweiter Grand-Prix-Sieg war eine Kopie seines ersten, vor 224 Tagen in Monza. Wieder regnete es vom Start bis ins Ziel. Wieder stand Vettel auf der Pole Position. Wieder startete das Feld hinter dem Safety Car. Wieder profitierte der 21-jährige Regenspezialist von der freien Sicht an der Spitze des Feldes, und wieder verwaltete er die Führung unter extremen Bedingungen ohne einen Fehler (siehe: Großer Preis von China: Vettel im Regen wieder eine Klasse für sich). Ein Michael Schumacher hätte es nicht besser gekonnt.

          Es ist die Leichtigkeit, mit der Vettel den 117-minütigen Ritt auf Messers Schneide bewältigte, die beeindruckt. Seine Kollegen waren froh, ihre Autos heil ins Ziel gebracht zu haben (siehe: Formel-1-Pressestimmen: Vettel wie. . . Senna, Stewart oder Lauda?). Vettel genoss die Gratwanderung. „Es liefen kleine Bäche über die Fahrbahn. Mal waren sie da, mal nicht. Wenn dich so ein Bach überrascht hat, kam das Auto quer, und du hast einfach gebetet, dass irgendwann die Reifen wieder haften“, sagte der Hesse und lachte.

          Die Meisterleistung begann im Training

          Toro-Rosso-Pilot Sebastien Buemi konnte Aquaplaning bei 250 Kilometer pro Stunde keinen Reiz abgewinnen. „Dort, wo Sutil abgeflogen ist, musste ich mindestens 20 Mal voll gegenlenken. Das ist eigentlich gar keine Kurve, aber bei dem vielen Wasser wurde selbst diese Passage zur Herausforderung.“ Vettels Vorgänger David Coulthard, jetzt in Diensten des englischen Fernsehsenders BBC, staunte: „Sebastian scheint das auch noch Spaß zu machen. Andere sind froh, wenn sie so eine Höllenfahrt ohne einen Kratzer überstehen.“ Der Grand-Prix-Sieger (13 Mal) ist froh, dass er seinen Arbeitsplatz bei Red Bull (siehe: Red Bull: Triumph am heißgeliebten Reißbrett) einem Jüngeren überlassen hat. „Vettels Fahrt zeigt mir, dass ich zum richtigen Zeitpunkt aufgehört habe. Man muss als Rennfahrer seine Grenzen kennen. Sebastian hat sie mir heute klargemacht.“

          Sinn oder Unsinn? Der Start hinter dem Safety Car

          Auch Mark Webber neidete dem Teamkollegen nicht den Erfolg, obwohl er selbst nun bereits 124 Rennen auf den ganz großen Moment wartet. Der Australier verlor das Rennen im Training. Die Pole Position erwies sich für Vettel bei den „Blindflugverhältnissen“ von Schanghai als Privileg. Kaum hatte auch Webber freie Sicht, fuhr er so schnell wie Vettel. „Sebastian hat sich den Vorteil der freien Strecke ehrlich verdient“, sagte Webber, „seine Trainingsbestzeit war eine Meisterleistung.“ (siehe: Großer Preis von China: Vettel auf der Pole Position) Teamchef Christian Horner pflichtete bei. „Sebastian hatte wegen unserer Probleme mit den Antriebswellen in den K.-o.-Runden der Qualifikation immer nur einen Schuss frei. Und das mit einem Auto, das er in dieser Konfiguration kaum kannte.“

          „Im Verkehr war es schrecklich“

          Die 56 Runden von Schanghai hinterließen ihre Spuren in den Gesichtern der Piloten. An der Grenze des Vertretbaren sei es gewesen, urteilte Fahrersprecher Webber. Fast zwei Stunden lang kämpften die Piloten mit Dauerregen, Aquaplaning und schlechter Sicht. „Es war unheimlich anstrengend für den Kopf“, resümierte Formel-1-Neuling Buemi, der mit einem WM-Punkt ein Ausrufezeichen setzte.

          Auch in den Augen von Timo Glock konnte man die vielen Schrecksekunden ablesen, die so eine Wasserschlacht produziert. Der Toyota-Pilot war aus den Boxen als Zwanzigster gestartet und als Siebter ins Ziel gekommen, mit Rundenzeiten, die Kollegen vor ihm nicht zustande brachten: „Ich habe absolut null gesehen. Im Verkehr war es schrecklich. Immer wieder wurde ich von Pfützen überrascht, die vorher nicht da waren. So kam es auch zu meiner Kollision mit Heidfeld.“ Jenson Button, der Sieger der ersten beiden Grands Prix des Jahres, wunderte sich: „Normalerweise orientiert man sich in so einer Wasserwand an den Fahrspuren des Vordermannes oder den blinkenden Rücklichtern. Nicht einmal die waren zu erkennen.“

          Pfeifkonzert der Zuschauer

          Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass Formel-1-Rennen im Regen hinter dem Safety Car gestartet werden. So wird in den ersten Runden stehendes Wasser verdrängt und danach das Feld geordnet auf die Reise geschickt. Die Zuschauer quittierten die ersten acht Runden im Bummeltempo mit einem Pfeifkonzert. Auch die Fahrer sind sich uneinig. Fernando Alonso funkte in den ersten Runden an seine Box, dass es besser wäre, das Rennen jetzt freizugeben. „Wenn wir schneller fahren, verdrängen wir mehr Wasser.“

          Auch Glock war sich nicht sicher, ob die Rennfreigabe hinter dem Safety Car so viel mehr Sicherheit bietet als ein Start aus dem Stand. „Wir fahren mit höherem Tempo los, weil wir schon rollen, und wir sind alle hintereinander aufgereiht. Bei einem normalen Start stehen wir versetzt.“ Vettel fürchtet: „Für die Fahrer in den ersten Startreihen ist ein stehender Start im Regen kein Problem. Aber die weiter hinten sehen in der Gischt nicht mal mehr, wo die erste Kurve losgeht.“

          „Gut, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben“

          Button begann seine Formel-1-Karriere zu einer Zeit, als es die Praxis mit dem Safety Car in den ersten Runden eines Regenrennens noch nicht gab. Der Engländer musste lange überlegen, warum die modernen Formel-1-Autos auf nasser Fahrbahn so wenig verzeihen. „Die Sicht war auch schon vor acht Jahren schlecht. Formel-1-Autos haben immer viel Gischt produziert. Der größte Unterschied, den ich feststelle, sind die Regenreifen. Sie kommen heute schlechter auf Temperatur als früher. Dann fehlt dir im Nassen der Grip.“

          Webber will sich auf Diskussionen, ob ein Start hinter dem Schrittmacherfahrzeug noch etwas mit Rennsport zu tun hat, nicht einlassen. „Es ist gut, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. In Spa 1998 sind 13 Autos nach dem Start wegen schlechter Sicht kollidiert. Zum Glück haben wir aus diesen Fehlern gelernt. Es ist nicht notwendig, nur um des Spektakel willen so viel zu riskieren.“

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