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Formel 1 : Im Kampf ums Ganze

Das kann ja heiter werden: Sebastian Vettel am Donnerstag in Melbourne Bild: dpa

Red Bull und Sebastian Vettel gehen stark geschwächt in die neue Saison. Für den Weltmeister bedeutet das auch eine große Chance: Er kann zeigen, dass er nicht nur dank des besten Autos erfolgreich sein kann.

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          Von hinten sieht er beinahe aus wie ein Schuljunge: blauer Rucksack, kurze Jeans, Sneakers, dazu die Sonnenbrille im blonden Haar – so kommt Sebastian Vettel am Donnerstagmittag in den Albert Park von Melbourne. Gegenüber dem Fahrerlager steht eine kleine Tribüne, rund einhundert Fans warten dort seit Stunden auf ihre Helden. „Sebastian!“, rufen sie, und Vettel kommt. Er schreibt Autogramme, lächelt für die Fotos und zuckt entschuldigend mit den Schultern, als ihn ein Mitarbeiter seines Red-Bull-Teams nach fünf Minuten daran erinnert, dass es noch viel zu tun gibt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So viel wie seit Jahren nicht mehr. Denn erstmals seit 2010 geht Vettel nicht als Favorit in eine Saison. Zu anfällig ist sein Rennwagen, für den er sich gemeinsam mit seinen Mechanikern den Namen „Suzie“ ausgedacht hat. Schnell soll der Red Bull mit der Typennummer RB10 sein, aber es ist fraglich, ob Vettel mit dem Renault-Motor im Heck beim Großen Preis von Australien an diesem Sonntag (Start: 7 Uhr MEZ) über die Runden kommt. „Wir sind sicher in keiner guten Position in Melbourne“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. „Aber die WM wird eine andere Geschichte sein.“

          Eine neue Epoche

          Die Formel 1 steht vor einer neuen Epoche. Der Sound der Motoren ist ein anderer, die Optik der Rennwagen ist es ebenfalls, und die meisten Experten gehen davon aus, dass mit dem neuen technischen Reglement auch die Hierarchie der Szene auf den Kopf gestellt wird. Die Verantwortlichen des Internationalen Automobil-Verbandes haben schließlich alles unternommen, damit es eine Dominanz von Vettel und Red Bull wie zuletzt nicht mehr gibt: „Wenn man, so wie wir, Dinge nicht nur durch die Red-Bull-Brille sieht, sind die Beweggründe nachvollziehbar“, sagte Red-Bull-Gründer und -Teambesitzer Dietrich Mateschitz dieser Zeitung.

          Alle Termine und Startzeiten der Formel-1-Saison 2014

          „Das Team und die Fahrer werden die Herausforderung annehmen. Spannender wird es sowohl für uns als auch für alle Formel-1-Fans auf jeden Fall wieder sein.“ Der viermalige Weltmeister Vettel muss sich aufs Neue beweisen, und wenn nicht alle bisherigen Eindrücke von den Testfahrten täuschen, dann wird er härter kämpfen müssen als jemals zuvor. Die kommenden Monate sind eine weitere Prüfung für ihn. Und sie bieten ihm zugleich eine Chance: Vettel kann seinen Kritikern zeigen, dass er nicht nur wegen, sondern auch trotz seines Wagens erfolgreich sein kann.

          Vettel hasst das Verlieren

          Oder? „Die vergangenen Jahre waren ja wie ein Spaziergang im Park“, sagt er, „die Arbeit geht erst jetzt los.“ Es sind Worte voll beißender Ironie. Vettel mag das Gerede von der Überlegenheit Red Bulls nicht, er will nicht hören, dass nicht sein Talent, sondern das Material in all den Jahren den Unterschied gemacht haben soll. „Jedes Jahr geht von vorne los, und es gibt niemals eine Garantie dafür, dass es so gut läuft wie zuvor“, sagt Vettel. „Für uns ist diese Situation deshalb kein Schock, auch wenn es für manche Leute eine Überraschung sein mag.“ Doch wie wird Vettel reagieren, wenn er nach einem Rennen auf einmal wieder einem anderen gratulieren muss?

          Zum bis dato letzten Mal stand der Deutsche im Juli des vergangenen Jahres nicht ganz oben auf dem Podium. „Alles, was man wirklich gerne macht, macht man gut – Sebastian liebt das Rennfahren genauso wie das Gewinnen“, sagt Mateschitz. Und Vettel hasst das Verlieren. Kaum einer im Fahrerlager ist so besessen vom Erfolg wie er, sitzt mit seinen Ingenieuren oft bis weit in die Nacht zusammen und sucht nach Möglichkeiten, seinen Rennwagen zu verbessern.

          „Ich fahre hier raus und gehe aufs Ganze“

          Das Auto, das Red Bull nach Australien gebracht hat, entspricht nur noch äußerlich jenem Modell, das bei den Testfahrten in Jerez und Bahrein unterwegs war. Und weder Vettel noch seine Gegner wissen, wozu die neueste Version aus der Feder von Stardesigner Adrian Newey fähig ist.

          Donnerstagvormittag in einem Restaurant am Strand von St. Kilda in Melbourne: Nico Rosberg und Lewis Hamilton sitzen auf Barhockern, durch das Fenster hinter ihnen ist der Ozean zu sehen, wie er in der Sonne glänzt, über den beiden flimmert ein Imagefilm von Mercedes auf dem Fernseher. „Beat the Bulls“, sagt Hamilton darin und schaut, als meine er es ernst. Die Bullen besiegen – um nichts anderes geht es ihnen in diesem Jahr.

          Kein Team ist in der Vorbereitung so viele Kilometer gefahren wie Mercedes, keines hatte derart wenige Probleme und war trotzdem so schnell. Red-Bull-Teamchef Horner fürchtet schon Schlimmes und sagt: „Vielleicht gewinnen sie hier an diesem Wochenende mit zwei Runden Vorsprung.“ Alles nur Gerede, alles nur Psychospielchen?

          58 Runden, insgesamt rund 308 Kilometer, dauert der Grand Prix in Melbourne, und noch weiß niemand der Verantwortlichen, ob die neuen Sechs-Zylinder-Antriebseinheiten inklusive Turbo und Hybrideinheit der Dauerbelastung standhalten werden. Fünf Rennen hat Mercedes während der Testfahrten simuliert, nur zwei Mal hätten sie den Grand Prix auch beendet. Red Bull hat einen solchen Dauerlauf erst gar nicht versucht. Wie viele der 22 Fahrer ins Ziel kommen werden?

          „Fünfzehn“, sagt Hamilton. „Zwölf“, vermutet Vettel. Trotzdem will er während des Rennens keine Rücksicht nehmen auf mögliche technische Probleme seines Red Bull. „Ich fahre hier raus und gehe aufs Ganze“, sagt er. „Dann sehen wir, wo wir damit stehen und wie weit wir kommen können.“ Einfach nur ankommen und auf die Fehler der anderen hoffen? Das wäre nicht sein Stil.

          Ihre Fragen zur Formel-1-Saison können Sie von 12 Uhr an im  Livechat mit unserem Redakteur Michael Wittershagen stellen.

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