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Formel 1 : Verschlossen wie eine Dose

  • -Aktualisiert am

Genug gescherzt: Vettel in Sepang (l. Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko) Bild: dpa

Die Kunst des Kopierens hat Grenzen. Deshalb sieht sich Red Bull von den Protesten der Konkurrenz verfolgt, doch Sebastian Vettel reagiert nur noch mit Scherzen und mit Schweigen.

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          Alles schon gelaufen – fast. Das verkündete Niki Lauda, das wendigste Orakel der Formel 1, nach der Premiere des Jahres in Melbourne deutschen Fernsehzuschauern. Als könnten nun alle abschalten und dem Landsmann Sebastian Vettel nach dem ersten von 19 Grand Prix schon zum zweiten Titel gratulieren. Im Fahrerlager hört man über die Prophezeiung hinweg und kreist mit zunehmender Geschwindigkeit um die zentrale Frage: Wer kann den 23 Jahre alten Hessen stoppen? Mark Webber wäre der Erste – er sitzt im gleichen Auto. Er mag das Thema nicht besonders. Zu Vettel soll man ihn, bitte schön, nicht mehr fragen. Nach seinem Zeitverlust in Melbourne beim Qualifikationstraining (+0,8 Sekunden) und im Rennen (Fünfter) gegenüber dem jungen Deutschen schon gar nicht. Genervt drängte Webber am Donnerstag auf den Blick nach vorne, auf das Rennen an diesem Sonntag: „Lasst uns über Malaysia reden.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Red Bull ist also endgültig angekommen im Formel-1-Zirkel. Wenig ist geblieben vom Postulat der freien Rede, von der Ankündigung beim Einstieg 2005, das Fahrerlager mit Offenheit, Lässigkeit und Lebensfreude zu überfahren. Überholt haben sie alle. Aber dabei blieb wohl die erfrischende Aufmüpfigkeit Webbers auf der Strecke. Jetzt präsentiert sich die ehemalige Spaßabteilung des Getränkekonzerns als neues McLaren. Zwar immer noch bunt, aber verschlossen wie eine Dose. Vettel scherzt nur in der Öffentlichkeit, wenn es um das in Melbourne ausgebaute Energie-Rückgewinnungs-System (Kers) geht. Obwohl ihm 82 PS für 6,7 Sekunden pro Runde fehlten. Freiwillig spricht er im Dienst vor allem über die Tücken des Schafscherens, Webber nur noch fröhlich über die Sektorzeiten beim Triathlon. Was ihn in Melbourne über eine Runde so lähmte? Gemurmel. Das Fachblatt „Auto Motor und Sport“ schreibt von einem beschädigten Unterboden. Webber räumte Abstimmungsfehler ein. Es lag also mehr am Menschen als an der Maschine.

          Die Formel 1 ist merkwürdig. Sie lobt den Rennwagen von Red Bull in den höchsten Tönen, sie versucht, sich (vergeblich) ihm zu nähern, sie kopiert ihn. Und dann wird darauf rumgetrampelt wie weiland Bernie Ecclestone. Der Chefmanager ereiferte sich einst über einen angeblich illegalen Frontflügel von McLaren. Weil das Team nichts ändern wollte, schritt der kleine Brite persönlich ein. Mit einem beherzten Sprung auf den Spoiler. Thema erledigt. In der Schrott-Presse sähe McLaren den Red-Bull-Flügel gerne. Aber der Internationalen Automobil-Verband hat nun schon zweimal nachgemessen, daran gezerrt und gezogen, ihn sogar durchgeschnitten. Das Resultat: regelkonform.

          Immerhin noch bunt: Vettel und Red Bull sind schnell, aber verschlossen

          Vettel langweilte die verbale Attacke in den vergangenen Tagen: „Ich habe seit Melbourne nicht viel gelesen, aber als ich darüber stolperte, schaute ich in den Kalender, denn ich dachte, wir hätten wieder 2010.“ Der Vorwurf, Red Bulls Frontflügel biege sich während der Fahrt fast auf den Boden, überspannt inzwischen fast ein Jahr. Und doch ist das Thema hochaktuell. Weil niemand trotz aufwendiger Kopierwerkzeuge den Bogen ganz heraus hat. Im Stillstand beweist das Bauteil die geforderte Steifheit. Während der Fahrt soll es sich erst nach hinten biegen und dann die Flexibilität nach unten zulassen.

          Der so erzeugte Abtrieb ist die erste und entscheidende Quelle für die aerodynamische Qualität des Boliden. Eine Sekunde sei die Konstruktion pro Runde wert, behauptete McLarens Star Lewis Hamilton, bevor er am Freitag zusammen mit seinem Teamkollegen Jenson Button dem Tagesschnellsten Webber beim Training im Nacken saß. McLaren auf dem Sprung? Erst am Sonntag und eine Woche später in Schanghai wird sich zeigen, ob Red Bull auch im Grand Prix über gut 300 Kilometer so dominant ist wie angedeutet.

          „Ich habe das Seepferdchen“

          „Zweifellos ist ihnen ein guter Wurf gelungen, das beste Auto“, sagt Michael Schumacher. Der Rheinländer weiß, dass trotz einer augenscheinlich haushohen Überlegenheit nicht immer alles rund läuft. 2004 gewann er zwölf der ersten dreizehn Grand Prix im Ferrari. Und doch hing mancher Triumph am seidenen Faden, wie Teammitglieder später berichteten. Die Verschwiegenheit hatte ihren Grund. Offen eingeräumte Schwächen bieten Angriffspunkte wie freigelegte Zielscheiben.

          Könnte Red Bull vielleicht unter Hitzewallungen in seinem engen Kleid leiden? Kers wurde in Melbourne ausgebaut, so „Auto Motor und Sport“, weil sich das System wegen einer drohenden Überhitzung der Batterien ausschaltete. Das Aus- und Einschalten führte – ähnlich wie bei Mercedes – zu lästigen Balance-Problemen beim Bremsen. „Mit Kers kann man später bremsen“, sagt Nico Hülkenberg, am Freitag Testfahrer im Force India, „wenn man weiß, dass es funktioniert.“ In Melbourne konnte Red Bull auf Kers beim 200-Meter-Sprint bis zur ersten Kurve verzichten, in Sepang scheint der Einsatz auf dem 450 Meter langen Weg unverzichtbar.

          Red Bull sagt nichts dazu. Auch nicht zu der Vermutung, der Tank sei zum Wohl der aerodynamischen Form recht knapp bemessen und das Auto erst bei sich leerendem Tank eine Rakete. Was das bedeutet? Die Konkurrenz muss gleich am Anfang mächtig Druck machen, um den Ausreißer einfangen zu können. Es sei denn, der in Sepang übliche Nachmittagsregen hilft. Dann sinken die Temperaturen und beim langsameren Tempo der Benzinverbrauch, die Qualität des Autos aber bleibt. Die Abtriebskräfte werden den Red Bull nicht untergehen lassen. Auch Vettel ist gerüstet: „Ich habe das Seepferdchen.“

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