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Formel 1 : Vernunft hat Vorfahrt bei Ferrari

Ferrari will zurück in die Erfolgsspur - darf es aber nicht um jeden Preis Bild: dpa

Für Ferrari war die erste Hälfte der Saison 2011 so schlecht wie das erste Halbjahr für Italien. Bei der Scuderia herrscht eine neue Kultur: Leistung zählt nur, wenn sie nicht zu teuer ist. Teamchef Domenicali weiß: Die Umstellung ist schwer.

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          Acht Rennen, kein Sieg. Die Formel-1-Saison hatte den Frühling schon hinter sich und nahm Kurs auf den Sommer. Noch immer bewegte sich Ferraris Bolide mit dem Kürzel 150°Italia in einem Tempo über die Grand-Prix-Kurse, als sei er Sinnbild all der Dinge, die nicht laufen im Staat. Kein Schwung, keine Dynamik. Italienische Tristesse zum 150. Landesgeburtstag, zu dessen Ehren das Auto benannt ist. Gleichzeitig fuhr die Konkurrenz namens Vettel Sieg um Sieg ein, als gelte es, sämtliche Geschichtsbücher der Formel 1 neu zu schreiben. Für Ferrari war die erste Hälfte der Saison 2011 so schlecht wie das erste Halbjahr für Italien.

          Im Trentino, hinter etlichen Serpentinen der Strada Statale 239 sitzt vor wolkenverhangenem Himmel auf 1700 Metern Höhe Stefano Domenicali. Er ist verantwortlich für Nummer 150. Aber der Chef der Scuderia macht keinen lahmen Eindruck in Madonna di Campiglio, im Gegenteil. Domenicali ist erstaunlich guter Dinge für einen Ferrari-Teamchef, der seit der Konstrukteurs-WM 2008 keinen Titel gewonnen hat.

          Für einen Ferrari-Teamchef, der über seinen Chef, den Presidente Luca di Montezemolo sagt: „Er ist sehr leidenschaftlich. Sehr leidenschaftlich. Er träumt davon, jedes Rennen zu gewinnen. Wenn wir Zweiter werden, ist er nicht glücklich.“ Dabei wurde sein Team zuletzt häufig Zweiter – an guten Tagen. Fernando Alonso siegte für Ferrari nur in Silverstone Anfang Juli, Red Bull dagegen sechsmal, McLaren bei vier Rennen. Die Zahlen suggerieren, Domenicali sollte sich Gedanken über seine Zukunft machen, weil di Montezemolo es längst tun könnte. Und tatsächlich: Domenicali hat sich seine Gedanken gemacht. Deshalb ist er so guter Dinge.

          Vor dem Aufstieg? Ferrari-Teamchef Domenicali in den Alpen des Trentino

          „Heute muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmen“

          „Die Kultur der Formel 1 hat sich in den vergangen drei Jahren radikal verändert. Wenn wir vor ein paar Jahren ein Problem hatten, brauchten wir uns über die Kosten keine Sorgen machen. Wenn es nötig war, suchten wir hundertmal nach der Lösung. Dann fuhren wir auf die Teststrecke nach Fiorano, machten einen 90.000-Kilometer-Dauertest und hatten die Lösung. Und falls nicht – machten wir das ganze nochmal.“

          Es waren Ferraris goldene Zeiten. Michael Schumacher fuhr Sieg um Sieg, Weltmeisterschaft um Weltmeisterschaft ein. Auch Kimi Räikkönens Fahrertitel 2007, ein Jahr nach Schumachers Abschied, der letzte unter Domenicalis Vorgänger Jean Todt, und die Konstrukteurs-WM 2008 tragen noch die Handschrift des ganz großen Geldes. Die Handschrift der Vergangenheit. In der Gegenwart zählt Leistung nur, wenn sie nicht zu teuer erkauft ist.

          „Heute muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmen“, sagt Domenicali. „Für einen Autohersteller, sogar für Ferrari, ist das normal. Für unser Formel-1-Team ist es ein völlig neuer kultureller Ansatz. Jeder einzelne Mitarbeiter muss sich auf die neuen Verhältnisse einstellen. Das dauert. Insbesondere, wenn du zuvor so erfolgreich warst. Dann ist es schwierig, Veränderungen zu akzeptieren. Das liegt in der Natur des Menschen. Dann ist es, bei all den Emotionen, schwierig, nur rational zu denken.“

          „Fry delegiert die Aufgaben sehr gut“

          All die Emotionen. Treibstoff der Formel 1, jahrzehntelang befeuert von Persönlichkeiten mit Egos, die in der britischen Presse gerne larger than life genannt wurden. Ron Dennis bei McLaren. Flavio Briatore bei Benetton, später Renault. Todt bei Ferrari. Die großen Selbstdarsteller haben sich größtenteils verabschiedet. Sie sind aus der Zeit gefallen. Domenicali macht den Eindruck, als habe er kein Problem mit den modernen Zeiten. „Die ganz großen Namen, die jeder kennt, kannst du heute an einer Hand abzählen. Wichtiger ist, dass du für dein Team Leute findest, die Teamplayer sind. Die nicht für den Chef mit dem großen Ego arbeiten, sondern sofort als Team Leistung produzieren. Das ist die schwierigste Aufgabe, vor der wir stehen.“

          Ende Mai wurde Ferraris Formschwäche so ernst, dass der technische Direktor Aldo Costa abgelöst wurde. An seiner Stelle arbeiten nun Corrado Lanzone als Produktionsleiter, Luca Marmorini als Elektronikchef – und der Brite Pat Fry, verantwortlich für das Chassis. Seither geht es spürbar aufwärts mit den Ergebnissen, weitere Siege Alonsos verhinderte vor allem das schlechte Wetter am Nürburgring und in Ungarn. Der Aufschwung wird auch mit der gedanklichen Freiheit in Verbindung gebracht, die der Brite Fry, bis 2010 bei McLaren, seinen Leuten bei der Problemlösung lässt. „Fry delegiert die Aufgaben sehr gut“, sagt Domenicali. „Er bleibt mit beiden Beinen auf dem Boden, macht das alles sehr rational. Das ist besonders gut, weil er seinen Arbeitsansatz den Leuten bei uns mitgeben kann, die sehr emotional auf Fehler reagieren.“

          „Ich bekomme den Druck ab, das ist Teil des Spiels“

          Anfang September will Domenicali die Entwicklungsarbeit am 150° Italia einstellen und sich voll auf das Modell für das Jahr 2012 konzentrieren. „Einen weiteren schlechten Saisonstart können wir uns auf keinen Fall erlauben.“ Andernfalls kommt er gegenüber di Montezemolo in Erklärungsnöte, da mögen die Zeiten noch so modern sein. „Der Druck ist enorm groß. Ich bekomme ihn ab, das ist Teil des Spiels, Teil von Ferraris Zauber. Ich versuche, ihn nicht weiterzugeben an meine Untergebenen, denn Druck kann schnell zum Desaster führen. Also versuche ich, den negativen Teil zu ertragen und meinen Leuten die richtigen Hinweise zu geben. Auf die richtige Art.“

          Ein bis zwei Jahre, sagt Domenicali, brauche Ferrari noch, bis jeder Mitarbeiter begriffen habe, dass sie in der neuen Formel 1 arbeiten. In seiner Formel 1. Bekommt er diese Zeit? Domenicali hätte sein persönliches Rennen gewonnen.

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