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Formel 1 Ungarn : Hamilton schwebt davon

Gejagt werden nur noch Rekorde: Lewis Hamilton auf dem Hungaroring Bild: AFP

Der Weltmeister lässt auch in Ungarn alle hinter sich – und sammelt weiter fleißig Rekorde. Sebastian Vettel wird von Hamilton überrundet – und fährt dennoch als Sechster ins Ziel.

          3 Min.

          Ein Triumph in Zahlen: 90. Pole Position, achter Sieg allein auf dem Hungaroring, 86. Grand-Prix-Erfolg, dazu die schnellste Runde und ein Streckenrekord auf dem Hungaroring. Das macht 26 Punkte für Lewis Hamilton beim Großen Preis von Ungarn am Sonntag. Mehr geht nicht. Aber die Prognose lässt Spielraum: Der Weltmeister ist nach dem zweiten Sieg im dritten Formel-1-Rennen vor Max Verstappen im Red Bull und Valtteri Bottas im zweiten Mercedes auf dem besten Weg, Michael Schumacher in diesem Jahr als Rekordweltmeister einzuholen. „Das Auto war phantastisch“, sagte Hamilton und streichelte verbal seinen Dienstwagen. Nie war ein Formel-1-Mercedes stärker: „Ich bin sehr glücklich, dieses Auto zu fahren.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wo ist die Fortüne geblieben? Viele Jahre war Sebastian Vettel das Glückskind der Formel 1. Unbefangen, frisch, fröhlich, direkt, der jüngste Weltmeister der Geschichte. Seit ein paar Jahren hat der viermalige Weltmeister verloren, was Champions in schwierigen Momenten an der Spitze hält, so eine Art Bayern-Dusel. Im ersten Grand Prix der vor zwei Wochen begonnenen Saison warf ihn noch eine Fehleinschätzung aus dem Rennen in Österreich. Eine Woche später schoss der hochgeschätzte Teamkollege, Charles Leclerc, den Heppenheimer im Übereifer ab. Feierabend für Ferrari schon in der ersten Runde. Vettel, gerne impulsiv, nahm den Betriebsunfall fast stoisch. Am Wochenende schien er auf gutem Weg, die unglücklichen Augenblicke hinter sich zu lassen. Zum zweiten Mal schneller im Qualifying als der junge Monegasse, den Ferrari zur neuen Galionsfigur erkoren hat. Bei der Scuderia fahren Vergangenheit und Zukunft gegeneinander, wenn auch im Mittelfeld.

          Beim Start schossen die beiden einen Platz nach vorne von Rang fünf (Vettel) und sechs auf vier und fünf, in Schlagdistanz zur Spitze – zumindest augenscheinlich. Auf zunächst feuchter Piste wirkte sich der Leistungsvorteil der Mercedes-Antriebe zunächst nicht so stark aus. Eine Chance für mehr, für einen Angriff auf die Spitze? Für einen Moment sah es so aus. Doch Ferraris Aussicht auf bessere Zeiten ist in diesen Wochen von kurzer Dauer, ein Minutenglück. Weil die Piste schnell abtrocknete, wechselten die meisten Piloten schon in den ersten Runden von Slicks auf profillose Reifen. Ein Akt im Handumdrehen, 2,5 Sekunden Standzeit braucht ein gutes Team für den Service. Vettel stand 9,5. Hinten rechts klemmte es, auch das noch nach all der Verschleppung. Mamma mia! Der Heppenheimer fiel von Rang vier auf acht zurück, hinter Leclerc.

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          „Ich werde die Saison mit Anstand zu Ende bringen“, hatte Vettel nach seiner für viele überraschenden Trennung von Ferrari erklärt. Für einen viermaligen Weltmeister mit Anspruch auf Spitzenplätze ist das keine leichte Übung. Vettel fährt, um zu gewinnen. Aber so weit wie Mercedes mit Hamilton, wie selbst die Teams mit dem Antrieb aus dem Hause Daimler davongefahren sind, kann der Hesse gar nicht schauen. Hamilton lag zwanzig Runden vor dem Ende des Grand Prix gut 22 Sekunden vor dem Niederländer Verstappen im Red Bull und dem Kanadier Lance Stroll im Racing Point, dicht gefolgt von Valtteri Bottas im zweiten schwarzen Silberpfeil. Der Finne verlor seine Aussicht auf den Sieg mit einem schlechten Start. Er bildet zwar zunächst das Schlusslicht einer Führungsgruppe. Aber im letzten Drittel spielte er die Überlegenheit seines Boliden aus, wagte einen zusätzlichen Boxenstopp und jagte mit Bestzeiten vorbei an Stroll auf Verstappen zu. Lassen sich 22 Sekunden Rückstand noch aufholen? Nicht ganz. 0,7 Sekunden lag Bottas im Ziel hinter dem Niederländer. Deshalb freut sich die Konkurrenz inzwischen schon über Rang zwei: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich starten kann“, sagte Verstappen. In der Einführungsrunde war er auf feuchter Piste von der Strecke abgekommen. Dabei war die Aufhängung vorne links beschädigt worden.

          Ferrari ist in diesem Spiel nur noch ein prominenter Zuschauer, ein Mitläufer. Vettel muss allein auf sich schauen, um voranzukommen im großen Rennen, bei dem Versuch, für 2021 doch noch ein aussichtsreiches Cockpit zu bekommen. Die Lust ist ungebrochen, der Antrieb, mit 33 seine Qualität zu beweisen, gewaltig. Größer kann der Druck nach den Missgeschicken und dem Pech kaum sein. Prompt verlor Vettel auf der Jagd nach seinem Teamkollegen kurz die Ideallinie und musste Alexander Albon passieren lassen. Aber aus dem Fauxpas entwickelte sich ein spannendes Intermezzo im Mittelfeld mit Jagdszenen am Limit: Albon am Heck von Leclerc und der Deutsche in „Lauerstellung“ bei Vollgas.

          Just in diesem Moment offenbarte sich das unglückliche Händchen bei Ferrari. Die Scuderia hatte Leclercs F1000 die weichen Reifen verpasst, zu weich für den reifenfressenden Asphalt, wie schon das Rennen der Formel 2 zuvor gezeigt hatte. Die nominelle Nummer eins der Roten wehrte sich, musste aber erst Albon und dann Vettel ziehen lassen. In der zweiten Kurve, auf der Außenbahn, zog der Heppenheimer an seinem Teamkollegen vorbei. Genervt forderte Leclerc den nächsten Boxenstopp, endlich die richtigen Reifen, die harten. Der Preis: Rückfall auf Rang fünfzehn. Vettel folgte neun Runden später, ließ gleich zwei Bestzeiten folgen und arbeitet sich auf Rang fünf vor. Ein Lichtblick?

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          Der Himmel über dem Hungaroring färbte sich dunkelgrau, als Lewis Hamilton auf dem Weg zu seinem achten Sieg auf dem Hungaroring Leclerc vor sich sah – und dann hinter sich ließ. Überrundet nach 44 Touren. Das deutete auch in Ferraris Machtzentrale Maranello auf eine heftige Gewitterstimmung hin, zumal der Champion in der 58. von 70 Runden auch an Vettel vorbeizog. Selbst Lance Stroll leistete sich als Vierter einen weiteren Boxenstopp, ohne von Vettel überholt zu werden. Der musste sich drei Runden vor dem Ende noch Albon geschlagen geben: Sechster. Leclerc kam nicht einmal in die Punkteränge: Elfter. Vor einem Jahr wäre Ferraris Teamführung die Vorhersage eines solchen Rückstands ein müdes Lächeln wert gewesen. Tempi passati.

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