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Rassismus im Motorsport : Die Formel 1 und der Schatten Ecclestones

Langjähriger Kopf der Formel 1: Bernie Ecclestone Bild: Imago

Reich reicht nicht: Die Formel 1 versucht vor dem Schatten Bernie Ecclestones davonzurasen und ihr Geschäft mit gesellschaftlichem Anspruch aufzuladen. Kann das gelingen?

          5 Min.

          Als Bernie Ecclestone über die Formel 1 herrschte, war diese Welt klar sortiert. Es gab uninteressante Menschen, das war der überwiegende Teil der Menschheit. Und es gab interessante Menschen. Das waren diejenigen, mit deren Talent sich viel Aufmerksamkeit erzeugen ließ. Piloten, die dem Tod ins Auge sahen und trotzdem Vollgas gaben. Sie lockten Zeitgenossen an, auf die es Mister E., der Pate des Kreisverkehrs, besonders abgesehen hatte. Ihn interessierte weder Ansehen noch die Haltung mitunter schillernder Persönlichkeiten, schon gar nicht ihre Vergangenheit – solange der Einsatz stimmte.

          Christoph Becker
          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Beispiel Südafrika skizziert Ecclestones Maxime: Von 1962 bis 1985 raste die Formel 1 durch den Apartheidsstaat, während der Rest der Sportwelt, abgesehen von Neuseelands Rugbyteam, das Regime geächtet hatte. 1992 und 1993, Nelson Mandela war aus der Haft entlassen, aber noch nicht Präsident, versuchte Ecclestone es noch einmal, aber seit die Weißen die Politik des Landes nicht mehr diktieren, ist die Formel 1 nicht mehr dort aufgetreten. Eine Frage des Geldes. Weil es im Wesentlichen weiße Männer waren und sind, die der Formel 1 das Treibmittel zur Verfügung stellen, und sich niemand in all den Jahrzehnten unter Ecclestone ernsthaft eine Veränderung der Monokultur wünschte, blieb alles so, wie es ist. Die Formel 1 ist der Spielplatz der Reichen – der Weißen.

          Der Geist über dem Fahrerlager

          Die Herrschaft Ecclestones ist seit mehr als drei Jahren zwar offiziell vorbei. Doch wenn die Formel 1 an diesem Wochenende in Österreich, wegen der Corona-Krise ein Vierteljahr später als geplant, in die Saison 2020 startet, rast der Alte mit. Er mag nicht mehr das Gesicht der Branche sein, das ist längst schwarz und jung. Aber Ecclestones Geist schwebt über dem Fahrerlager. Das hängt mit seiner Nonchalance zusammen, Autokraten und Diktatoren von Putin über Alijew bis Hitler öffentlich zu bewundern, auch mit seiner unverhohlenen Affinität für die Symbolik des Nationalsozialismus. Vor elf Jahren, just vor dem Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, lobte der Brite den Völkermörder aus Braunau für dessen Schaffenskraft („konnte viele Menschen führen und war fähig, Dinge zu erledigen“).

          In Ecclestones Formel 1 wurden Gäste von dessen österreichischem Koch schon mal mit „Heil Hitler“ begrüßt. Der Lancia Astura, mit dem Italiens Faschistenführer Benito Mussolini den deutschen Diktator 1938 durch Rom kutschieren ließ, fand den Weg in Ecclestones Oldtimer-Sammlung. Der frühere Teamchef und Rennbetrüger Flavio Briatore hob in Ecclestones Reich den rechten Arm ungestraft, als er einst einen deutschen Motorsportdirektor im Fahrerlager erblickte. Die Szene fuhr über diese Entgleisungen hinweg. Sie verwies auf 70 Nationalitäten allein in einem Team. Die Formel 1 als Schmelztiegel der Menschen jeder Couleur?

          Das wichtigste Rennen: Gelingt es Lewis Hamilton, die Formel 1 vom Denkmuster der Ära Bernie Ecclestone zu befreien?

          Alle wissen, dass nicht Menschenliebe, sondern Leistungsfähigkeit (immerhin) die Zusammenstellung der Teams bestimmt. Deshalb reagierte die Presseabteilung des Formel-1-Managements unter Leitung des Amerikaners Chase Carey blitzartig, als Ecclestone, der am Mittwoch mit 89 zum vierten Male Vater wurde, bei CNN behauptete, oft seien schwarze Menschen „rassistischer als weiße“ Menschen: Diese Aussagen hätten weder einen Platz in der Formel 1 noch in der Gesellschaft, teilte die Serie mit. Seit seinem Abgang 2017 habe Ecclestone keine Rolle in der Formel1 mehr gespielt, seit Anfang 2020 sei er auch nicht mehr der Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrates.

          Hamilton hält der Formel 1 den Spiegel vor

          Die Zeiten des alten Mannes sollen vorbei sein. Aber sein Vermächtnis wirkt bis heute. Seit Wochen macht Lewis Hamilton darauf aufmerksam. Der Weltmeister ist das einzige global bekannte Gesicht der Rennserie, der einzige Fahrer mit afrikanischen Wurzeln. Hamilton lobte auf Instagram die Demonstranten, die das Abbild des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol im Fluss versenkten. Er ging in London bei einer „Black Lives Matter“-Demonstration auf die Straße, und er klagte über den Alltag im Motorsport wie in der Formel 1: Zu viele würden schweigen, zu wenig werde getan, um nichtweiße Ingenieure in die Serie zu holen. Am Donnerstag sagte er in Spielberg, von den anderen Teams habe er hierzu nichts gehört. Er wünsche sich eine gemeinsame Aktion der Fahrer am Sonntag, vor allem aber langfristiges Engagement.

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