https://www.faz.net/-gtl-a2av2

Frentzen zur Formel 1 : „Den Jungen wird nichts fehlen“

Langjähriger Formel-1-Fahrer: Heinz-Harald Frentzen (rechts, hier neben Michael Schumacher in San Marino) Bild: Picture-Alliance

Im F.A.Z.-Interview begründet der ehemalige Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen, warum die Formel E die Zukunft des Motorsports sein wird. Er benennt auch die derzeitigen Probleme der Formel 1.

          4 Min.

          Sie haben 157 Grands Prix bestritten. Verfolgen Sie noch die Formel 1?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ja, ich schaue mir die Rennen schon an, wenn es zeitlich passt. Ich war auch im vergangenen Jahr privat beim Grand Prix in Abu Dhabi. Aber die Formel 1 ist schon lange nicht mehr mein Lebensmittelpunkt.

          Sie fahren seit Jahren elektrisch?

          Das stimmt. Ich habe mich schon vor mehr als zehn Jahren mit dem Thema beschäftigt und unter anderem ein Konzept für den ersten Superhybrid-Rennwagen 2008 entwickelt, einen Rennwagen, der auch mit konventionellem Motor auf der Rennstrecke fahren konnte. Das Konzept sah vor, dass die Bremsenergie gespeichert werden sollte, um sie für den Vortrieb nutzen zu können. Es ist später in der Sportwagen-WM umgesetzt worden.

          Die Formel 1 hat so ein ähnliches System, das sogenannte Kers, 2009 eingeführt. Sind Sie über den Motorsport zum Ökologen geworden?

          Zumindest hatte ich die Idee, dass Motorsport effizienter umgehen sollte mit der Energie. Der Motorsport hatte damals ein Imageproblem.

          Wie haben Sie das festgestellt?

          Ich habe damals eine Ölfirma angesprochen, ob sie mich sponsern wollte. Ich bekam zur Antwort, dass sie lieber im Fußball oder bei anderen Sportarten werben wollte, die grüner seien. Das sei besser für das Image. Wenn schon eine Ölfirma wenig Interesse hatte, in den Motorsport einzusteigen, dann musste er ein Imageproblem haben.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Sichern Sie sich alle aktuellen Informationen und Hintergründe zur Präsidentenwahl

          Jetzt F+ für nur 1€/Woche lesen

          Weil die Menschen, wenn sie Formel 1 hören, an viele PS, brüllende Motoren und einen hohen Benzinverbrauch denken?

          ...ja, so sah das aus, obwohl die Verbrennermotoren effizienter wurden. Ich dachte, dass trotzdem etwas geändert werden müsste.

          Sie sind dann mit einem Elektrorenner über den Nürburgring gesaust?

          Was nicht jeder begrüßt hat. Rennwagen mit Elektromotoren, das war verpönt damals. Keine Vibrationen, wenig Geräusch, das mochten die Traditionalisten nicht. Es gab damals auch ernstzunehmende Skepsis oder Sorgen: Wie gefährlich ist die Hochspannung für den Fahrer bei einem Unfall oder für die Rettungsteams? Ich war mir anfangs auch nicht sicher, es ging schließlich nicht um zwölf Volt, sondern um 400. Aber wir haben die Unsicherheit schnell beseitigt. Das gehört auch zum Prozess der Homologation meines Autos. Bei einem Unfall zum Beispiel schaltet sich die Batterie sofort ab.

          Obwohl diese Gefahren längst gebannt sind, gibt es immer noch Berührungsangst im Motorsport.

          Das mag sein. Aber es hat sich extrem viel geändert in den vergangenen zehn Jahren. Damals wog so ein Energiegewinnungssystem 100 Kilogramm und produzierte 150 PS. Heute wiegt die Einheit 20 Kilogramm und schafft 250 PS. Die Batterien sind viel leichter und halten länger. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist enorm. Sie wird zunehmen, sobald es mehr Experten im Motorsport gibt. Das wird kommen, es geht nur nicht von heute auf morgen.

          Aber über die elektrische Formel E, die jetzt in Berlin ihr Finale ausfuhr, rümpfen Formel-1-Piloten die Nase.

          Das kann ich verstehen. Aber die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Auch in der Formel 1, die mit einem Hybridsystem fährt, wird ständig über eine Verbesserung der Elektroantriebssysteme nachgedacht.

          Heinz-Harald Frentzen während einer Talkshow im Januar 2019
          Heinz-Harald Frentzen während einer Talkshow im Januar 2019 : Bild: Picture-Alliance

          Die Formel 1 behauptet standhaft, sie sei nicht Teil des Klimaproblems, sondern könne zur Lösung beitragen. Was halten Sie davon?

          Es wird nicht gelingen, die in der Formel 1 mit Hochdruck vorangetriebene Entwicklung von moderner Technik für die Elektromobilität eins zu eins auf die Serienproduktion zu übertragen. Aber wenn der Grundansatz gestützt wird und zunehmend an Bedeutung gewinnt, dann entsteht in den Köpfen der Ingenieure eine enorme Kraft. Sie wird sich ausbreiten und neuen Schwung entfachen durch die vielen Innovationen.

          Also sollte man auf die Formel E setzen?

          Die Formel 1 wird es mit dem Hybridkonzept, effiziente Verbrennermotoren mit Energiegewinnung für den Betrieb von Elektromotoren zu kombinieren, noch einige Jahre geben. Die Behauptungen der Formel-1-Ingenieure sind auch nicht von der Hand zu weisen. Zu meiner Zeit fuhren wir mit 220-Liter-Tanks. Heute reichen 130, 140 Liter für die gleiche Distanz (rund 300 Kilometer/d. Red). Und die Autos fahren schneller. Der Spritverbrauch ist also sehr deutlich gesunken. Aber wenn ich investieren müsste, dann würde ich nicht auf Technik der Gegenwart setzen, sondern auf die der Zukunft. Das ist die Elektromobilität. Die Formel E hat viel Potential. Ich meine aber, dass sie schneller vorankommen kann, um sich als Rennsport zu etablieren.

          Wie?

          Die Rennställe und beteiligten Konzerne müssten größere Freiheiten haben. Das Reglement grenzt sie zu sehr ein. Ich kann den Hintergrund nachvollziehen. Es wird dann schnell wesentlich teurer beim Wettlauf um die beste Technik. Aber diese Beschleunigung würde im Handumdrehen zu Innovationen führen. Ich denke zum Beispiel an noch leichtere Batterien, an noch leichtere, aber dennoch starke Elektromotoren.

          Die Formel E wird die Formel 1 ablösen?

          Ich denke schon. Wir befinden uns im Moment in einer Übergangssituation, in der die Traditionalisten, in England sagt man Petrolheads (Benzinköpfe, d. Redaktion), noch sehr starken Einfluss haben auf die Gestaltung des Motorsports. Aber das wird sich mit den Jahren ändern. Der Druck wächst, er kommt aus allen Richtungen. Die jungen Leute werden wie selbstverständlich mit Elektroautos groß werden und dann nichts vermissen an einer Rennstrecke, solange sie die schnellsten Autos fahren sehen.

          Fahren Sie noch ein schnelles Auto?

          Meine Frau und ich fahren seit 2014 elektrisch. Ich schmunzele manchmal, wenn mir jemand von seinem starken Auto vorschwärmt. Da könnte ich mit dem Tesla mehr bieten, falls ich wollte. Mancher kommt damit nicht klar.

          Das Tempo juckt nicht mehr?

          Das würde ich so nicht sagen. Aber ich habe schon einen Riesenspaß, wenn ich morgens in mein Auto steige und sehe, dass ich mit selbst produziertem Strom die Batterie des Autos geladen habe.

          Sie produzieren Strom?

          Ja. Alles, was wir an Energie verbrauchen im Haus und mit den Autos, produzieren wir selbst. Ich habe eine Photovoltaik-Anlage und für den Winter, wenn das Licht weniger wird, ein Heizblockkraftwerk. Der Wirkungsgrad liegt bei 98 Prozent. Den überschüssigen Strom verkaufe ich. Die Investition in unsere Anlagen hat sich nach sechs Jahren amortisiert. Ich werfe keine Energie weg.

          Sehen Sie eine Alternative zur Elektromobilität, ob nun im Rennsport oder auf der Straße?

          Es gibt aus meiner Sicht im Moment keine Alternative. Ich bin 2005 die Rallye Monte Carlo für alternative Antriebe mit einem Wasserstoffantrieb gefahren. Das ist eine gute Sache. Aber es wird dabei sehr viel mehr Energie gebraucht, etwa um den Faktor 1,7 mehr als bei der direkten Ladung einer Batterie mit Strom. Der reine Elektrowagen ist gegenwärtig wesentlich effizienter.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

          Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

          Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
          Der Apfel: Das Firmenlogo von „Apple“

          Aktiensparpläne : Alles auf Apple

          Je länger es keine Zinsen gibt, desto mehr Leute setzen auf Sparpläne. Außer ETF besparen Anleger auch zunehmend Einzelaktien. Das kann gefährlich werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.